Wir sind dabei

07.09.2005 | Gabriele Fischer

Ob das den Menschen immer so geht? Da leben sie in Zeiten, die später in Geschichtsbüchern besondere Namen bekommen – und merken nichts davon. Sie ächzen unter der Last der Verhältnisse, blicken zurück, klammern sich an alles, woran sie sich gewöhnt haben. Und können die Entwicklung doch nicht aufhalten. Was ein Glück ist.

Ob das den Menschen immer so geht? Da leben sie in Zeiten, die später in Geschichtsbüchern besondere Namen bekommen – und merken nichts davon. Sie ächzen unter der Last der Verhältnisse, blicken zurück, klammern sich an alles, woran sie sich gewöhnt haben. Und können die Entwicklung doch nicht aufhalten. Was ein Glück ist.

Die Phase, in der wir heute leben, könnte irgendwann unter der Überschrift "Befreiung von der Arbeit" in den Geschichtsbüchern stehen. Historiker werden dann erzählen, wie sich die Menschen damals langsam von jenem jahrhundertealten Dogma befreit haben, demzufolge nur essen darf, wer arbeitet. Die Zeit davor, in unseren Köpfen als Industriezeitalter mit Wirtschaftswunder und immer wiederkehrenden Phasen der Rezession gespeichert, gälte als Epoche der Vorbereitung auf die Erfüllung eines Menschheitstraums. Und Historiker mit Sinn für Feinheiten berichten, wie schwer es den Menschen gefallen sei, sich aus den Fesseln einer Arbeitsethik zu befreien, die ihnen den Weg zur wichtigsten Produktivkraft von allen verstellt habe: zu sich selbst. Die Leser dieser Geschichtsbücher staunen: Kann es wirklich sein, dass Menschen den Fortschritt, den sie heute genießen, nicht wollten?

Das klingt nach Utopie, und doch stecken wir mittendrin. Dass uns die Arbeit ausgeht, ist seit zehn Jahren kein Geheimnis mehr, dass sie "billig wird wie Dreck" (Heik Afheldt) war bestenfalls Anfang der neunziger Jahre noch ein Schocker. Interessant daran ist eigentlich nur, wie standhaft sich Politiker und Wirtschaftsverbände gegen die Einsicht sträuben. Und mit welch absurden Methoden versucht wird, das Offensichtliche zu übersehen.

Denn offensichtlich ist, dass dank der Automatisierung Produktivität mit immer weniger Arbeitskraft zu erzielen ist. Und dass dadurch Möglichkeiten entstehen, die keine Generation vor uns auch nur erahnte.

Schon heute wäre es theoretisch möglich, jedem Bürger durch eine Grundversorgung die Angst um seine Existenz zu nehmen. Arbeit wäre nicht mehr Pflicht, auch kein Recht – sondern eine Möglichkeit, sich selbst zu erproben und beizutragen, worin man gut ist und was einem wirklich liegt. Arbeit könnte entlastet werden von all jenem Status-Ballast, der oft auch eine Art Schmerzensgeld ist, wodurch sich ganz neue Freiräume eröffnen. Und Menschen, die eine Aufgabe sehen, könnten all ihre Kreativität einsetzen, sie zu lösen, und so die Gesellschaft voranbringen.

Nein, es ist kein Drama, dass uns jene Arbeit ausgeht, die lange Zeit auch Last und Fron bedeutet hat. Ein Drama wird daraus, wenn wir nicht den Mut aufbringen, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und wenn wir die Chance verpassen, aus einer Arbeit, die mit zunehmendem Wohlstand zur unliebsamen Unterbrechung der Freizeit degenerierte, eine Sinn stiftende Tätigkeit zu machen.

In späteren Geschichtsbüchern heißt das dann: historische Chance.

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Katharina Tempel

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