Warum immer mehr Deutsche auf Kinder verzichten

11.11.2004 | Dr. Martin R. Textor

Drei Jahrzehnte lang haben Wissenschaftler/innen und Versicherungsfachleute einschneidende negative Konsequenzen der abnehmenden Geburtenzahlen in Deutschland prognostiziert. Aber erst vor einigen Jahren haben Politiker/innen die Problematik erkannt, jedoch immer noch keine angemessenen Lösungen gefunden. Nur auf der Ausgabenseite - insbesondere bei den jetzigen und in Zukunft zu erwartenden Rentenleistungen - wurde gekürzt.

Das eigentliche Problem, nämlich die zurückgehende Geburtenrate, wurde jedoch noch nicht einmal annähernd gelöst. Nachdem kein Geld für familienpolitische Leistungen (mehr) da ist, versucht es Bundesministerin Renate Schmidt jetzt mit Angst machenden Appellen: "Wir werden doch immer älter. Wer kümmert sich denn um uns, wenn wir mit 80 Jahren mutterseelenallein in einem Heim leben? Wer besucht uns dann?" (Nürnberger Zeitung vom 23.10.2004). Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis Politiker/innen damit drohen: "Es gibt bald keine Rente mehr. Wenn Sie im Alter keine erwachsenen Kinder haben, die Sie unterstützen..."

Die einzige politische Maßnahme, die Bund und Länder derzeit forcieren, ist der Ausbau der Kindertagesbetreuung, insbesondere für Unter-Dreijährige und Schulkinder. Paaren soll die Entscheidung für ein Kind dadurch leichter gemacht werden, dass beide Partner - nach einer ganz kurzen Familienzeit des einen - wieder voll erwerbstätig sein können. Abgesehen davon, dass der Ausbau der Kindertagesbetreuung nur recht schleppend vorankommt, wird weitgehend ignoriert, dass Erwerbstätige immer länger und immer häufiger auch am frühen Abend oder am Samstag arbeiten müssen. Was nützt da ein sechs- oder achtstündiges Betreuungsangeboten an fünf Tagen in der Woche?

Außerdem wird hier von Politiker/innen ein wichtiger Aspekt des Familienwandels ignoriert: Paare bekommen heute im Gegensatz zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr Kinder, weil dies mangels Verhütungsmittel nicht vermieden werden kann, weil ihr soziales Umfeld dies erwartet oder weil sie die Unterstützung ihrer Kinder auf dem Hof oder im Alter benötigen. Heute sind eher selbstbezogene psychische Motive ausschlaggebend. Bundesfamilienministerin Renate Schmidt hat dies letztlich sogar erkannt: "Denn Liebe und Zuneigung sind doch so viel wichtiger als materielle Güter. Ich pfeife auf ein Ferienhaus in Lanzarote - ich habe meine Kinder" (a.a.O.). Nur: Wann kann ich die Liebe und Zuneigung meiner Kinder "genießen" und mir erhalten, wenn ich schon mein Einjähriges 40 Stunden pro Woche in die Kinderkrippe oder zur Tagesmutter gebe? Wird es nicht eher die "Betreuungsperson" lieben, mit der es die meiste Zeit des Tages verbringt und die ihm das Gehen, Sprechen und Spielen "beibringt"?

Hier wird deutlich, dass die Ursachen für den Geburtenrückgang nicht rein auf Probleme hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf reduziert werden dürfen. Es müssen auch folgende Fragen berücksichtigt werden, die sich Paare vor der Entscheidung für ein (weiteres) Kind stellen:

  1. Wie sicher ist meine Paarbeziehung? Bei Scheidungsraten, die sich immer mehr der 50%-Marke nähern, steigt die Verunsicherung, ob ich wirklich mit diesem Partner eine Familie gründen soll. Und wenn ich als zukünftige Mutter für längere Zeit auf ein eigenes Erwerbseinkommen verzichten soll und von meinem Mann finanziell abhängig werde, muss ich mich auf die Paarbeziehung fest verlassen können...

  2. Welche Chancen habe ich nach einer Familienpause noch in der Arbeitswelt? Dieser Frage müssen sich in erster Linie Frauen stellen, da sie zu 98% Elternzeit nehmen. Da aber Frauen heute vermehrt nach Selbstverwirklichung im Beruf suchen und sich in der Arbeitswelt bewähren wollen, haben sie Angst, nach einer längeren Familienpause den beruflichen Anschluss zu verpassen. Dies gilt in besonderem Maße für hoch qualifizierte Frauen - schließlich sinkt weiterhin die Halbwertzeit des Wissens.

  3. Können wir uns überhaupt ein Kind leisten? Selbst bei Besserverdienenden ist das Geld oft knapp - schließlich steigen die Ansprüche immer mehr (z.B. durch die Werbung). Und ein Eigenheim gilt als die beste Altersvorsorge...

  4. Da die Renten immer unsicherer werden, werden wir von den Politiker/innen aufgefordert, private Vorsorge zu betreiben. Woher sollen wir das Geld hierfür nehmen? Wenn Paare lesen, dass ein Kind Kosten von 100.000,- EUR und mehr verursachen kann, können sie leicht hochrechnen, was dieser Betrag bei einer Investition in eine private Rentenversicherung an späterer Rente bringen wird...

  5. Wenn ich arbeitslos bin oder eventuell werden könnte (bzw. mein Partner), können wir uns dann (noch) Kinder leisten? Bei zunehmender Arbeitslosigkeit und vielen durch Outsourcing bzw. durch Verlagerung in Billiglohnländer bedrohten Arbeitsplätzen werden viele Paare auch aus diesem Grunde vor einer Entscheidung für ein Kind zurückschrecken.

  6. Soll unser Kind in Armut aufwachsen? Das Deutsche Kinderhilfswerk hat Anfang November 2004 prognostiziert, dass nach Einführung des Arbeitslosengeldes II rund 2,5 Mio. Kinder auf Sozialhilfeniveau leben werden (zurzeit wird für mehr als 1 Mio. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren Sozialhilfe gezahlt). In den betroffenen Familien - und in denen, die ein niedriges Einkommen haben - werden sich wohl viele Partner gegen ein (weiteres) Kind entscheiden.

  7. Kann ich damit rechnen, dass mein Partner mir bei der Erziehung unserer Kinder hilft? Wenn der Partner ein Workaholic ist, wegen seiner Arbeit während der Woche häufig/ immer woanders übernachtet oder gar an einem anderen Ort arbeitet (Wochenendbeziehungen), fällt er als (potenzieller) Miterzieher weitgehend aus.

  8. Wird die Geburt eines Kindes die Qualität unserer Paarbeziehung beeinträchtigen? Paaren wird zunehmend bewusst, dass die Ehezufriedenheit generell nach der Geburt des ersten Kindes abnimmt. Außerdem beteiligen sich dann die jungen Väter in der Regel weniger an der Hausarbeit als zuvor. Die Mütter werden in eine von ihnen oft abgelehnte "klassische" Frauenrolle gedrängt.

  9. Nachdem ich in meiner Herkunftsfamilie schlechte Erfahrungen gemacht habe, soll ich dennoch eine Familie gründen? Personen, die eine unglückliche Kindheit gehabt haben, die die Scheidung ihrer Eltern erlebt haben oder deren (nicht erwerbstätige) Mutter unzufrieden war, sind - verständlicherweise - oft weniger "zeugungsfreudig". Und wenn ich unter Erziehungsfehlern meiner Eltern gelitten habe und einem Kind dergleichen unbedingt ersparen will...

  10. Bin ich überhaupt ein "Mutter-" oder ein "Vatertyp"? Immer weniger Erwachsene sammeln vor einer eventuellen Familiengründung Erfahrungen mit Kindern. Sie wissen nicht, ob sie überhaupt mit Kindern zurechtkämen...

  11. Wie erziehungskompetent bin ich überhaupt? Kann ich den Bedürfnissen eines Kindes entsprechen? Je anspruchsvoller die gesellschaftlichen und persönlichen Erwartungen an Elternschaft werden, umso größer werden Selbstzweifel und Ängste. Auch stellen viele Erwachsene aufgrund der derzeitigen idealisierten Vater- und Mutterleitbilder und der vielen Warnungen vor den negativen Konsequenzen unerfüllter kindlicher Bedürfnisse sehr hohe Ansprüche an sich selbst - manchmal so hohe, dass sie auf Kinder verzichten...

  12. Kann ich noch unabhängig sein und mich selbst verwirklichen, wenn wir Kinder haben? Insbesondere während der ersten Lebensjahre eines Kindes sind Eltern zeitlich gebunden, müssen sie auf Freiräume verzichten. Und Selbstverwirklichung ist mit (Klein-) Kindern schwierig zu bewerkstelligen...

  13. Bin ich nicht schon zu alt für Kinder? Bei den sehr langen Studienzeiten und mehreren für die berufliche Etablierung benötigten Jahren stellt sich diese Frage vor allem für Akademiker/innen. Außerdem steigen mit zunehmendem Alter Risiken wie Infertilität, Schwangerschaftskomplikationen, Behinderung des Kindes usw.

  14. Welche Zukunftsperspektiven hätte mein Kind bzw. hätten meine Kinder? Bei den auf Ressourcenverknappung, Umweltzerstörung, Terrorismus usw. beruhenden Horrorszenarien, die derzeit in den Medien diskutiert oder filmisch umgesetzt werden, sind pessimistische Antworten auf diese Frage durchaus verständlich. Und dann ist es vielleicht besser, die Kinder werden erst gar nicht geboren...

Die hier genannten Gründe für den Verzicht auf (weitere) Kinder - es handelt sich um eine Auswahl möglicher Motive - lassen sich nur durch eine Verbesserung der Kindertagesbetreuung kaum beeinflussen. Wir benötigen stattdessen ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die relativ kostspielig sind und weit über den Bereich der klassischen Familienpolitik hinausgehen: sichere Arbeitsplätze durch eine entsprechende Wirtschaftspolitik, eine gute soziale Absicherung von Familien im Falle von Arbeitslosigkeit, die Erstattung eines weitaus größeren Teils der Kinderkosten durch die Gesellschaft, verpflichtende Angebote zur Vorbereitung auf die Elternschaft, Hilfen zur Stabilisierung von Paarbeziehungen, eine familienorientierte Arbeitswelt, Abbau von Kinderfeindlichkeit u.v.a.m. Selbst wenn in absehbarer Zeit Mittel für solche Maßnahmen zur Verfügung gestellt würden - was hoch unwahrscheinlich ist -, ist aber weiterhin mit einem Geburtenrückgang zu rechnen. Schließlich sind viele der genannten Ursachen von außen kaum zu beeinflussen. So kann der Bevölkerungsrückgang nur noch abgebremst werden, müssen wir lernen, mit den damit verbundenen, immer deutlicher werdenden Problemen zurechtzukommen ...

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