Wer braucht hier wen

01.10.2007 | Patrick Wilke

Ohne Bewunderer keine Kunst, ohne Wähler keine Politik

Vorweg: Es gibt ein lustiges Gedankenspiel, bei dem man für richtig gehaltene Merksätze und Sprichworte durcheinander schüttelt und schaut, was dabei herauskommt. Oft ergibt sich aus solch einer Verdrehungstechnik selbstverständlich allerlei Unsinn, doch die brauchbaren Ergebnisse sind zahlreich.

Die schönsten Resultate merke ich mir regelmäßig: „Nulla poena sine lege“ (keine Strafe ohne Gesetz) zum Beispiel wird zu „Nulla lege sine poena“ (Kein Gesetz ohne Strafe). Ein anderes Beispiel ist „Lebe jeden Tag so, als sei er dein letzter!“, genauso schön wäre doch „lebe jeden Tag so als wäre er dein erster!“. Ein letztes Resultat sei genannt: „Politik ist lediglich die Fortsetzung des Krieges, nur mit anderen Mitteln.“ Dessen Original allen bekannt sein dürfte. Auch in einem weiter gefassten Sinne - also bei der Betrachtung von größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen - empfiehlt es sich, einfach mal drauflos zu verdrehen und sicher Geglaubtes neu zu betrachten. Die Beziehung zwischen Superstars und ihren devoten Fans zum Beispiel.

Verdreht man die Rollen, die dem Star und dem Publikum gemeinhin zugewiesen werden gedanklich, erkennt man, dass der Künstler nicht nur das staunende Publikum durch seine hervorragenden Fähigkeiten unterhält, sondern (vielleicht mehr noch) die zum Staunen und Anerkennen fähigen Fans überhaupt erst ermöglichen, dass der Star seine an sich sinnlosen Anstrengungen vorführen kann! Ist die Leistung doch nicht nur beim Pop-Sternchen und seiner Darbietung zu suchen, sondern mehr noch bei zwei weiteren Parteien – dem Management und dem hysterischen Teenie-Publikum. Erstere bringen das erstaunliche Kunststück fertig, ihren Schützling als Star, sein Werk als Kunst zu verkaufen. Die Fans wiederum halten ohne jegliche Bezahlung jahrelange Treue, lernen dümmliche Texte auswendig und zeigen vor allem eine bewundernswerte Fähigkeit: Das Vermögen, zu bewundern. Sie verstehen es meisterhaft zu loben, sich zu interessieren und den Anderen als jemanden Besonderes anzuerkennen. Was wäre das für ein Konzert, bei dem Britney Spears allein für Christina Aguilera und andere Popsternchen sänge? Wer jubelte? Wer forderte Zugaben? Jeder drängelte selbst auf die Bühne - in der Überzeugung, es besser zu können! Was dem virtuosen Künstler abgeht - abgehen darf - ist elementare Voraussetzung für den perfekten Fan: Bewundern können. Nun kenne ich Musiker, die ihre Vorbilder bewundern und die Genies über sich auch als solche anerkennen... doch wie sieht es wohl umgekehrt aus? Die Popularitäts-Leiter abwärts wird nicht bestaunt - eher ignoriert, belächelt, belehrt oder geduldet.

Dabei gilt die Erkenntnis, dass der, der vorne tanzt, dies nur tun kann, weil sein Publikum sich für eine Stunde selbst vergisst, seine Aufmerksamkeit, seine Gefühle und sein Staunen dem Akteur ganz widmet und somit eine große Leistung vollbringt – ohne dafür Applaus oder Gage zu erhalten. Das gleiche Prinzip gilt auch für das Gespräch unter Zweien – immer im Wechsel ist jeder des Anderen Artist und Publikum – ob nun jeweils guter oder schlechter Qualität. Und letztlich gilt es auch für Politik und Religion. Immer gilt für den Akteur: Verliere nie Gespür und Dankbarkeit für die Leistungen derer, die - stumm oder wild, verdrossen oder euphorisch - dir zuhören und zusehen. Dies ist nämlich ein Zeichen ihrer Ehrerbietung und ein Zeichen deiner Verpflichtung, deiner Rolle als Akteur gerecht zu werden. Schaffe, gestalte, gib dich und deine Person hin für deine Kunst – auch nach der Bühnenshow. Andernfalls vergisst dich das Publikum ebenso schnell, ist enttäuscht und wendet sich – um seine Bewunderung und Aufmerksamkeit betrogen (zu Recht) ab. Außerdem bewahre dir das Staunen über deine eigenen Werke und über die Leistungen des Zuhörens, Bewunderns, Anerkennens. Sonst zerstörst du als Erster das wundervolle Zusammenspiel aus Artist und Publikum.

Die meiste Zeit seines Lebens ist der Mensch Zuschauer, das Leben erfordert eine Menge Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, zu erkennen und zu bewundern. Die Kraft des Menschen, sich jedem dahergelaufenen Akteur zuzuwenden ist begrenzt. Sie muss eingeteilt werden. Gut rationieren kann der, der seine Bewunderung dem schenkt, der die Rolle des Akteurs gut ausfüllt, Bewunderung zurückgibt und Aufmerksamkeit für sein Publikum aufbringt. So kommt es wohl, dass der Mensch nicht mehr in die Oper geht, wenn er merkt: Die singen nicht zu mir. Oder er wählt nicht mehr, oder verliert den Glauben, wenn er spürt: Die da oben sind von ihren eigenen Werken nicht mehr begeistert und sie staunen nicht mehr über mich.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Gesellschaftspolitik | Patrick Wilke | weiterempfehlen →