Warum die Türkei in die EU gehört

11.01.2005 | Arne Trautmann

Eine Diskussion, die uns wohl noch zehn oder zwölf Jahre begleiten wird ist, ob die Türkei Mitglied der EU sein sollte. Die Diskussion ist in der Sache zweifellos gespickt mit schwierigen Abwägungen und Entscheidungen, darüber hinaus wird die nüchterne Betrachtung der Frage durch den teilweise verantwortungslosen Umgang der Politik mit der Angelegenheit nicht eben erleichtert. Dennoch, so meine ich, gibt es eine klare Antwort: die Türkei gehört in die EU.

Natürlich liegt der Betritt im Interesse der Türkei. Die Beispiele Spanien und Portugal zeigen, wozu ein langfristiger Transfer von Know-How, Geld, Rechts- und Verwaltungssystemen und Gutem Willen führen: zu Prosperität, Fortschritt; politischer Stabilität und Wohlstand. Nicht zu vergessen ist (auch in Deutschland) die Ausrede, "Brüssel wolle das so" gern ein Rettungsanker für Politiker, um unpopuläre aber notwendige Maßnahmen durchzusetzen.

Der Beitritt liegt aber auch im ureigensten Interesse Europas. Das hat wirtschaftliche (die türkische Wachstumsdynamik liegt klar über dem EU-Schnitt), militärische (die Türkei ist eine ernstzunehmende und in der NATO verlässlich eingebundene Militärmacht) und soziale (die Bevölkerung der Türkei ist ausnehmend jung, anders als die überalternde EU-Bevölkerung), vor allem aber (geo-)politische Gründe.

Die Türkei ist ein Staat, der - bei allen bestehenden Problemen - erfolgreich vorführt, dass islamischer Glauben, Toleranz, Demokratie und wirtschaftliche Erneuerung zusammen funktionieren. Wenn es ein Land gibt, das glaubwürdig zwischen christlich und islamisch geprägten Ländern vermitteln kann, dann die Türkei. Und wenn es ein Land gibt, das reiche Erfahrungen mit der Säkularisierung einer islamisch geprägten Gesellschaft hat - ein Prozess, der vielen Ländern noch bevorsteht - dann dieser Staat zwischen Europa und Asien.

Genau hier, wo die Türkei ganz unbestreitbar Expertise und - angesichts der Größe der Aufgabe - bewundernswerte Erfolge aufweist, werden die Weichen der Zukunft Europas und seiner Nachbarn gestellt. Während die USA den Versuch starten, Demokratie mit Feuer und Schwert im Nahen Osten zwangsweise zu etablieren, könnte die EU mit einem Mitglied Türkei ein sehr viel sanfteren, willkommeneren und erfolgversprechenderen Versuch in diese Richtung unternehmen. Ein Erfolg hier wäre nicht nur für die Sicherheitslage in Europa, sondern auch für dessen wirtschaftliche Aussichten, ein unermesslicher Gewinn.

Umgekehrt, wenn die Türkei außen vor bleibt oder bleiben muss, welches Signal sendet das an die Welt? Wird das, muss das nicht so verstanden werden, dass die Trennlinie zwischen den Religionen verläuft? Die Aussage wäre klar, dass hier ein Land mit einer Bevölkerung mehrheitlich islamischen Glaubens gerade wegen dieses Umstandes ausgegrenzt wird. Die Folge wäre eine Radikalisierung der islamistischen Kräfte. Statt einen Partner zu gewinnen, der viel Gutes in einer unruhigen Region tun kann, würde man ein ganzes Land in genau das falsche Lager stoßen. Das kann nicht sinnvoll sein.

Übrigens: vielerorten wird als Argument gegen einen Beitritt angeführt, dass gerade die Türken im Ausland, etwa in Deutschland, sich auf (tatsächliche oder vermeintliche) Wurzeln und Werte ihres "Heimatlandes" (in Anführungszeichen, weil das meist die zweite oder dritte Generation im "Gastland" ist) besinnen, und dies seien eben nicht die klassischen EU-Primärtugenden.

Das mag sein. Es sagt aber nichts über die Türkei aus, dort leben diese Menschen ja nicht (mehr), sondern etwas über das "Gastland". Nämlich über dessen Unfähigkeit zur Integration von Menschen mit anderer kultureller Herkunft.

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