Weshalb Leistung mehr zählt als Herkunft

10.11.2011 | Rainer Nahrendorf

Tellerwäscher bleibt Tellerwäscher. So lässt sich das von vielen Medien in Talkshows gezeichnete Bild einer blockierten Gesellschaft ohne Aufstiegschancen aus den Schichten mit geringem Einkommen zusammenfassen. Zwei Drittel der unteren Sozialschichten, auch 50 Prozent der Mittelschicht sind überzeugt, dass sozialer Aufstieg in Deutschland vor allem den Bevölkerungskreisen offen steht, die in der Schichthierarchie bereits relativ weit oben angesiedelt sind.

Nur eine Minderheit geht nach Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach davon aus, dass sozialer Aufstieg in Deutschland grundsätzlich für jeden möglich ist, unabhängig von seiner Herkunft.

40 Prozent der gesamten berufstätigen Bevölkerung, 59 Prozent der Berufstätigen aus der so genannten Unterschicht sind überzeugt, dass die sozialen Schichten zementiert sind und dass sie deswegen ihren sozialen Status nicht durch Leistung beeinflussen können. Statusfatalismus nennt Dr. Renate Köcher diese resignative Grundhaltung.

Der SPD-Gesundheitsökonom Karl Lauterbach betitelt sein seit Monaten angekündigtes, aber noch nicht erschienenes Buch provokativ „Die Aufstiegslüge. Warum in Deutschland Herkunft mehr zählt als Leistung“. Aber stimmt Lauterbachs kühne Behauptung?

Es verhärten sich zwar sechs Jahrzehnte nach Kriegsende soziale Schichtunterschiede, Einkommensunterschiede wachsen, sozialer Aufstieg wird schwieriger als in den Wiederaufbaujahren, aber viele Eltern sind bereits aufgestiegen und wünschen nun für ihre Kinder zumindest den Statuserhalt. Die Chancen zum Statuserhalt und Aufstieg sind besser, als viele meinen, die Abstiegsängste sind so maßlos übertrieben wie das Schrumpfen der Mittelschicht. Drei Viertel der deutschen Gesellschaft gehören nach Ansicht des Chefs Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Professor Gert. G. Wagner, immer noch zur Mittelschicht. Die „Hartz-IV-Republik“ ist ein Zerrbild. Die deutsche Gesellschaft ist viel durchlässiger als das Klischee von der angeblich geschlossenen Gesellschaft suggeriert.

Ich bestreite, dass Lauterbach Recht hat: 870 000 BaföG-Empfänger, eine Studienanfängerquote von 46 Prozent, 160 000 Meister-Bafög-Empfänger, allein eine Million Bürger, die seit 1990 IHK-Prüfungen gemacht haben, 20 000 Handwerksmeisterprüfungen jährlich, leistungsorientierte Unternehmensgrundsätze, Vergütungs- und Aufstiegsregelungen sprechen gegen den Vorrang der Herkunft.

Der Vorrang der Leistung ist nicht nur im Sport unstrittig.

Kein Fußballtrainer stellt einen Stürmer auf, weil er aus einem Nobel-Viertel kommt, sondern weil er Tore schießt, selbst wenn er aus einem sozialen Brennpunkt stammt. Kein im harten globalen Wettbewerb stehendes Unternehmen kann es sich leisten, nach Herkunft einzustellen und Führungspositionen zu besetzen. Leistung zählt. Deshalb finden sich mit René Obermann und Norbert Reithofer zahlreiche soziale Aufsteiger an der Unternehmensspitze. Das Klischee der geschlossenen Gesellschaft entsteht nur, weil viele Top-Manager, Ingenieure, selbst Spitzenwissenschaftler verschämte Aufsteiger sind. Ihre Herkunft aus einfachen Verhältnissen soll nicht allgemein bekannt werden.

In der Politik ist es nicht anders. Gerhard Schröder, Sohn eines im Krieg gefallenen Hilfsarbeiters und einer Putzfrau, und Klaus Wowereit, nicht ehelicher Sohn einer allein erziehenden Arbeiterin, sind Ausnahmen. Beide kommen von tief unten, stammen aus der heute als Prekariat bezeichneten „Unterschicht“, haben sich emporgearbeitet. Wer ihre Leistung und ihren Aufstieg würdigt, sieht, was man mit Bildung und Anstrengung erreichen kann. Leistungsvorbilder könnten auch der Arbeitersohn Ronald Pofalla und die aus einfachen Verhältnissen stammende Renate Künast sein. Aber sie zählen wie zahlreiche Spitzenpolitiker zu den verschämten Aufsteigern.

Die chancengerechte Gesellschaft oder die Chancengesellschaft ist das Leitbild fast aller Parteien. Auch und gerade der aus Arbeiterbildungsvereinen hervor gegangenen SPD. Wenn es eine „Aufstieglüge“ gäbe, auch die SPD hätte sie begangen. „Sozialen Aufstieg für alle zu ermöglichen und die auseinander strebenden Kräfte der Gesellschaft neu zusammenführen, das ist die zentrale Aufgabe der Sozialdemokratie“, hieß es im SPD-Papier zum Zukunftskonvent 2008. In dem Programmpapier hieß es weiter: “Wir wollen eine neue Aufstiegskultur, in der wir gemeinsam vorankommen und der Erfolg des Einzelnen zum Erfolg der ganzen Gesellschaft beiträgt. Es gilt nicht die Angst vor dem Abstieg zu beklagen, sondern sozialen Aufstieg für alle zu ermöglichen“. Alle können nicht aufsteigen, aber viele.

„In Wirklichkeit ist es um die Aufstiegschancen bei Weitem nicht so schlecht bestellt, wie viele meinen“, schrieb der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundesfraktion, Thomas Oppermann in der „Berliner Republik“, Heft 1, 2009. „Günstige globale Trends und die demografische Entwicklung eröffnen vor allem den Jüngeren viele Möglichkeiten. Wenn wir in Deutschland unsere Wettbewerbsvorteile auf dem Gebiet der Innovation sowie die sich abzeichnende starke Fachkräftenachfrage klug nutzen und zugleich wachstumsfreundliche Rahmenbedingungen schaffen, dann kann das alte Aufstiegsversprechen erneuert werden.

Um Wege nach oben zu öffnen, sind allerdings politische Anstrengungen nötig: Wir müssen das Bildungsniveau vom Kindergarten an bis hinein in das Berufsleben heben und immer wieder neue Chancen für den Aufstieg durch Bildung ermöglichen. Damit die Chancen für die Einzelnen und die ganze Gesellschaft genutzt werden können, müsste aber auch eine politische Aufbruchstimmung für eine durchlässige Gesellschaft entfacht werden“.

Es ist schon viel erreicht, wie der jüngste Bildungsbericht zeigt, wenn auch nicht alles zum Besten bestellt. Von einer Lüge, der Täuschung der Bürger kann keine Rede sein. Das Aufstiegsversprechen ist eine politische Ziel- und Leitvorstellung, auch und gerade der SPD.

Karl Lauterbachs Provokation (bekannt ist nur der Klappentext) und der Tenor so mancher Talkshow verstärken Statusfatalismus und Resignation. Not tut das Gegenteil: Die Zuversicht, den Aufstieg schaffen zu können, ein eiserner und beharrlicher Leistungs- und Erfolgswille. Eine Chancengesellschaft muss immer wieder Chancen zum Aufstieg bieten, ergreifen muss sie jeder Einzelne selbst. Jeder ist der Unternehmer seines Lebens. Sozialer Aufstieg ist bei entsprechender Bildung, Anstrengung und Leistung möglich. Dies überzeugte viele, wenn die „verschämten Aufsteiger“ ihre Scham überwänden und als Vorbilder einem dynamischen Menschenbild zum Durchbruch verhelfen würden. Eine solche Aufstiegskultur braucht die alternde deutsche Gesellschaft.

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