Wissenschaft - Anspruch und Wirklichkeit

09.12.2009 | Jens Mannheim

Sicherlich geht es vielen jungen Menschen ähnlich: die Schule ist vorbei, das Berufsleben steht vor der Türe und die alles und entscheidende Frage ist die, welchen Weg man einschlagen soll. Noch nie stand der Jugend die Welt so offen wie heute und gleichzeitig war die Jugend auch noch nie so gefordert wie in der Gegenwart.

Fleiß und guter Wille allein reichen nicht mehr aus, wer bestehen und eventuell auch noch erfolgreich sein will muss weitaus mehr zu bieten haben.

Wie schafft man es also den eigenen Wünschen und Bedürfnissen in einer Welt großer Anforderungen und Erwartungen gerecht zu werden? Ist es Sinn und Zweck möglichst früh eine Schule zu beenden, schnell eine Ausbildung oder sein Studium zu beginnen, um dann so früh wie möglich der Wirtschaft als Arbeitskraft zur Verfügung zu stehen?

Einige aus meinem Freundeskreis waren während ihrer Schulzeit im Ausland und hatten sich in dieser Zeit entschlossen Sprachen zu studieren. Der Studienalltag war aber ein völlig anderer als die Freude an der Sprache, die man über das Zusammenleben mit anderen Menschen in anderen Kulturen und Religionen erlebt hatte. Es erschien schon fast als ein Ding der Unmöglichkeit an die bevorstehende Studienwoche nur zu denken, geschweige denn sie auch durchzuführen.

Ein Teil studierte weiter (auch aus der Sorge heraus, dass beim Studienabbruch Lücken im Lebenslauf entstünden), weitere wechselten komplett ihre Fachgebiete oder studierten überhaupt nicht mehr und entschieden sich für eine Ausbildung.

Es lastet auf den jungen Menschen ein großer Druck. Während die Jungs noch über ihren Wehrdienst oder Zivildienst ein wenig Zeit haben sich für ihren weiteren Berufsweg Gedanken zu machen, müssen sich die Mädels noch früher entscheiden. Eins darf niemals der Fall sein: unnötig viel Zeit zu verlieren. Warum aber haben wir diese inneren Ängste? Haben wir nicht alle Zeit der Welt? Und ist nicht alles, was wir tun ein Teil unserer eigenen Lebensgeschichte, die wir benötigen, um hierüber unsere persönliche Identität zu entwickeln?

Ich denke das Problem beginnt bereits in der Schulzeit. In Deutschland ist das Ziel die Selektierung. Bereits in der 5. Klasse werden die Kinder auseinander gebracht und aufgeteilt in Hauptschule, Realschule oder Gymnasium. Zu einem Zeitpunkt also, wo die ersten festeren Freundschaften entstehen, Vertrauen wächst und man sich zunehmend mehr für seine Umwelt und die Gesellschaft, in der wir leben zu interessieren beginnt. Die Noten sind es aber, die in diesem Alter über den weiteren Lebensweg entscheiden und hinterlassen bei manch tiefe Gräben, die auch viele Jahre später noch ihre Spuren hinterlassen.

Es ist auch bekannt, dass Menschen aus sozialen Brennpunkten oft größere Schwierigkeiten haben und von vorneherein in Haupt- oder sogar Sonderschulen gesteckt werden. Was in unserem Ausbildungssystem primär zählt ist die Leistung und diese bemisst sich aufgrund äußerer Umstände, die gut oder eben weniger gut laufen. Wir lernen dabei alle in unserer Leistungsgesellschaft zu funktionieren und entsprechende Strategien zu entwickeln den hier an uns gestellten Anforderungen gerecht zu werden.

Das Problem, das ich hier nur sehe: es kann gut sein, dass hinter manch einer Dummheit auch die eigentliche Genialität verborgen liegt. Ich möchte dazu ein Beispiel nennen. Stellen Sie sich Stefan, einen 15jährigen Hauptschüler vor. Stefan schreibt folgenden englischen Text:

"Hello my name is Stefan, I really like to life in Freiburg. Freiburg is such a beautiful citi who people are so friendelish and the nature is just around se corner. That is fantastical ant I cud not imagine anoser citi!"

Was ist Ihnen beim Durchlesen dieser Zeilen in den Sinn gekommen?

Ich denke mindestens 90 Prozent der Leser/Innen dachten sich: um Gottes Willen, was sind hier für unzählig viele Rechtschreibfehler in nur zwei Sätzen! Mindestens weitere 80 Prozent stellten mindestens einen grammatikalischen Fehler fest. Genau das scheint leider unser aller Problem zu sein. Wir haben gelernt mit einem ganz bestimmten Blickwinkel auf diese Welt zu schauen, allerdings haben viele von uns es verlernt neben dem auf die Welt schauen auch in die Welt zu schauen und den eigentlichen Kern einer Sache zu erkennen. Viele von uns sind nicht mehr in der Lage die eigentliche Sinnhaftigkeit zu sehen und zu erkennen. Sie sind mit ihren Ansichten und Urteilen so verbohrt, dass sie nichts anderes mehr als Fehler und Defizite sehen können. Im Fall Stefan hieße das: Stefan ist überglücklich, er fühlt sich in Freiburg so wohl, dass in keine andere Stadt ziehen möchte.

Die Art und Weise aber wie wir gelernt haben zu denken und urteilen innerhalb unserer Leistungsgesellschaft macht uns blind. Was uns in der Schulzeit an Wissen (oder auch Unwissen?) vermittelt worden ist bildet die Grundlage für alle späteren (Lern)-wege. So werden wissenschaftliche Theorien an der Universität auch schnell einfach angenommen und als solche in unseren Köpfen weiter getragen. Es scheint schon fast, dass kaum Zeit bleibt, um im Studienalltag kritische Fragen überhaupt stellen zu können.

Was passiert mit Persönlichkeiten wie Stefan, die glauben aufgrund schlechter Noten versagt zu haben, das Gefühl in ihnen aufkommt nichts mehr wert zu sein und bewerbungstechnisch kaum mehr eine Chance auf unserem Arbeitsmarkt zu haben? Den Noten wird ein hoher Stellenwert zugesprochen, sie erwecken beinahe den Anschein über solch eine Macht zu verfügen und angehimmelt zu werden wie ein Gott.

Wenn uns jungen Menschen eingetrichtert wird wie wir zu denken und uns zu verhalten haben, kein Platz mehr für eigene Gedanken und Ideen unserer Generation in dieser Welt bleibt und manch eine Genialität von vorne herein als Dummheit abgestempelt wird, spätestens dann frage ich mich: Wissenschaft - Anspruch und Wirklichkeit?

Man darf es all jenen, die im Lehrbetrieb tätig sind sicherlich nicht übel nehmen. Aber es wäre gut, wenn man Rahmenbedingungen von Seiten der Lerninstitutionen schaffen könnte über denen jungen Menschen die Chance gegeben wird sich in ihrer Individualität und mit ihren persönlichen Vorlieben zu bestimmten Themenfeldern voll austoben zu können und hierbei gemeinsam mit anderen Lösungsstrategien zu entwickeln, die dazu ermutigen noch mehr erfahren zu wollen und zwar von sich heraus und nicht aufgrund einer Auszeichnung oder sehr guten Note, die man erlangen kann.

Abschließend möchte ich von einem früheren Schulfreund aus England schreiben. Daniel hatte es in der Schule sehr schwer. Es war weniger das Versagen in den Schulfächern das Problem, sondern die Akzeptanz seiner Mitschüler/Innen. Daniel war sehr einsam, hatte kaum Freunde/Innen und galt als merkwürdig und dumm. Was zum damaligen Zeitpunkt allerdings noch niemand wusste: einige Jahre später diagnostizierte man bei Daniel den Autismus und stellte zudem überrascht fest, dass er auch noch zu den wenigen Menschen einer Inselbegabung gehörte, den sog. Savants (www.ard.de/mensch-alltag/savants-geniale-autisten/-/id=918676/nid=918676/did=997674/1u81jvp/index.html). Daniel hatte es in seiner Kinder- und Jugendzeit nicht leicht. Sein starker Wille, der Glaube an sich selbst und die Bereitschaft sein Leben in die Hand nehmen und herausfinden zu wollen, wer er ist und was er kann, wappnete ihm letztlich den Weg zur großen Erkenntnissen und ganz nebenbei auch weltweitem Interesse und Ansehen seiner Person (video.google.de/videoplay?docid=-7986159936431289446&ei=wh2qSvLrNNHF-AbforQf&q=Daniel+Tammet&hl=de#).


Vielleicht steckt im kleinen Stefan ebenfalls ein Genie, nur hat dies bis zum heutigen Tage noch niemand erkannt, weil die Art und Weise wie Stefan beurteilt wird weit abseits von dem ist, was er eigentlich an Fähigkeiten und Begabungen zu bieten hat.

In diesem Sinne: gebt uns jungen Menschen die Chance uns beweisen zu dürfen, für die Vergangenheit eher ungewöhnliche, neue Wege zu gehen und durch unsere Erfolge langfristig auch neue Standards in unserer Gesellschaft zu setzen!

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