Was war Aufklärung ...

17.02.2005 | Dr. Joachim Koch

In Erinnerung an den am 12. Februar 1804 in seiner Geburtsstadt Königsberg verstorbenen Philosophen Immanuel Kant war das Jahr 2004 zum Kant-Jahr erklärt worden. Abgesehen von ein paar Verlagen, die den Anlass für eine Neuausgabe seiner berühmtesten Werke oder eine neue Kant-Biografie nutzen konnten, beschränkten sich die Reminiszenzen weitgehend auf einige zu Beginn des Jahres und um den Todestag herum publizierte Feuilletonbeiträge in den besseren Zeitungen und üblichen Fernseh-Kulturkanälen.

Da hätte die Bezeichnung Kant-Wochen genügt. Tatsächlich waren weitere auf die historische Leistung konzentrierte Würdigungen auch nicht nötig. Allerdings wäre das Gedankengut dieses Aufklärers und Weltbürgers gerade in aktuellen Diskussionen hilfreich gewesen: Wie legitim sind Glaubensüberzeugungen im politischen Handeln? Welchen Stellenwert sollen christliche Kirche und Tradition in der europäischen Verfassung haben? Sind Kopftücher an deutschen Schulen zulässig? Kann man in Bayern wieder das Schulgebet einführen? Religionssachen, wie Kant sie nannte, gab es zuhauf.

Seit die Argumente der Philosophie aber nicht mehr als publikumsrelevant gelten, beschränkt sich ihr Wert in öffentlichen Diskussionen vornehmlich auf Sonntagsreden. Entsprechend werden vor allem die Jubiläen beachtet: 2003 Adorno, 2004 Kant, 2005 Einstein und Schiller... ­ 2009 jährt sich zum 225. Mal die Veröffentlichung von Kants Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, 2024 steht sein 300. Geburtstag an, 2054 der 250. Todestag... Mit dem nächsten Kantjahr ist somit frühestens in vier Jahren zu rechnen. Grund genug, das Thema Aufklärung, das aller Wahrscheinlichkeit nach bis dahin nicht mehr relevant sein wird, noch einmal aufzugreifen. Fragen wir also in Anlehnung an den einst gewählten Titel nach: Was war Aufklärung, was ist von ihr geblieben?

Die dreifache Bedeutung von Aufklärung

Als sich 1784 Kant im Alter von 60 Jahren in der Berlinischen Monatsschrift um eine Antwort bemühte, bedeutete Aufklärung dreierlei: Sie war Epoche, war Programm und gewissermaßen Aufruf an den Einzelnen. Als Epoche befand sie sich seinerzeit auf dem Höhepunkt. Hundert Jahre zuvor begann mit der Habeas Corpus Akte von 1679 das konstitutionelle Zeitalter, die Ära des Absolutismus neigte sich gen Ende, an die Stelle von Herrscherfiguren wie Frankreichs Ludwig XIV. trat in Gestalt von Preussens Friedrich I. und Österreichs Joseph I. ein neuer Typus von Monarchen. Für das aufstrebende Bügertum kam ein moderater auftretender Feudalismus jedoch zu spät. Es strebte in Form einer Herrschaft des Volkes selbst zur Macht. Auf dem Papier hatte dies die ersten vorrevolutionären Verfassungsdokumente zur Folge, auf den Straßen und Schlachtfeldern Revolutionen und Bürgerkriege. Eine Signalfunktion hatte dabei der amerikanische Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) inne, dem die Boston Tea-Party (1773) und die Unabhängigkeits-Erklärung vom 4. Juli 1776 vorausgegangen waren. Dann ging es Schlag auf Schlag: 1787 wird in Philadelphia die Verfassung der Vereinigten Staaten entworfen und vom Bundesstaat Delaware, der seither der Erste Staat heißt, ratifiziert. 1789 tritt sie in Kraft, im selben Jahr bricht die Französische Revolution aus, wieder zwei Jahre später präsentieren Frankreich und Polen ihre ersten Verfassungen. Der bis heute dauernde Prozess der Demokratisierung hatte begonnen. Legen wir die 15-jährige Zeitspanne von 1776-1791, also vom Independence day bis zur ersten Verfassung in Europa, als Maßstab an, so ist Kants Aufsatz von 1784 ziemlich genau in der Mitte datiert. Deshalb konnte er fragen: "Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung." Dieses Zeitalter ist ungeachtet seiner anspruchsvollen Ziele lange zu Ende. Es endete mit dem Tod Kants, es endete mit Napoleon, den nationalen Befreiungskriegen und der darauf folgenden Epoche der Romantik.

Aufklärung meint jedoch nicht nur die Epoche, sie formuliert zudem ein der Vernunft verpflichtetes Programm, das für Politik und Wissenschaft gleichermaßen gültig sein soll. Es war prinzipiell schon während der ersten Aufklärung im 5. Jahrhundert v.Chr., der Blütezeit Athens unter Perikles und der geistigen Führerschaft der Sophistik maßgeblich. Irgendwann wird wieder eine Zeit kommen, in der solch ein Programm der Vernunft neuerlich die Leitlinien des Handelns vorgibt. Aktuell haben wir es eher mit einer bis zur Spießigkeit reichenden Gegenaufklärung mit traditionalistischen, patriotischen oder gar fundamentalistischen Werten zu tun. Dafür verantwortlich ist nicht zuletzt die Umgestaltung von Politik in Wirtschaft. Hervorzuheben sind vor allem zwei Aspekte. Erstens gehorchen die unter der Megaphilosophie des Ökonomischen zu beobachtenden Bemühungen um eine Demokratisierung Asiens genuin keinen politischen Motiven. Spätestens seit dem Fall des Eisernen Vorhangs wird Demokratie mit Kapitalismus und Demokratisierung mit Ökonomisierung gleich gesetzt. Entsprechend stellt das Anliegen, unterdrückten Völkern bei der Einrichtung von Freiheits- und Gleichheitsrechten zu helfen, bestenfalls einen Zusatznutzen dar. Primär geht es um die Akquisition neuer Märkte und die Eindämmung der Migration der Armen in die Länder der Reichen.

Analog hierzu ist zweitens aller gegenteiligen Behauptungen zum Trotz das Programm der Vernunft nicht mit dem identisch, das im Rahmen eines ökonomischen Nutzendenkens die Zweckrationalität verfolgt. So sehr es wirtschaftlich betrachtet vernünftig sein mag alles zu vermeiden, was keinen unmittelbaren Gewinn verspricht, so wenig hat diese Vernunft mit der zu tun, der sich die Aufklärung verpflichtet hatte. Deutlich wird dies durch ein anderes Kant-Zitat aus seinem Aufklärungsaufsatz: "Der Probierstein alles dessen, was über ein Volk als Gesetz beschlossen werden kann, liegt in der Frage: ob ein Volk sich selbst wohl ein solches Gesetz auferlegen könnte. ... Was aber nicht einmal ein Volk über sich selbst beschließen darf, das darf noch weniger ein Monarch über das Volk beschließen; denn sein gesetzgebendes Ansehen beruht eben darauf, daß er den gesamten Volkswillen in dem seinigen vereinigt."

Bliebe noch die dritte Bedeutung ­ der Aufruf an den Einzelnen. Neben dem kategorischen Imperativ wurde er zum meistzitierten und von Kant selbst als Wahlspruch der Aufklärung bezeichneten Satz: "Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Bezeichnenderweise sagte er nicht, deiner eigenen Vernunft, läuft diese doch Gefahr, sich selbst zu bestätigen, indem sie als unvernünftig abtut, was ihren Maßstäben zuwider läuft. Der Verstand ist dem gegenüber weniger vermessen. Fehlt es an ihm, ist von Unverstand oder Unverständnis die Rede. Unverständlich war Kant, "warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben." Wenn sie nicht so faul und feige wären, bemerkte er, hätten sie längst erkannt, wie sehr sie sich immer wieder selbst ernannten Vormündern unterwerfen. Sie sind unmündig, weil ihnen ihre erlangten Freiheiten wieder abhanden kommen. Dabei ist die Freiheit nichts, so lautet seine zentrale Botschaft, was einem allzeit bliebe, wenn man sie nur einmal hatte. Sie muss ständig neu erobert werden. Wer darauf verzichtet, indem er andere für sich denken lasse, weil das Denken so ein "verdrießliches Geschäft" sei, muss sich nicht wundern, wenn er am Ende nichts mehr zu sagen habe. Gerade darum ist Unmündigkeit nichts anderes als "das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen."

Es sind kraftvolle Sätze, deren Wahrheitsgehalt unverändert gültig scheint. Aus diesem Grunde droht jedoch gerade ihnen, als Versatzstücke oben erwähnter Sonntagsreden zu verkommen. Sind Faulheit und Feigheit nicht per se Vorwürfe, die man leicht anderen macht? Ist Philosophie nicht ohnehin stets etwas für andere? Und die Behauptung, es sei bequem, unmündig zu sein, so lange man ein Buch zu Rate ziehen könne, das für einen Verstand, einen Seelsorger, der für einen Gewissen, einen Arzt, der für einen die rechte Diät habe. "Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann." Ist es nicht eher ein Zeichen von Klugheit, die eigenen Grenzen zu kennen und sich fremder Kompetenzen zu bedienen? Ganz zu schweigen von der Freiheitsidee, das sich hinter solchen Ansprüchen verbirgt. Was für eine Freiheit ist das, die man mit Hilfe des Verstandes erlangen kann? Die der Erfolgreichen, die auf Engagement und Durchsetzungswillen basiert? Oder die der Märtyrer, die aus fleißigen Idealen und unbeugsamem Mut geboren wird? So eindeutig, wie der erste Eindruck glauben ließ, wären Kants Worte nicht, käme da nicht etwas hinzu, das beim Zitieren gerne übersehen wird: für die Aufklärung ist unerläßlich, von der Vernunft "in allen Stücken öffentlichen Gebrauch" zu machen.

Politische Freiheit meint nicht die Freiheit des Einzelnen

Der Grundgedanke jeder aufklärerischen Intention lautet, von Freiheit könne nur dann die Rede sein, wenn sie für alle gelte. Bleibt sie wenigen vorbehalten, ist es keine. Hoch individualisierten Gesellschaften wie der unseren scheint diese Haltung irritierend. Wir sind bereits gewohnt, gerade in dem, was anderen versagt ist, unsere Freiheit zu sehen. Wir deuten sie als Unabhängigkeit und verstehen darunter in erster Linie wirtschaftliche Unabhängigkeit. Zweifelohne verschafft sie uns Möglichkeiten, die man sonst nicht hätte. Man kann, banales Beispiel, reisen, abends ausgehen und sich aussuchen, mit wem man zu tun hat. Aller Wohlstand ist jedoch vergebens, wenn von Staats wegen ein Ausreiseverbot herrscht, eine Ausgangssperre verhängt oder eben per Gesetz untersagt ist, mit Personen anderer gesellschaftlicher Schichten Umgang zu pflegen oder gar Heiraten einzugehen. Um also überhaupt der Idee verfallen zu können, materielle Unabhängigkeit habe etwas mit Freiheit zu tun, sind Freiheiten nötig, die von materiellen Voraussetzungen unabhängig sind. Dasselbe gilt umgekehrt: Sind nur die Voraussetzungen gegeben, der konkrete Zugang zu ihrer Erfüllung aber nicht mehr allgemein gewährleistet, wird Freiheit zu einem Luxusgut, das jenen vorbehalten bleibt, die es sich leisten können. Das muss deren Vergnügen nicht mindern, ist genau betrachtet aber nur ein Sonderrecht für Eskapismus, und escapism is not freedom.

Mit dem öffentlichen Gebrauch der Vernunft ist darum nicht gemeint, die Medien für demokratische, aufklärerische oder emanzipatorische Ansprüche zu nutzen. Sie intendiert nicht Foren oder Talkshows, in denen Menschen ihre Ansichten kund tun können, während davon prinzipiell unabhängig die Politik entscheidet. Sie meint mehr als Meinungsfreiheit. Sie meint, die Vernunft als Basis einer Herrschaft des Volkes anzuwenden. Dem aufgeklärten Konsumenten traut man sie mittlerweile zu. "Ich bin doch nicht blöd" ist gewissermaßen zu seinem Wahlspruch geworden. Dem aufgeklärten Bürger wird solche Anerkennung nicht zuteil. Ihm, so glaubt man, müßten politische Entscheidungen kommuniziert und verkauft werden. Fehlt es ihm nun am Mut zum eigenen Verstand oder mangelt es eher an politischer Vernunft? Was auch immer es sei, die dritte Bedeutug von Aufklärung bleibt ungeachtet von Epoche und Programm nach wie vor aktuell. Was davon wirksam sein wird, werden wir vielleicht 2009 sehen, dem nächsten kantschen Jubeljahr.

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