Was kostet das Stigma des Scheiterns?

10.05.2005 | Anne Koark

Laut einer Statistik vom 4. März 2005 vom Statistischen Bundesamt gab es letztes Jahr in Deutschland 39.213 Unternehmensinsolvenzen. Wenn man in dieser Statistik weiterblättert, gab es darüber hinaus 4.237 Insolvenzen von natürlichen Personen als Gesellschafter und 23.251 Insolvenzen von ehemals Selbständigen - also insgesamt 66.701 Insolvenzen selbständiger Menschen in Deutschland. Schätzungsweise gingen aufgrund dieser Statistik etwa 600.000 Arbeitsplätze verloren.

Was wie eine Nobelausbildung klingt - "Pleitier" - ist ein Schicksal von verschiedenen Menschen, über die wir uns wenig Gedanken machen. So viele Betroffene und wir kennen kaum jemand, der alles verloren hat. Es tun sich in diesem Bereich sehr viele Löcher auf, die genau untersucht werden müssen.

"Das erste Gesetz der Löcher:
Wenn du in einem drinsteckst, hör auf zu graben."

Manfred Rommel, deutscher Politiker, (1974-96 Oberbürgermeister Stuttgart)

Das Thema der Insolvenz ist in Deutschland hoch tabuisiert. Die Insolventen sind entweder die Versager, die es einfach nicht konnten, oder eben auch die Schlitzohren, die ihre Firmen gegen die Wand fahren. Die genaue Betrachtung der Insolvenz einer Einzelfirma ergibt, dass es weder menschlich noch wirtschaftlich ein Ziel sein könnte, dass man seine Firma gegen die Wand fährt, um dann letztendlich alles - Firma, Lebensversicherungen, Sparguthaben, Eigentumswohnung, private Rentenvorsorge usw. - zu verlieren. Die betroffenen Unternehmer sind dann stark in dem Wiederaufstehen behindert.

"Die Verwaltung darf man nicht unter die Lupe nehmen,
weil sie sonst noch größer wird."

Wolfram Weidner, deutscher Journalist

Insolvenz ist in dem Land der 0-Fehler Schüler, nicht nur ein Tabu-Thema, sondern die bisherige Behandlung des Themas scheint nur eine juristische Spielwiese zu sein, in der die Insolvenzordnung eine echte Konkurrenz für jede ausführliche Bibliothek wird. Während die bisherigen Betrachtungen sich mit Grundthemen der Gesellschaft, wie zum Beispiel Schutz vor der Gläubigerenteignung und Sorge dafür, dass die Verlierer nicht etwas anstellen, was zu einem weiteren Schaden führen könnte, lassen die damit einhergehenden Entmündigungen und Berufsverboten der Kammern aus laienhafter Sicht vermuten, dass gegen mehrere Bestimmungen des Grundgesetzes zumindest aus Sicht des Betroffenen verstoßen wird. Eine Grundversorgung der Insolventen in der vorläufigen Insolvenz bleibt weitgehend aus, so dass das menschliche Versagen mit einem schlagartigen Schiffbruch verbunden wird, der es jedem erschwert, in irgendeiner Form wieder auf die Füße zu kommen. Während dessen das Arbeitsamt für die Übernahme der Gehälter der Mitarbeiter sorgt, so dass die Existenzen gesichert werden, hat der Einzelunternehmer oft in seinem Kampf gegen den wirtschaftlichen Untergang monatelang kein Gehalt bezogen und bei gesperrten Konten, sofortigem Schufa-Eintrag und Pfändungen ist er nicht gerade der Fang schlechthin für einen neuen Arbeitgeber. Der tiefe Fall bedingt, dass die zweite Chance mit allen offenkundigen Hindernissen durch den menschlichen Fall weiter erschwert wird.

Wirtschaftlich gesehen, bedeutet das Stigma, dass die Insolventen in der Gesellschaft schwer wieder Fuß fassen. Diejenigen, die gelernt haben, wo man die Finger nicht hintun darf, tauschen sich mit den neuen Existenzgründern nicht aus. Einerseits findet dieser Austausch aufgrund des Schamgefühles des Betroffenen und andererseits aufgrund der Angst der Ansteckung vom Neugründer statt. So werden jährlich aufgrund eines Tabus immer wieder die gleichen Fehler gemacht. Die selbst lernende Zyklen der Wirtschaft werden hier unterbrochen. Der aktenkundige Versager steht nicht wieder auf - die verlorenen Arbeitsplätze bleiben verloren. Der Gepfändete hat immer weniger Geld, und ist gefährdet, den Staat auch viel Geld zu kosten, wenn er sofern vorhanden, ins soziale Netz fällt. Die Kaufkraft wird durch den Verlust der Arbeitsplätze, durch das erschwerte Wiederaufstehen und durch die nicht vorhandene zweite Chance geschwächt. Die Innovation wird vor Angst gehemmt. Kann das sein, dass dies ein Kreislauf ist, den wir wirklich nicht genau untersuchen wollen?

Folgen wir dem Beispiel der EU-Kommission, die eine neue Arbeitsgruppe mit dem Namen "Stigma des Scheiterns und Frühwarninstrumente" installiert hat, müssten wir erkennen, dass die Art des Umganges mit dem Scheitern wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen hat. Die Angst vor dem Scheitern kostet jährlich vermutlich Milliarden.

In anderen Ländern gibt es ganz andere Regelungen, die es einem insolventen Menschen erlauben, schneller wieder aufzustehen. Betrachtet man die Tatsache, dass Walt Disney vor Erscheinung von Mickey Maus pleite war und dennoch einen Welterfolg mit seinen Zeichentrickfilmen errang, müsste man eine Kultur des Scheiterns in Deutschland geradezu herbeisehnen. Dann geht es wieder bergauf!

Vor zwanzig Jahren kam ich als Engländerin nach Deutschland. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich viel über Deutschland gelernt. Deutschland ist doch das Land der Trümmerfrauen, die das Unmögliche möglich machten. Die deutschen Trümmerfrauen sind ein Symbol auf der ganzen Welt für Zusammenhalt und Kampfgeist - eben Mut zur Wiederaufbau. Ist es möglich, dass im Lande der Trümmerfrauen das Scheitern ein Ende sein kann?

"Wenn alle in einer Wirtschaftskrise bewegungslos warten, wie soll sie dann überwunden werden?"
Nino Cerruti, italienischer Designer

In der Politik der Zukunft hoffe ich, dass wir uns wieder in Bewegung bringen, in dem wir nicht vergessen, dass man mehr aus dem Misserfolg als aus dem Erfolg lernt. Hören wir mit der Heftpflasterpolitik auf! Schauen wir unsere Fehler genau an - denn da liegt die Lösung! Auf meiner Visitenkarte steht: "Pleitier", denn ich stehe zu meinen Fehlern!

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