Zur positiven Zeitwahrnehmung

08.07.2004 | Dietmar Fritze

Mancher wird nur deshalb kein Denker, weil sein Gedächtnis zu gut ist..." spöttelt Nietzsche. Zeit kann in der Tat zum Mühlstein um den Hals werden, wenn sich die Bürde der Vergangenheit ständig ins Bewußtsein drängt. Deswegen ist es sehr sinnvoll, Zeit auch zu verstehen als etwas, das uns wie ein Füllhorn zum frischen Gebrauch jeden Morgen auf die Bettdecke in die Nähe der Hände geschüttet wird - soll bedeuten:

Es ist wichtig, Zeit nicht wie ein zum Tode Verurteilter schier passiv abzusitzen, sondern sie völlig gegenteilig sehr aktiv als ein zu formendes Material anzusehen, das erlaubt, unsere Wünsche, Ziele, Selbstvorstellungen hineinzutöpfern, auf eine Leinwand zu werfen, auf Filmmaterial zu bannen, auf Papier oder einfach in den Tag zu kritzeln. Wenn man Zeit aktiv erlebt wie eine täglich neue Chance, sich Profil zu verleihen und nicht wie einen Bumerang, der einen hinterrücks am Schädel trifft - dann ist man einen wichtigen Schritt voran.

Nun ist bekannt, dass Zeitwahrnehmung nicht nur gekennzeichnet ist durch den erstarrten Blick nach hinten oder den spannungsvollen nach Vorne - sondern Zeit wird auch entweder mit Hektik oder mit quälender Langeweile in Verbindung gebracht: durch die Brille der Geschwindigkeit, des Tempos oder des Kriechganges empfunden. Der bekannte Schriftsteller Günter Grass bemerkte: "Ich schlage vor, in allen Schulen einen Kurs zur "Erlernung der Langsamkeit" einzuführen. Von mir aus darf es sogar ein Leistungskurs sein: Die bewußte Verzögerung, das Erlernen des Innehaltens..." und der Zeitforscher Karlheinz Geißler formuliert: "Es geht nicht um eine optimale Nutzung der Zeit, sondern um die Entwicklung von Fähigkeiten, Eigenzeiten wahrzunehmen..." Zur Verdeutlichung: Unter Fremdbestimmung verstand man stets die Zeit, durch welche man als Sklave mit den Zielen Fremder erbarmungslos hindurchgepeitscht wurde. Unter Geißler's "Eigenzeit" wäre wohl zu verstehen, was eindeutig der selbstbewußten Entfaltung innerer Möglichkeiten entspricht - ohne eine von außen aufgezwungene Hektik. Dies wäre durchaus eine Wohltat für die SchülerInnen unserer Tage - sicherlich aber auch für die LehrerInnen und Eltern - schlichtweg für alle Menschen.

Wenn berufliche Strukturierungen dergleichen allzu höhnisch übersehen, wird es immer mehr Ausfälle im Schaffensprozess geben; das heißt: inhumane Arbeitsplatz-Situationen sind nur eine zeitlang profitabel, bei steigendem Krankenstand sind sie es mitnichten. Das Reflektieren der Zeit als Zerstörungsfaktor oder produktiver, Glück bringender Moment: ein solcher innehaltender Besinnungsprozess scheint in allen Bereichen eigentlich unumgänglich. Seltsam: das Verharren an diesem Punkt wäre kein unproduktives Stocken, sondern die Chance zu einer bewußter und effektiver wahrgenommenen Zeit - ähnlich jenem Augenblick, den jeder (hoffentlich) kennt: Man betritt einen Strand und sieht vor sich eine endlos zu beschreitende, helle Weite. Dringend therapiebedürftig, wer in einer solchen Sekunde nicht zugleich mit seinem Hund zum explosiven, fröhlichen Loslaufen sich gedrängt fühlt, sondern, wie wohl phasenweise der eingangs erwähnte Nietzsche, vom Gedächtnis zermalmt nicht ins gestaltende Denken hineinfindet...

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