Werteschöpfung kommt von Wertschätzung

24.11.2005 | Andreas Reidl

Beginnen möchte ich diesen Beitrag mit einem Zitat aus Sir Peter Ustinovs Buch "Achtung! Vorurteile!": "Als ich 1990 König Lear spielte - da war ich schon beinahe 70 Jahre alt - , fragte ich mich, ob es nicht schon zu spät für diese Rolle sei. Ich saß in einem Restaurant in Stratford in Kanada und dachte, vielleicht war das dumm von dir, diese Rolle anzunehmen. Denn für König Lear muss man zwar ein sehr gutes Verständnis für das Altsein haben, aber man muss auch jung genug sein, um die Energie für diese große Szene in der Heide aufzubringen. Und während ich so zweifelte, stieß ich ungeschickterweise ein großes Glas Wasser vom Tisch, fing es aber auf, bevor es zu Boden viel. Das war reiner Instinkt, ich hatte keine Zeit, nachzudenken. Da sagte ich mir: Wenn du das kannst, bist du noch jung genug und kannst auch den Lear spielen."

Das, was der leider zu früh verstorbene Ausnahmekünstler Sir Peter Ustinov in seinem Buch über Vorurteile so wunderbar beschreibt, spiegelt sehr deutlich das wider, was in unserer Gesellschaft in Bezug auf das Alter eingetreten ist. Die Älteren in unserem Land bringen nicht nur das Verständnis für ihre Rolle in unserer Gesellschaft mit, sie sind jung genug, um zu reisen, sich zu bilden, um sich Lebensträume zu erfüllen, neue Familien zu gründen, kurz um, jung genug, um für weiteres Wachstum in der Wirtschaft zu sorgen. Aber auch jung genug, um sich ehrenamtlich zu engagieren, um die eigenen Kinder und Enkelkinder zu unterstützen - in vielen Fällen auch finanziell - und um den Hochaltrigen - ihren Eltern - zu helfen.

Ein gewaltiger Wertewandel hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei der Generation der 55 bis 75-Jährigen vollzogen. Der demografische Wandel geht einher mit einem Wertewandel, der die Lebensformen und Bedürfnisse der Bevölkerung prägt. Ältere sind gesünder, leistungsorientierter, vermögender, genuss- und konsumfreudig. Eigentlich eine schöne Situation für unsere Gesellschaft und für die Wirtschaft. Dennoch ist es gerade diese Altersgruppe, die in unseren Unternehmen als Arbeitskraft unerwünscht ist und bei der Wirtschaft als Kunde oft übersehen wird.

Im Klappentext zu Sir Peter Ustinovs zitiertem Buch steht zu lesen: "Zu Beginn des 21. Jahrhunderts leben wir wieder im Zeitalter der Renaissance. In der Renaissance des Vorurteils der arroganten Meinung über Menschen, die auf blanker Unkenntnis beruht." Ähnlich so glaube ich, geht es uns heute in Bezug auf die ältere Generation. Wir verzichten auf die Arbeitskraft Älterer, obwohl wir wissen, dass diese über Tugenden verfügen, die wir bei den Jungen oft vermissen. Zuverlässigkeit, Loyalität, Pünktlichkeit und Weitblick sind nur einige wenige. Die Gefahr, dass ältere Mitarbeiter Jobhobbing betreiben, um möglichst schnell die nächste Karrierestufe zu erreichen, ist eher gering. Wir verzichten auf die aktive Ansprache älterer Konsumenten, obwohl wir wissen, dass die Konsumquote der Älteren mit 80 Prozent deutlich über dem Durchschnitt (74 Prozent) der deutschen Bevölkerung liegt. Wir wissen auch, dass die ältere Generation jährlich rund 308 Mrd. Euro für Konsum ausgibt. Dies ist rund ein Drittel der Konsumgesamtaufwendungen aller Haushalte.

Dass sich bei der heutigen 50plus Generation um ganz andere Typen handelt als noch vor 20 Jahren, zeigen wohl am besten die prominenten Beispiele. Und den nachfolgenden Persönlichkeiten würde man wohl kaum unterstellen, dass sie keine eigene Vorstellungen haben und dass sie ihr Leben auch nach Überschreiten der magischen 50plus-Grenze aktiv gestalten.

Angela Merkel, geboren am 17.07.1954
Gerhard Schröder, geboren am 07.04.1944
Udo Jürgens, geboren am 30.09.1934
Alfred Biolek, geboren am 10.07.1934
Rudi Carrell, geboren am 19.12.1934

Woran liegt es also, dass wir der Generation - den 30 Millionen Menschen 50plus - die unser Land aufgebaut haben, die es zu Wohlstand geführt haben und die verantwortlich sind, dass auch die nachfolgende Generation noch in Wohlstand leben werden, so wenig Wertschätzung in Bezug auf Arbeitskraft und Konsum entgegenbringen? Dies ist eine Frage, auf die es wohl nicht eine, sondern viele Antworten gibt. Diese gilt es zu diskutieren mit Jung und Alt.

Und wenn Sie mich fragen, worum es in Zukunft geht, dann geht es aus meiner Sicht um eine Generationenzukunft für Jung und für Alt. Denn nur wenn die Alten investieren, haben die Jungen künftig Arbeitsplätze. Nur wenn die Alten die Jungen unterstützen, können diese Familien gründen und Häuser bauen. Nur wenn die Jungen Familien gründen und Kinder bekommen, können die Alten von den Sozialsicherungssystemen profitieren. Nur wenn die Jungen innovative Produkte entwickeln, können die Alten auch ein hohes Alter mit Lebensqualität erreichen. Unsere Zukunft ist weder jung noch alt, Zukunft gibt es nur für alle Generationen.

Begonnen hatte ich diesen Beitrag mit einem Zitat aus dem Buch "Achtung! Vorurteile!" von Sir Peter Ustinov und schließen möchte ich es ebenfalls mit einem Zitat daraus.

"Winston Churchill trabte noch im hohen Alter ins Parlament. Es verging viel Zeit, bis er endlich seinen Platz eingenommen hatte. Da zerrissen sich zwei Hinterbänklern die Mäuler: Man sagt, er trinke nur noch Brandy - Man sagt, er rauche immer dickere Zigarren - Man sagt, er sei auch im Oberstübchen nicht mehr ganz klar. Da drehte sich Churchill um und schnarrte die Abgeordneten an: Man sagt auch, er höre schlecht."

Deshalb lassen Sie uns heute damit beginnen, mit den Vorurteilen über das Alter aufzuräumen.

Danke.

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