Wir sind keine Opfer

16.09.2005 | Christine Ax

Von wem wollen Sie geschlachtet werden?

"Nur die dümmsten Kälber, wählen ihre Metzger selber", sagt Herr Stoiber. Und Recht hat er. Auch wenn wir im Norden nicht so intelligent sind, wie die Bayern, so haben wir dennoch das Recht, über unser Schicksal nachzudenken. Und es vielleicht sogar selber in die Hand zu nehmen. Lassen Sie uns über die Qual der Wahl im Jahr des Herrn 2005 gemeinsam nachdenken.

1. Wir sind keine Opfer. Wir sind Täter. Denn jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.

Was auch immer Sie dieses Mal wählen und egal wie unzufrieden sie gestern oder morgen mit der Regierung sind. Vergessen Sie nicht, dass wir selber die Regierungen der letzten Jahrzehnte gewählt haben. Wer sich nicht engagiert, einmischt und die Richtung von Politik mitbestimmt, ist auch verantwortlich für das Ergebnis. In diesem System sind wir alle Opfer und Täter. Die Politik hat massive Fehler gemacht und wir alle haben weggesehen, weil es bequem war.

2. Vergesst die Politik. Sie alleine kann die Karre nicht aus dem Druck ziehen. Wir sind selber für unser Leben und die Zukunft unserer Kinder verantwortlich.

Wir haben uns viele Jahre wie Kinder verhalten, die genau wissen, dass es den Osterhasen nicht gibt, die aber dennoch so tun, als ob sie an ihn glauben, damit die Eltern nicht aufhören, die Schokoladeneier in die Nester zu legen. Wir haben auf diese Weise nicht nur uns selber, sondern auch unsere Kinder um Chancen und Zukunft betrogen. Wir sind bequem und systemisch betrachtet die Co-Alkoholiker.

3. Wer glaubt, dass die Regierung die Arbeitslosigkeit besiegen kann, der glaubt auch an den Weihnachtsmann.

Es liegt weder in der Verantwortung noch in der Macht der Politik, Arbeitsplätze zu schaffen. Das können nur Unternehmen und wir selber. Arbeit gibt es genug. Was fehlt, ist nicht die Arbeit, sondern die gut bezahlte Ganztags-Vollerwerbsarbeit. Der Arbeitsgesellschaft ist insofern die Arbeit ausgegangen, dass von dieser Art Arbeitsplätzchen nie wieder genug für jeden da sein wird. Wir müssen die Arbeitsplätze, die bleiben, fair verteilen. Wir sollten nicht nur die bezahlte Arbeit, sondern auch die Freuden und das Leid von Arbeitslosigkeit fair verteilen.

Schlimmer als Hartz 4 ist die Demütigung und die Ausgrenzung, die mit ungewollter Arbeitslosigkeit verbunden ist. Die Schuldgefühle, die Arbeitslose haben oder die schlechten Gefühle, die wir ihnen vermitteln.

Wir haben es gemeinsam in der Hand, hier und heute eine Situation herzustellen, in der jeder über eine sinnvolle Aufgabe in unsere Gemeinschaft integriert wird, Anerkennung erfährt und eine Tätigkeit verrichtet, die unbestritten sinnvoll und wertvoll ist. Wir selber können über eine bessere und gerechtere Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit hier krisenstabile Verhältnisse schaffen und gerade jungen Menschen und älteren Menschen damit eine Zukunft geben.

Wir brauchen Gemeinschaftsbaustellen, an denen jung und alt ihren Beitrag leisten können.

4. Wir sind unseren Kindern und den jungen Menschen keine guten Vorbilder, wenn wir unser Leben damit verbringen, anderen beim Leben zuzusehen.

Wir leben nicht unsere Träume. Wir träumen unser Leben und verbringen immer mehr Zeit damit, anderen beim Leben zuzusehen: im Fernsehen, in den Zeitungen, im Kino. Das Leben ist etwas geworden, an das sich immer mehr alte Menschen verzweifelt klammern, ohne dass verständlich ist, warum es sich lohnt zu leben. Jammern und Griesgram inmitten von Wohlstand ist unser Alltag.

5. Wir brauchen die da oben nicht wirklich, weil sie uns das, was wir brauchen, gar nicht geben können. Und das, was wir wirklich brauchen, können wir in unseren Gemeinschaften selber erarbeiten.

Wir leben in einem so unglaublich gesegneten Land, dass wir hier nahezu alles haben oder produzieren könnten, was wir wirklich, wirklich brauchen. Schauen wir uns um: Wir haben zu essen und zu trinken. Wir können unsere Häuser, Energie, Bekleidung, Kultur, Kunst auf höchstem Niveau hier selber herstellen. Wir sind die Krankheit, die es zu heilen gilt. Denn mehr Geld macht nicht glücklich. Untersuchungen beweisen: sind die Grundbedürfnisse befriedigt, werden wir durch mehr Geld und mehr Konsum nicht wirklich glücklicher. Wenn wir nach diesem Prinzip leben, gibt es genug. Nicht Konsum macht glücklich, sondern ein gutes Leben, Freunde, Sinn und Kreativität und das Leben in Gemeinschaften.

6. Geiz ist nicht geil. Geiz macht arm.

Und wir entscheiden mit unserem Einkaufsverhalten selber darüber, wer morgen hier noch einen bezahlten Arbeitsplatz hat oder nicht. Beim Einkaufen können wir durch verantwortungsvolles Verhalten und die Bevorzugung von regionalen Produkten oder den Einkauf von fair gehandelten Produkten einen bedeutenden Beitrag zu gerechteren Verhältnissen beitragen. Was die Regierungen nicht können, können wir als Verbraucher, in dem wir solche Hersteller belohnen, die sozial und umweltfreundlich herstellen. Wer nur billig kauft, der trägt mit zur Zerstörung von lebenswerten Lebenswelten bei.

7. Wir müssen mit einander sprechen und Gemeinschaften entwickeln.

Es macht keine Freude, sich umweltfreundlich oder sozial gerecht zu verhalten, wenn man das Gefühl hat, mit diesem Wunsch nach einer gerechteren Welt alleine zu stehen. Aber wenn wir miteinander reden und immer mehr werden, dann können wir viel erreichen. Für uns und unsere Kinder. Genau so dringend wie eine gute Regierung brauchen wir hier und jetzt Gemeinschaften und Menschen, die sich für einander engagieren und sich füreinander verantwortlich fühlen.

8. Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier. (Mahatma Gandhi)

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