10 Zukunftsthesen

17.09.2010 | Peter Felixberger

Was wollen wir auf dem Weg in die Zukunft mitnehmen? Welche Werte und Leitbilder? Welchen Wohlstand und welche Lebensqualität? Der Publizist Peter Felixberger hat genau hingesehen: Auf die Erfolgreichen im Karussell der individualisierten Gesellschaft. Auf die gesellschaftliche Mitte auf dem schwankenden Schiff der sozialen Marktwirtschaft. Und auf die Schwachen in den lautlosen Ghettos lebensweltlicher Kränkung. 10 Dinge hat er in seinen Zukunftsrucksack eingepackt.

1. Selbstbestimmung

Individualisierung ist für viele der höchste Wert, den sie mitnehmen. Die Menschen wollen künftig ein Leben in Eigenregie führen. Institutionen (Regeln und Normen, Verfassung, Strafrecht, Verträge (allgemein) usw.) bilden nur noch einen administrativen Rahmen (Gesetze, Steuern, Gesundheitssystem, Wahlen, Sozialstaat). Nicht wenige werden die Individualisierung jedoch als Bedrohung und soziale Zerstörung betrachten. Denn wir leben zunehmend in einer Doppelgesellschaft. Reservate zum Wohnen und Leben für Reiche, Ghettos zum Überlebenskampf für Arme. Die kompakte Mitte des industriellen Kapitalismus schmilzt dahin. Stark ist nur noch, wer die Märkte zum eigenen Vorteil auszunutzen oder materielles Erbe abzutragen vermag.

2. Leistung

Jeder Mensch muss fähig sein, leistungsorientiert leben und arbeiten zu können. Leistung bedeutet Probleme lösen und kreativ sein zu können. Autonom ist erst, wer etwas leistet. Unfrei ist, wer nichts leisten darf und kann. Kreativität und Motivation entscheiden über unsere Wertschöpfung. Die moderne Gehirnforschung hat erbracht, dass Leistungswille und -bereitschaft nicht von außen verordnet werden können, sondern nur aus jedem selbst heraus gebildet werden. Das setzt aber voraus, dass jeder Mensch an der Leistungsgesellschaft teilhaben kann und dafür belohnt wird. Leistung ist ein Menschenrecht und keine Pflicht.

3. Ungleichheit

In der Arbeitswelt von morgen wird große Ungleichheit herrschen. Es kommt zu einer Zweiteilung der Erwerbstätigen. Kernbelegschaften und Selbständige, die über Qualifikationen und spezifische Erfahrungen verfügen, sind die Gewinner. Randbelegschaften und Selbstbeschäftigte, die über solide, aber nicht über unverzichtbare Qualifikationen verfügen, sind die Verlierer. Eine neue Gruppe sind die Selbstbeschäftigten, die mit einfachen Dienstleistungen die Netzwerke der Hochqualifizierten unterstützen. Da der Anteil der Deutschen durch den Bevölkerungsrückgang sinkt, wird es überdies auf Zuwanderer und Migranten ankommen. Ohne sie werden wir wirtschaftlich nicht zukunftsfähig sein.

4. Respekt

Wir eröffnen allen Menschen die Möglichkeit, über die Bedingungen ihrer Abhängigkeit selbst mitzubestimmen. Jeder beschränkt sich, damit andere ihre Autonomie leben können. Jeder ist höchstmöglich bestrebt, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Blüte zu bringen. Jeder sorgt sich also um sich selbst, ist aber gleichzeitig bestrebt, den anderen etwas zurückzugeben. Gegenseitige Anerkennung von Bedürfnissen wird zum Leitmotiv menschlichen Zusammenlebens. Eine große Zukunftsfrage lautet deshalb: Wie begegnet der Starke jenen Menschen mit Respekt, die dazu verurteilt sind, schwach zu bleiben?

5. Kreativität, Innovation

Eine neue Ökonomie entsteht, in der Ideen wichtiger sind als Produkte. In der Kreativwirtschaft schaffen Ideen passgenaue Lösungen für individuelle Bedürfnisse. Wir stecken inmitten des Übergangs von der Industrie- zur Ideenwirtschaft. Das heißt vom Zeitalter der uniformen und standardisierten Massenprodukte in die Ära der individuell angepassten, vielfältigen Warenwelt. Unikat statt Uniform!

6. Bildung

Die Bildungsrevolution zwischen 1950 und 1980 hat den Anteil der Gymnasiasten und Studenten binnen kurzem vervielfacht. Der „Fahrstuhleffekt“ wirkte materiell und psychologisch als Stütze. Mit dem Übergang in eine kreative und innovative Ökonomie gilt es, Anschluss zu halten und die Menschen weiter zu integrieren. Humane Schule bedeutet, dass der Mensch sich selbstständig verhält und seine Verantwortung sich selbst und der Gemeinschaft gegenüber wahrnimmt. Der selbstgefällige Homo oeconomicus ist auf Dauer nicht überlebensfähig, sondern nur selbstbewusste, urteilsstarke Menschen, die Entscheidungen fällen, Verantwortung übernehmen, Konsequenzen ziehen und zugleich respektvoll und wertschätzend den Blick aufs große Ganze richten. Die eigentlichen Ziele von Schule sind Persönlichkeitsentwicklung und Urteilskraft, also die Fähigkeit, sich auch in schwierigen Kontexten eine Meinung bilden zu können, nicht wankelmütig zu sein.

7. Wohlstand

Künftig steht materieller Reichtum weniger im Mittelpunkt. Wenn wir allerdings nichts tun, werden seine Bedrohungen: Niedriglöhne, Armut, Unsicherheit und Politikverdrossenheit, uns im Schraubstock halten. Ziel ist die selbstbestimmte Idee, Konzeption und selbstorganisierte Realisierung eines gelingenden Arbeits- und Privatlebens. Das persönliche Wohlergehen emanzipiert sich von der Macht des Geldes. Die Vielfalt, die man dabei entdeckt, geht weit über materiellen Reichtum hinaus. Jeder sollte sein Wohlergehen im Sinne einer Verwirklichung selbst formulierter Ziele aus eigener Kraft anstreben können. Wer arm ist, darf nicht isoliert werden, sondern muss um jeden Preis Zugang zur Arbeitswelt erhalten. Zu spüren, dass man selbst wirksam ist, wird zum höchsten Wohlstandsziel.

8. Vertrauen

Es ist der Anfang von allem. Ohne eine Vertrauenskultur gibt es keine gegenseitige Verlässlichkeit. Man muss den Menschen vertrauen, etwas zutrauen, um sie selbstverantwortlich Entscheidungen treffen lassen zu können, deren Konsequenzen sie dann aushalten müssen. Das ist die Bedingung von Freiheit. Vertrauen hat viel mit Ehrlichkeit zu tun, diese wiederum hat mit Verlässlichkeit zu tun. Wer sich auf andere verlässt, erwartet Ehrlichkeit in allen Lagen. Auf dieser Basis lässt sich gesellschaftlicher Zusammenhalt oder sozialer Kitt entwickeln. Staat und Politik wird deshalb immer weniger vertraut, die Menschen werden selbst aktiv. Es selbst in die Hand nehmen können, wie man morgen leben will, ist die höchste Zivilisationsform der Menschheitsgeschichte.

9. Verantwortung

Die aktive Bürgergesellschaft basiert auf der individuellen Freiheit zu gestalten sowie Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Gegenseitige Hilfe ist der Hauptschlüssel in der investiven Gesellschaft. Die Menschen vertrauen darauf, dass jeder sich fair verhält und dass die Führungskräfte in Politik und Wirtschaft so aufrichtig sind, wie man es von anständigen Menschen erwarten darf. Die Politik sieht sich diesbezüglich als Dienstleister und schafft Räume, in denen sich dafür notwendige Kapazitäten und Fähigkeiten entwickeln können. Sie gibt den Bürgern persönliche Verantwortlichkeit zurück und begeistert sie gleichzeitig für gemeinsame Anliegen. Der Bürger wird zum Citoyen, der die Zukunft seiner Polis gemeinsam mit anderen erneuernd gestaltet. Die Devise: Handle stets so, dass du die Zahl der Möglichkeiten erhöhst. Für dich und die Gesellschaft, in der du lebst!

10. Geld

Materielle Armut ist das schlimmste Stigma bürgerlicher Selbstvergewisserung. Armut bedeutet aber nicht nur Geldknappheit, sondern besonders auch der Mangel, das tun zu können, was man will. Geld verhindert vielerorts als Illusionsmaschine den Blick auf diese Selbsterkenntnis. Es versperrt den Blick auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Es bedarf eines genau austarierten Gleichgewichts zwischen Sinn und Geld. Das Motto: Tu, was du magst, dann bekommst du, was du brauchst! Die Quelle für Freiheit, Glück, Sicherheit oder Unabhängigkeit sind und bleiben die Menschen selbst. Sie selbst sind das Tauschmittel. Sie bestimmen über ihr Leben. Mit viel und weniger Geld. Hier beginnt die Zukunft. Ein Grundeinkommen für alle bleibt unverzichtbar.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Gesellschaftspolitik | Peter Felixberger | weiterempfehlen →