Werte & Marktwirtschaft

02.08.2004 | Björn Sänger

Verschiedene Ereignisse der jüngsten Zeit richten den Focus auf eine immer drängendere Diskussion: an welchen Werten orientiert sich unsere Gesellschaft im marktwirtschaftlichen Prozeß? Zum einen setzte die Justiz im Düsseldorfer Mannesmann-Abfindungs-Prozeß einen vorläufigen Schlußpunkt. Zum anderen setzen große Unternehmen wie Siemens, Opel und zuletzt Daimler die Debatte um Mehrarbeit bzw. Arbeitskostensenkung auf die Tagesordnung.

Der Mannesmann-Prozeß hat ein verheerendes Bild auf die Spitze der leitenden Angestellten in Deutschland geworfen. Zwar ist ihnen jurisistisch - außer aktienrechtlichen Verstößen - nichts anzuhaben, die Selbstverständlichkeit der Selbstbedienung und deren Goutierung durch andere leitende Angestellte, die Gewerkschaftsspitzen nämlich, ist jedoch erschreckend. Dabei soll es gar nicht um die Höhe der jeweiligen Prämien resp. Abfindungen oder die Tatsache, daß es überhaupt diese Sonderzahlungen gab, gehen. Es geht vielmehr um die Art und Weise des Umgangs mit diesen Zahlungen. Wenn das Handeln der Beteiligten doch so lohnend, im Sinne einer Wertsteigerung, für die Mannesmann-Aktionäre gewesen ist, weshalb sollen es die Eigentümer des Gesellschaft nicht erfahren? Weshalb wird dann sofort auf stur und beleidigt geschaltet? Vielleicht regt sich doch ein schlechtes Gewissen? Das wäre dann zumindest ein Ansatz.

Joseph Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, sagte vor dem Prozeß, er hoffe, daß es sich auch zukünftig lohne, in Deutschland für die Wertsteigerung von Unternehmen zu kämpfen. Nun, ist das nicht genau sein Job als leitender Angestellter? Wird er dafür nicht bereits entlohnt, geregelt in seinem Angestelltenvertrag? Manager wie Ackermann, Esser und Konsorten sind keine Unternehmer. Sie sind leitende Angestellte, die für die jeweiligen Eigentümer der Unternehmen, zumeist Aktionäre, handeln und in deren Interesse handeln sollen. Dafür werden sie eingestellt und bezahlt. Fairerweise sollten die Eigentümer wissen, wieviel ihre Angestellten für diese Leistung bekommen. Die Geheimniskrämerei ist hier wirklich fehl am Platz.

Es ist auch richtig und motivierend, wenn das Gehalt steigt, sofern sich die Unternehmen positiv entwickeln. Nur muß dies auch zwingend der Fall sein. Es gibt Fälle in Deutschland, wo die Vorstandsgehälter trotz eher bescheidener Unternehmensergebnisse weiter steigen. Außerdem müssen die an die leitenden Angestellten ausgeschütteten Erfolgsprämien im Verhältnis zu den Ausschüttungen an die Eigentümer der Unternehmung stehen. Nochmals: Manager sind keine Unternehmer. Sie tragen keinerlei Risiko. Das größte Risiko, daß sie tragen ist ein plötzlicher Rauswurf und auch der ist vertraglich geregelt und über ansehnliche Abfindungen abgefedert. Für Manager besteht kein Risiko. Werden nun unverhältnismäßig hohe Erfolgsprämien bezahlt besteht ein Mißverhältnis zum eigentlichen Status. Der Manager würde dadurch zum Unternehmer, der er - mangels eigenem Risiko - nicht ist. Wer den vollen Unternehmenserfolg genießen möchte, der muß sich selbständig machen. Der darf sein Heil aber nicht als Vorstand einer Aktiengesellschaft suchen (es sei denn, er ist Haupt- oder Alleinaktionär). Auch der Verweis auf Vorstandsgehälter in anderen Ländern oder den "Markt für Manager" greift hier nicht. Welcher deutsche Spitzenmanager hatte denn schon ein Angebot aus den USA? Ferner hat bereits F.A. von Hayek richtig erkannt: "Kein Mensch kann ... einen moralischen Anspruch auf einen bestimmten Marktwert seiner Leistung haben, da dieser vom unpersönlichen Prozeß des Marktes unter dem Einfluß von tausenden von veränderlichen Umständen bestimmt wird." (Die Anmaßung von Wissen. Neue Freiburger Studien, Tübingen 1996)

Ich denke, diese Tatsache ist in den Köpfen der deutschen Spitzenmanager etwas in den Hintergrund geraten. Es ist an der Zeit, sich dieser Gegebenheiten wieder zu erinnern und Schlüsse für das eigene Handeln zu ziehen. Wer vergißt, welche Aufgabe - sei es als Vorstand oder Aufsichtsrat - er hat und wem er verpflichtet ist, der stellt allzu schnell das persönliche Wohl über das Wohl derjenigen, denen er eigentlich verpflichtet ist.

Man braucht auf der Suche nach Werten im marktwirtschaftlichen Prozeß gar nicht tief in theologische oder moralische Kategorien einzutauchen. Ein Blick in das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland reicht im Prinzip aus. In Artikel 14, Absatz 2, heißt es: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen." Damit ist eigentlich alles bereits gesagt. Zwar sagt die Theorie, daß sich die besten Ergebnisse für die Allgemeinheit dann einstellen, wenn jeder Marktteilnehmer egoistisch handelt. Dieses Handeln setzt allerdings das Vorhandensein eines allgemeinen Wertekonsens voraus. Ein allgemein gültiger und allgemein akzeptierter Ordnungsrahmen, sowohl von staatlicher Seite (rechtlich) als auch von gesellschaftlicher Seite (moralisch), ist nötig um optimale Marktergebnisse zu erzielen. Fehlt ein solcher Rahmen, ist der Weg in die Anarchie nicht mehr weit und damit die Akzeptanz der Marktwirtschaft als Ganzes in Frage gestellt.

Damit kommt der zweite Fall ins Spiel, die Arbeitskostensenkung bei Daimler. Sindelfingen ist der Inbegriff der satten deutschen Wohlstandsgesellschaft. Eine Stadt, die die Fußgängerüberwege aus Marmor gebaut hat. Eine Stadt, in der die Billig-Märkte des Einzelhandels kaum Zulauf haben. Das ist die ein Seite. Auf der anderen Seite steht ein hochprofitables Unternehmen, das in seiner Sparte mit den höchsten Gewinnen rund 500 Mio Euro Kosten einsparen will. Interessanterweise wurde hier aber nicht mit Polen oder Rumänien gedroht, sondern mit Bremen. Wie sich die Bremer dabei gefühlt haben, soll an dieser Stelle nicht weiter behandelt werden.

Der Aufschrei war groß. Man mag die Frage stellen, weshalb bei einem Gewinn von über 3 Mrd Euro nochmals 500 Mio eingespart werden müssen. Auch hier wäre ein Blick in den oben zitierten Grundgesetzartikel hilfreich. Immerhin werden aber nach der erfolgten Einigung alle Beteiligten, Belegschaft und leitende Angestellte, einen Beitrag leisten. Der Beitrag der leitenden Angestellten im Vorstand wird sogar prozentual etwas höher sein, als der der Belegschaft. Allerdings darf die Frage erlaubt sein, weshalb für den Vorstand erst kürzlich die Bezüge sehr deutlich erhöht wurden, obwohl eigentlich bereits erkennbar gewesen sein mußte, daß die Zeichen der Zeit eher auf "Sparen" stehen.

Der Aufschrei angesichts der angekündigten Einsparmaßnahmen war groß. Obwohl auch hier gilt, daß ein wenig Selbstreflexion nicht schaden kann. Geht es dem Arbeiter, dem baden-württembergischen im besonderen, wirklich so schlecht? Die Facharbeitergehälter sind bei Daimler so gestaltet, daß manch ein Ingenieur, der das konzipiert, das die Arbeiter zusammenschrauben, als Berufsanfänger nur davon träumen kann. Man darf doch ruhig mal die Frage stellen: Ist es normal, daß für eine Arbeit nach 12 Uhr mittags eine "Spätzulage" von 15% gezahlt wird? Wird so etwas als normal empfunden und gleichzeitig kritisiert, daß Arbeitslosengeld II-Bezieher mit 345 Euro auskommen müssen? Oder haben sich da auch Werte verschoben? Es wird sicherlich hart gearbeitet, im Schichtdienst bei Daimler. Keine Frage. Aber es macht wirklich keinen Unterschied aus, ob man um 10 oder um 12 Uhr arbeitet.

Auch das ist eine Frage der Werte. Die meisten Menschen, die unter dem Schutz der DGB-Tarifverträge, besonders im Metall-Bereich, arbeiten haben gar keine Ahnung, wie gut es ihnen geht. Wie sehr sie auch mit kleinen Maßnahmen dazu beitragen können, daß es mehr Menschen auch so gut geht, wie ihnen. Die meisten Menschen finden Solidarität vor allen Dingen in Wahlprogrammen gut. Wenn es darum geht, durch eigene Verantwortung Solidarität zu üben, sind alle schnell verschwunden.

Verantwortung übernehmen. Das ist das eigentliche Problem. Dazu ist keiner bereit. Sei er nun Manager oder Arbeiter. Diese Diskussion müssen wir führen. Selbstvergewisserung und die eigene Standortbestimmung gehört unbedingt dazu.

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