Wissensgesellschaft

13.07.2009 | Stefan Thiesen

In einem wahren medialen Trommelfeuer wird uns seit einigen Jahren über alle Kanäle der Massenkommunikation die "moderne Informations- und Wissensgesellschaft" angepriesen und - angemahnt. Wie jede Ideologie hält auch unsere derzeitige (deren Namen mir nicht einfallen will, so sie denn schon einen hat) die eigene Verblendung nicht nur für Notwendigkeit, sondern auch kompromisslos für die beste aller Welten.

Was aber ist gemeint mit Wissensgesellschaft? Das hört sich zunächst hübsch an. So wie "Eine demokratische Gemeinschaft freier und gebildeter Bürger, die über alle wissenschaftlichen, sozialen und politischen Belange ihrer Zeit umfassend informiert sind und entsprechend informiert gemeinschaftlich ständig weise Entscheidungen über den Lauf der Welt treffen." Mir erscheinen die Schlagwörter vielmehr ebenso bedeutungsschwanger wie zugleich inhaltsleer. PISA Studie, lebenslanges Lernen, Bildungsmisere, und das alles natürlich zur Sicherstellung des allerhöchsten gesellschaftlichen Zieles: ständiges Wirtschaftswachstum. Das Bild der Moderne ist eines, das den ewig steigenden Lebensstandard durch ein ewig währendes Wirtschaftswachstum, angetrieben durch immer mehr Wissen und Innovation in den schönsten Farben ausmalt. Diese Betrachtung stellt die wirklichen Zusammenhänge meines Erachtens vollkommen auf den Kopf. Unser Wirtschaftsystem hat eingebaute Mechanismen, die schon bei zu geringem Wachstum zu einem Versagen des Systems führen. Growth or decline heißt es im Englischen. Es gibt nur diese beiden Varianten. Wachstum oder Niedergang. Im Konkurrenzkampf der Unternehmen wird daraus übergangslos "grow or perish" - wachse, oder stirb. Das Problem der Wachstumsgesellschaft ist dabei eine seit Jahrtausenden bekannte Binsenweisheit: Das physikalische Dilemma der Unmöglichkeit eines unbegrenzten exponentiellen Wachstums in einer begrenzten Welt - ein Dilemma, das sich bestenfalls mit quasi religiösem Eifer oder einer psychopathologischen Weltanschauung, nicht aber mit Fakten, hinwegdiskutieren lässt. Ressourcen sind begrenzt. Wir sind nicht 100% sicher im Einzelfall wo die Grenzen liegen, aber sie sind begrenzt. Auch die Tragfähigkeit des Planeten und schlicht der verfügbare Platz ist eine solche Ressource. Ja selbst das Wachstum scheinbar unbegrenzt produzierbarer Wirtschaftsgüter wie Software stößt schnell an Ressourcengrenzen - beispielsweise ist die Zeit des Konsumenten recht unflexibel auf 24 Stunden pro Tag begrenzt. So können etwa Computerspiele theoretisch in fast unbegrenzter Menge produziert werden, weil sie nur bedingt Energie und Bodenschätze verbrauchen, während praktisch aber die Wachstumsgrenze durch die limitierte Zeit des Konsumenten gesetzt wird. Virtuelle Konsumenten könnten Abhilfe des Dilemmas Schaffen - Computerspiele spielende Computer also. Videofilm schauende Videorekorder. Endloses Wachstum! Das ist nicht so absurd, wie es scheinen mag, schließlich ist ein Großteil der weltweit produzierten Güter vollkommen sinnfrei, schließlich ist auch ein Großteil der globalen Geschäftemacherei ein vollkommen virtuelles und sinnentleertes Unterfangen.

Ich möchte einen anderen Bildungsbürger Blickwinkel anbieten. Einen, in dem forsche, hochintelligente Akademiker aus einer eher objektiven Sicht keineswegs zur Elite einer freien Wissensgesellschaft gehören, sondern vielmehr zu hochspezialisierten Sklavenkasten, die vor lauter Spezialisierung von den eigentlichen Vorgängen auf der Welt kaum etwas mitbekommen und den Blick für das Ganze nicht nur verloren, sondern in der Regel nie gelernt haben. Diejenigen, die sich diesen Blick irgendwann einmal erarbeitet haben, verlieren ihn schnell, weil er Kraft kostet, und die gesamte Kraft wird für gewöhnlich durch das Sklavendasein aufgezehrt. Natürlich nennt man die Sklaven nicht Sklaven. Man nennt sie Arzt, Produktmanager, Fachanwalt, Entwicklungsingenieur, und in sehr vielen Fällen merken sie nicht einmal etwas von ihrem Sklavendasein, da sie durch Kindergarten, Schule und Universität sorgfältig darauf getrimmt sind, wie selbstverständlich die vorgekauten Gedanken anderer Leute zu denken und sie für ihre eigenen zu halten.

Auffällig wird das erst, wenn man wie ich nach jahrzehntelanger Unabhängigkeit und freiberuflicher Tätigkeit in ein mehr oder weniger normales Unternehmen wechselt. Mein Wort für die übliche Form der Arbeit in der Wissensgesellschaft hat mit den bunten Bildern des werblich gedopten "Abenteuerlandes" Wissensgesellschaft nichts zu tun. Aus meiner Sicht ist das Dasein der industriellen Gehirnarbeiter nichts anderes als mentale Prostitution. Man verkauft für Geld seine Fähigkeit zu denken, und denkt dann ein Leben lang höchst intensiv die Gedanken, die die "zwingenden Notwendigkeiten" des Unternehmens, der Wirtschaft, des Apparates, des Geld-Verdienens verlangen. Der Wissensgesellschafter ist nicht vielmehr als ein Prozessor in einem Computer. Aus dem kleinkindbegeisterten "Mein Papa baut die größten Schiffe der Welt" wird in Wirklichkeit "Mein Papa ist immer arbeiten, und wenn er da ist, ist er nur genervt oder redet nur von seinen doofen Schiffen oder irgendwelchen Leuten, die er selber nicht leiden kann." Menschen reduziert zu komplexen Computerchips. Der Rest ist auch heute nichts anderes als Panem et Circensis - um die kleinen Funktionseinheiten halbwegs bei Laune zu halten. Und die Sklaven machen mit. Um zu überleben. Niemand, der sich dessen gewahr ist, tut derlei freiwillig. Und man muß nicht selten hochkonzentriert Dinge denken, die man nicht denken will, und das unter Bedingungen die dafür nicht nur ungeeignet sind, sondern an Folter und Gehirnwäsche gemahnen. Wissenschaftler und Ingenieure sollen recherchieren, analysieren, interpretieren, entwickeln, während sie in Büros mit ständigem Gerede, Telefongezetere, Getute, Computer Gebrumme, Gebimmel und Geklingel und Hin- und Hergelaufe zusammengepfercht sind. Man stelle sich vor: eine Abiturklausur oder schriftliche Universitätsprüfung unter solchen Bedingungen! Sie wäre unzumutbar, ungültig. Im Berufsleben aber muß tatsächlich der Hochschulabsolvent nicht selten jahrzehntelang unter derartigen Bedingungen täglich das äquivalent oft mehrerer schriftlicher und mündlicher Prüfungen absolvieren. Und es wird mehr, denn Wachstum - und wir leben ja in einem System das auf der völligen Absurdität eines ewigen Wachstumszwanges basiert - kann lediglich durch gesteigerte Produktivität gesichert werden. Das aber bedeutet ständige Anpassung an veränderte Bedingungen, ständige Neuausrichtung der Methoden und Denkweisen, ständige Unsicherheit, Zukunftsangst und vor allem: ständig steigende Anforderungen. Ich kann nicht beurteilen, wie viele der ca. 12.000 jährlichen Selbstmorde im Bundesgebiet mit diesen Arbeits- und Lebensbedingungen im Zusammenhang stehen. Ich kann nicht beurteilen, wie viele der mehreren Millionen psychisch Kranken und der Herzinfarkte relativ junger Männer auf das Konto unserer seltsamen Wachstums- und Wissensgesellschaft aka der mentalen Prostitution gehen. Meine Intuition sagt mir jedoch, es wird wohl ein merklicher Anteil sein.

Es gibt auch andere Begriffe, die mit der Wissensgesellschaft einhergehen. Dazu gehören Burnout Syndrom, Mobbing, frei flottierende Angst, Sinnkrise, Depression, Scheidungsrate, Patchwork Familie, hyperaktive Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Immundefekte, Stress, Nikotinsucht, Alkoholismus (20.000 Ärzte in Deutschland sollen alkoholkrank sein!), Amphetaminmissbrauch und vieles, vieles mehr. Und wie der Sklave des Altertums nimmt der voll eingebundene Wissensgesellschafter häufig kaum noch am politischen und gesellschaftlichen Leben teil, mit Ausnahme vielleicht dem setzen eines Kreuzchens auf einem Blatt Papier alle paar Jahre. Er kommt statt dessen am Rande des Zusammenbruches Abends nach Hause, ausgelaugt, müde, und hat bisweilen nicht einmal mehr die Kraft, sich mit den eigenen Kindern zu beschäftigen, geschweige denn die Zeit und die Energie, sich mit irgendwelchen drängenden politischen, gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Themen unserer Zeit außeinanderzusetzen. Dabei ist genau er derjenige, der dafür geeignet wäre, der es tun müßte. Familien leiden, zerbrechen. Der Sklave lebt in einer vollkommen künstlichen und extrem beschränkten aber dennoch hochkomplexen aufgezwungenen Welt, die er nicht einmal denen vermitteln kann, die ihm am nächsten stehen. Aber er macht weiter. Denn auszubrechen ist zwar nicht verboten, wird aber real mit dem Verlust von Haus und Hof bestraft - mit sozialem Abstieg und der Unfähigkeit, die eigene Familie zu ernähren. Stattdessen schließt der Wissensgesellschafter Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen ab, weil er weiß, die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, daß er nicht bis zum natürlichen Ende durchhält.

Ich kenne verschiedene Lebenssituationen. Darunter ist die körperliche Arbeit auf der Baustelle oder im Stahlwerk. Darunter ist das Leben als Akademiker an einer akademischen Institution. Darunter ist ebenfalls das lange Leben als sogenannter Freiberufler und das Leben als Angestellter in der Industrie - meine derzeitige unfreiwillige Situation durch wirtschaftliche Notwendigkeiten von Außen aufgezwungen. Letztere Situation bietet einen Vorteil: relative finanzielle Sicherheit. Der Preis dafür ist eventuell mein Leben, meine Persönlichkeit, meine Fähigkeit unabhängig zu denken. Ich merke, wie sich bereits nach gut einem Jahr meine Persönlichkeit ändert, wie ich krank werde, wie ich mehr und mehr in eingefahrenen Bahnen denke. Es ist eine Art Gehirnwäsche, die von niemandem konkret und gezielt durchgeführt wird, sondern die ein fester Bestandteil des Apparates ist, der sich wiederum einfach dem System anpaßt, in das er eingebettet ist. Jeder Mitarbeiter eines Unternehmens ist nur Bestandteil der Maschinerie. Ein Bauteil. Und es wird so lange geschliffen und poliert, bis es sich perfekt einfügt, bis es sich angepaßt hat wie ein Kiesel an die Strömung des Flusses. Irgendwann sind sie alle glatt, rund und gleichförmig... Flusskiesel türmen sich nicht von selber zu Bergen auf, ebensowenig wie mentale Sklaven sich jemals erheben würden. Sie haben gar keine Zeit dafür. Und sie merken trotz all ihrer Intelligenz meist gar nicht, daß vielleicht irgend etwas nicht stimmen könnte.

Eine interessante Selbstbeobachtung war, daß ich in Zeiten schwerer körperlicher Arbeit zwar körperlich erschöpft aber geistig klar war. Es bereitete trotz schmerzender Muskeln und ächzender Gelenke keine Probleme, nach 12 Stunden Arbeit im Stahlwerk noch ein paar Stunden für die Uni zu lernen oder zu schreiben. Heute ist jenseits gewisser Komplexitäten jeder eigene Gedanke außerhalb des Firmenapparates eine Qual. Mein Fazit ist: bei objektiver Betrachtung wurde die Sklaverei niemals abgeschafft. Sie wurde lediglich diversifiziert, institutionalisiert, weichgespült und umbenannt. Das Geldsystem verschleiert Ursache und Wirkung. Der Umstand, daß man sich scheinbar freiwillig bewirbt, sich scheinbar freiwillig eine Ausbildung und einen Beruf aussuchen kann, verwischt die Tatsachen. Man kann es anders nennen, aber aus meiner Sicht sind wir durch und durch eine globalisierte Sklavengesellschaft, in der jeder auf seine Art ein Sklave ist. Es gibt in den industrialisierten Länden selten Prügelstrafen, und wir werden in der Regel auch nicht mit körperlicher Gewalt eingeschlossen (solange wir uns an die Regeln halten), aber der Leidensdruck treibt weltweit jedes Jahr Hunderttausende in den Freitod. Die Mähr von der Freiheit des Einzelnen und der Würde des Menschen ist vielleicht die größte globale Lebenslüge unserer Zeit.

Weshalb erscheint vielen also eine solche Gesellschaft der intellektuellen Versklavung bis hin zur epidemisch auftretenden Erscheinung des völligen geistigen Ausbrennens (damit es nicht so dramatisch klingt nennen wir es Englisch "Burnout Syndrom") überhaupt erstrebenswert - oder gar notwendig? An diesem Punkt sind wir wieder beim Wachstums- und Ressourcenproblem. Die Notwendigkeit des Kapitalwachstums wird auf keinerlei Ebene ernsthaft in Frage gestellt - was übrigens eine recht neue Erscheinung ist. Bis in die 60ger Jahre hinein war das keineswegs so selbstverständlich. Gleichzeitig ist selbst den verblendedsten Anhängern der neoliberalen Weltordnung zumindest unterbewußt klar, daß das physikalisch so ohne weiteres auf Dauer nicht geht - auch wenn sie von Physik oder Geowissenschaften meist nicht wirklich eine Ahnung haben. Daher wird eine Ressource aus dem Hut gezaubert, die auf den ersten Blick so unerschöpflich erscheint, wie einst die vermeintlich unermesslichen und heute vom Zusammenbruch bedrohten und zum Teil bereits zusammengebrochenen Fischgründe des Weltozeans: der menschliche Geist. Selbst ausgewiesene Wachstumskritiker wie der Schweizer Ökonomie Professor H.C. Binswanger denken sich die "Menschliche Imagination" als unerschöpflich. Das ist merkwürdig, da nicht einmal das Universum unendlich ist. Vielleicht bin ich ja etwas zurückgeblieben, aber meine Imagination ist jedenfalls keineswegs unerschöpflich. Zum einen kostet Denken Kraft, was bei zuviel Belastung zu den weiter oben beschriebenen Erscheinungen führt. Zum anderen sagte Goethe schon jeder wirklich große Gedanke sei bereits von den alten Griechen gedacht worden. Vielleicht ist das aus heutiger Sicht etwas übertrieben, aber der Grundsatz stimmt: mehr Leute, die sich geistig betätigen und die mit Gewalt (und sei es psychischer, wie etwa Existenzangst) zum Dauerdenken gezwungen werden bedeuten nicht, daß die Qualität des Denkens steigt, oder daß die Kreativität zunimmt. Aus meiner Sicht ist die Wissensgesellschaft aka mentale Prostitution wieder nur eine Methode der Externalisierung von Kosten und Schäden. Nicht nur die Natur (also die Welt) wird auf Kosten der Allgemeinheit und zugunsten der zum Selbstzweck gewordenen Kapitalvermehrung verbraucht und verschmutzt, sondern jetzt führen die Abgasleitungen der Industriegesellschaft direkt in unsere Gehirne.

Nachtrag

Definition der Sklaverei aus Wikipedia (Ende 2007):

Ein Sklave ist ein Mensch, der seiner persönlichen Freiheit beraubt ist, als Sache behandelt wird und als solche zumeist als Eigentum eines anderen angesehen wird. Wichtige Merkmale sind das Festhalten der Person gegen ihren Willen mittels (physischer oder institutioneller) Gewalt, der Verlust aller mit Geburt und Genealogie verbundenen Ansprüche (natal alienation) sowie die Ehrlosigkeit des Sklaven/der Sklavin. Sklaverei dient meistens, aber nicht immer, dem Zweck der wirtschaftlichen Ausbeutung.

Definition des Begriffes "Personal" aus Wikipedia:

1. Als Personal bezeichnet man die zur Realisierung von Geschäftsprozessen eingesetzten, bezahlten Mitarbeiter eines Unternehmens oder einer Behörde. Unbezahlte Mitarbeiter bezeichnet man als Volontäre bzw. ehrenamtliche Mitarbeiter. Mit Personal werden die in jeder Art von Organisation in abhängiger Stellung arbeitenden Menschen bezeichnet, die innerhalb einer institutionell abgesicherten Ordnung eine Arbeitsleistung erbringen. Der Begriff Personal deutet damit auf überindividuelle Ordnungen hin, in denen Menschen nicht beliebig handeln, sondern für übergeordnete Ziele von Organisationen Leistungen erbringen. Dass es Personal gibt, ist Folge arbeitsteiliger Produktion, die über eine institutionelle Ordnung gesteuert wird. Diese Ordnung schlägt sich in Organisationen nieder, die über Strukturen Beziehungen relativ dauerhaft zur Erfüllung von Organisationszielen regeln.

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