Worthülsen, Passfotos und Emotionen

02.05.2005 | Bettina Blaß

Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Es ist nicht zu übersehen. Die Straßen sind verschandelt mit großen und kleinen Plakaten in allen möglichen Farben. Auf vielen sieht man nichts weiter als Gesichter. Soll dadurch Menschlichkeit und Nähe transportiert werden? Der mittel-alte Mann mit dem konservativen Scheitel und der Brille, der spricht mich nicht an. Die junge, gut aussehende Frau in meinem Alter schon eher.

Aber ich weiß dadurch noch lange nicht, ob sie meine Interessen vertreten wird. Eben so wenig wie bei Frau Meier oder Maier oder Meyer oder Mayer - nicht einmal die richtige Buchstabenkombination konnte ich mir im Vorbeifahren einprägen. Im Kopf geblieben ist nur, dass unter ihrem Gesicht "Mensch Meier" steht. Was soll mir das sagen? Dass ich mit ihr schimpfen darf? Dass der Mensch im Mittelpunkt dieser Parteigrundsätze steht? Ein Argument ist das nicht ...

A propos Argumente: "Das Boot geht unter" konnte ich auf einem Plakat lesen. Und "Denkzettel für Hartz IV" oder so ähnlich - argumentativ ist das auch nicht. Emotional und emotionalisierend, aber weit davon entfernt, einen Lösungsansatz für nordrhein-westfälische Probleme zu bieten. Ähnlich tump: "Deutschland den Deutschen". Ohne internationalen Zuwachs stünde die deutsche Rentenversicherung noch ein bisschen schlechter da als heute, ohne unsere türkischen, italienischen oder griechischen Unternehmer gäbe es noch weniger Arbeitsplätze.

Aber auch die großen Parteien werben nicht besser für sich: Ein Wahlversprecheneinheitsbrei wird geboten: "Mehr Arbeitsplätze", "Eine Million Arbeitslose ist genug", "Arbeitsplätze versprechen kann ich nicht - aber ich werde täglich dafür kämpfen". Toll. Und wo sind die Konzepte dafür? Fallen die Arbeitsplätze vom Himmel? Oder entstehen sie, wenn man eine Partei wählt, die die Kohlesubventionen streichen möchte und dadurch mehr Geld in die Bildung stecken kann? Ob die Wähler dieser Partei daran denken, dass ohne Kohlesubventionen in erster Linie Arbeitsplätze wegfallen werden? Die gleiche Partei verspricht natürlich auf der Plakatrückseite mehr Arbeitsplätze. Wie lässt sich beides vereinen?

Just diese Partei will ein Freund von mir wählen. Aber weil wir außer Bildung nicht wissen, was sie sonst zu bieten hat, gehen wir auf die Homepage - Enttäuschung. Zwar das Wahlprogramm auf türkisch (Pluspunkt!), aber das Programm besteht aus Forderungen allgemeinster Art. Da hat nichts Hand oder Fuß, das ist alles wachsweich und lauwarm. Klar - wer keine Fakten bietet, kann später nicht beschuldigt werden, sein Wahlversprechen gebrochen zu haben.

Was wünsche ich mir für die Zukunft? Dass es eine Internetseite gibt www.wahlkampf-nrw.de, auf der alle Wahlprogramme vorgestellt werden, sortiert nach Parteien, gerne in türkischer, italienischer, englischer, spanischer, französischer und natürlich auch deutscher Sprache. Dort sollten alle Politiker mit Foto anzusehen sein, dazu eine kurze Vita, eine Kontaktmail-Adresse für Anfragen, ein Konzept für ihre zukünftige Arbeit. Vielleicht von den Spitzenkandidaten auch ein kleiner Videostream, damit man den Menschen in Bewegung sieht, seine Stimme hört, für sich entscheiden kann, ob man diesem Menschen vertraut oder nicht.

Eingebunden auf die Seite gehört natürlich auch der Wahlomat der Bundeszentrale für politische Bildung, damit man sehen kann, welche Partei den eigenen Interessen am nähsten kommt. Dazu: Ein Newsletter-Service, der mich über Veranstaltungen der Parteien informiert. Ich will Frau Merkel und Herrn Stoiber, Herrn Schröder und Herrn Fischer in Köln sehen, will hören, was sie mir zu sagen haben, bevor ich bei einer ihrer Parteien mein Kreuzchen mache. Und ich will nicht in Zeiten von Politikmüdigkeit mir alle Informationen überall selbst zusammen suchen müssen. Ich will nicht einem Konterfei an einer Straßenlaterne mein Vertrauen schenken müssen. Und ich will auch nicht zwischen zwar andersfarbigen aber inhaltlich gleichen Plakaten entscheiden müssen, wer mich und meine Interessen künftig am besten vertritt.

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