Wahlkampfmanagement - vorgestern und heute

18.03.2008 | Jens Crueger

Nehmen wir uns einmal die Zeit und begeben uns auf einen Zeitsprung, weit weg vom Alltagsgeschäft der heutigen Politik. Zur Abwechslung allerdings machen wir nicht den Sprung in die Zukunft, wie dies bei der Entwicklung politischer Visionen ja gemeinhin üblich ist. Nein, wir drehen die Zeit zurück. Und das nicht bloß ein paar Jahre oder Jahrhunderte, sondern gleich tausende von Jahren.

Um genau zu sein begeben wir uns in das Jahr 63 vor Christi Geburt. Was an diesem Jahr so besonders sein soll, dass es uns als politische Menschen heute noch interessieren könnte? Es ist das Jahr in dem ein gewisser Marcus aus dem Geschlecht der Tullier sich das erste Mal um das Konsulat, das höchste Staatsamt in der römischen Republik, bewarb. Seinen Zeitgenossen wie auch den nachfolgenden Generationen war dieser Mann unter seinem Beinamen bekannt: Cicero.

Dieser Kandidat, so würde man heute wohl sagen, gehörte nicht zum politischen „Establishment“. Er war Sohn eines Ritters, Konsul aber wurde man in aller Regel nur, wenn man einer Familie der senatorischen Oberschicht entstammte. Seit über 30 Jahren hatte es keinen „Emporkömmling“ mehr gegeben, der aus dem Stand der Ritter den Sprung in die Spitzenpolitik geschafft hätte. Ciceros Kandidatur stand also unter schwierigen Vorzeichen und vielleicht ist genau das der Grund, warum ein aus heutiger Sicht bemerkenswertes Dokument entstand. Ciceros Bruder Quintus, selbst ein namhafter Politiker, schrieb dem Kandidaten im Jahr 63 einen Brief zur Unterstützung seines Wahlkampfes. In diesem Brief gab er ihm zahlreiche höchst interessante Tipps, wie eine erfolgreiche Wahlkampagne zu organisieren sei.

Solch ein Dokument ist für die Antike einmalig. Nennen wir die Philosophen Platon und Aristoteles die Stammväter der Politikwissenschaft, so ist Quintus wohl der Stammvater dieser Wissenschaft in ihrem sozialtechnologischen, also anwendungsorientierten, Sinne. Die Offenheit, mit der hier die Mechanismen der Macht offenbart werden, ist entlarvend. Man stelle sich vor, ein heutiger Politiker würde einen „Ratgeber“ darüber veröffentlichen, mit Hilfe welcher Seilschaften, Tricks und Maschen man im 21. Jahrhundert ein politisches Spitzenamt erreichen kann. Das Aufsehen und die Entrüstung wären grandios. Solch ein Enthüllungsbuch wäre schnell ein kontroverser Bestseller, einen kleinen Vorgeschmack darauf hat bereits das Buch „Höhenrausch“ des langjährigen Spiegelredakteurs Jürgen Leinemann vor einigen Jahren geliefert.

Der Lauf der Geschichte bringt es mit sich, dass wir derartig anatomisch genaue Blicke auf das System der politischen Macht zumeist nur als Rückgriff aus vergangenen Zeiten besitzen. Machiavelli ist wohl das bekannteste Beispiel, Quintus ist ein weiteres, viel weniger bekanntes. Dabei ist seine Schilderung für uns womöglich viel aussagekräftiger als das, was wir bei Machiavelli über den frühneuzeitlichen „Fürsten“ lernen können. Zwar war auch die römische Republik im letzten vorchristlichen Jahrhundert – zu Zeiten der Cicero-Brüder also - keine Demokratie im heutigen Sinne, eher eine Aristokratie bzw. Oligarchie. Aber innere Zerfallsprozesse hatten längst dazu geführt, dass die Bindungen der einfachen Menschen an die politische Führungsschicht sich erheblich gelockert hatten. Dies hatte zur Folge, dass bei den Wahlen der Staatsämter immer stärker individuelle Gründe den Ausschlag zur Stimmabgabe gaben. Also doch gewisse Analogien zur modernen Demokratie: Eine breite Masse wählt aus mannigfachen persönlichen Gründen einen kleinen Kreis von Bewerbern in politische Führungsfunktionen - und wird daher zum Ziel heftigen Werbens durch die Kandidaten.

Betrachten wir nun dieses Werben genauer. Die Anleitung zum Wahlkampf, die der antike Spin-Doctor Quintus uns liefert, ist erstaunlich systematisch und gründlich erarbeitet. Dabei stechen in seinen Ausführungen zwei Themen besonders deutlich ins Auge: Die Organisation einer Wahlkampagne und die Rolle des Kandidaten im Wahlkampf.

Die perfekte Wahlkampagne

Beginnen wir mit Quintus’ Konzept zur Kampagnenorganisation. Alles beginne damit, dass solch eine Kampagne umsichtig geplant sein müsse. Schließlich sei Ciceros Wahlziel ehrgeizig und die Widerstände gegen seine Kandidatur bereits deutlich absehbar. Cicero müsse daher „jedes planmäßige Vorgehen, Konzentration, Mühe und Sorgfalt“ aufwenden, um seine Kampagne zu organisieren. Das Rückgrat einer jeden Wahlkampagne, nämlich die Aktivisten, nennt Quintus „Freunde“. Freunde definiert Quintus als Menschen, die einen Kandidaten nicht nur kennen und wählen, sondern die sich überdies für dessen Wahlkampf engagieren. Um zügig eine möglichst große Kampagne aufzubauen solle ein Kandidat im Wahlkampf alle Unterstützer Freunde nennen, auch diejenigen, die er im Alltag nicht zu seinen Freunden zählen würde. Dies sei nicht scheinheilig, im Gegenteil. Es werde geradezu erwartet, dass ein Bewerber scheinbar wahllos Freundschaften schließe, dies sei ein Signal für die Ernsthaftigkeit der Kandidatur. Wir lernen also: Eine Kampagne muss von möglichst vielen Unterstützern getragen werden und das Ziel des Wahlerfolges ist dabei wichtiger als persönliche Animositäten.

Der Kandidat müsse als Leiter der Kampagne jedem Unterstützer eine genaue Aufgabe zuteilen und die Leistungen eines jeden Helfers müsse der Kandidat stets im Auge behalten. Er müsse den Eindruck zu vermitteln, die Fortschritte seiner Wahlkampfhelfer sehr genau zu registrieren.

Aber zunächst muss ja eine ausreichend große Anzahl Unterstützer gewonnen werden. Um dies zu schaffen solle Cicero diejenigen, die ihm aus alter Dankbarkeit verpflichtet seien, daran erinnern, sich für diesen Gefallen jetzt revanchieren zu können.

Diejenigen hingegen, die ihm keinen Gefallen schuldeten, müsse Cicero durch kleine Gefälligkeiten davon überzeugen, sich für seinen Wahlkampf zu engagieren. Er müsse die Hoffnung wecken, dass er sich seinen Unterstützern verpflichtet fühle und sich nach der Wahl erkenntlich zeigen werde.

Vor allem junge Menschen aus dem Ritterstand, so weiß es Quintus zu berichten, seien in hohem Maße bereit, sich für einen Wahlkampf zu engagieren. Auf das Engagement junger Menschen gestützte Wahlkampagnen sind auch heute ein vertrautes Bild. Vor allem junge Leute mit hohem Potential – allen voran Studenten – sind hierbei sehr aktiv, wohl auch, weil sich mancher eine spätere Karriere im Polit-Betrieb verspricht. Es liegt nahe, das selbe Motiv auch bei den jungen Rittern zu vermuten, für sie mag ihr Standesgenosse Cicero ein leuchtendes Vorbild gewesen sein.

Ziel der Kampagnenorganisation müsse es sein, so lehrt Quintus seinem Bruder und der Nachwelt, ein möglichst breites Netz von Unterstützern aufzubauen, um auf diese Weise so viele Wähler wie möglich zu erreichen. Die Großstadt Rom genau wie den hinterletzten Winkel Italiens müsse Cicero mit seiner Kampagne abdecken. Daher solle sich der Kandidat in allen gesellschaftlichen Gruppen, besonders aber in den wichtigen und einflussreichen, vernetzen und Unterstützer suchen. So etwas nennt man heute Zielgruppenwahlkampf. Weiter argumentiert Quintus, dass Unterstützern mit hoher öffentlicher Bekanntheit und Popularität besondere Bedeutung zukomme. Diese allseits beliebten Multiplikatoren würden nämlich überproportional viele Wähler erreichen und mobilisieren können. Prominente des 21. Jahrhunderts, seien es Literaten wie Günter Grass für die SPD oder Hollywood-Stars wie Scarlett Johansson für Barack Obama, sind als Wahlkampfhelfer ein durchaus wirkungsvolles Instrument heutiger Wahlkampagnen. Das Wissen über den Nutzen solch prominenter Schützenhilfe besaß man also schon in der Antike.

Seine Aktivisten sollten jeden Tag in großer Zahl öffentlich präsent sein, so rät es Quintus seinem Bruder. Bei jedem Auftritt in der Öffentlichkeit müsse sich der Kandidat von einer großen Menge seiner Unterstützer begleiten lassen, die sich aus allen gesellschaftlich relevanten Gruppen zusammensetzen sollten. Auch hier achtet Quintus also sehr genau auf die verschiedenen Zielgruppen, die eine Kampagne erreichen soll. Durch eine solche Eskorte erwecke ein Kandidat den Eindruck, beliebt und chancenreich zu sein. Welche Bedeutung einem solchen Begleittross zugemessen wurde, erkennt man am Hinweis des Quintus, falls einer der ständigen Begleiter einmal verhindert sei, so müsse sich dieser unbedingt vertreten lassen – notfalls von einem Verwandten.

Der ideale Wahlkämpfer

Das zweite Große Kapitel in Quintus’ Brief widmet sich den Ratschlägen für das richtige Verhalten eines Kandidaten, der möglichst viele Wählerstimmen gewinnen wolle. Zunächst einmal gelte für die Werbung von Stimmen in der breiten Wählermasse das gleiche wie für das Werben von Freunden. Ein tadelloser Ruf sei dabei die Basis für ein gutes Wahlergebnis, dieser beginne schon mit einem guten Ruf beim eigenen Hauspersonal.

Fangen wir dort an, wo das Werben der Wähler offenbar am einfachsten war. Die Bewohner länglicher Gebiete seien besonders leicht zu gewinnen, schreibt Quintus, bei ihnen reiche es schon aus, sie mit dem Namen anzureden, um ihre Unterstützung zu gewinnen.

Für den anspruchsvolleren Wahlkampf in der Stadt Rom sei vor allem die Präsens, ja geradezu Omnipräsens des Kandidaten wichtig. Überall in der Öffentlichkeit müsse nach Stimmen geworben werden, wenn nötig, müssten unentschlossene Bürger auch mehrfach angesprochen werden.

Vom Charakter eines erfolgreichen Wahlkämpfers hat Quintus genaue Vorstellungen. In Wahlkampfzeiten müsse er leutselig und schmeichelnd sein. Für den unglücklichen Fall, dass ein Bewerber diese Eigenschaften nicht schon von Natur aus besitze, so rät Quintus, bliebe ihm nun mal nichts anderes übrig, als diese Eigenschaften für die Dauer des Wahlkampfes vorzuspielen.

Im öffentlichen Auftreten solle der Kandidat auf übertriebene Pracht verzichten, umso besser könne den Konkurrenten dann Verschwendungssucht nachgesagt werden. In punkto Wohltätigkeit und Spendabilität gegenüber dem Volk solle sich Cicero hingegen auszeichnen. Er müsse jederzeit ansprechbar sein für die Wünsche der Bürger, von ihnen erbetene Unterstützung solle er prinzipiell zunächst zusagen. Falls dies aber aus taktischen oder strategischen Gründen nicht möglich sei, so solle er die Absage wenigstens mit freundlichen Worten begründen. Denn eine in freundliche Worte gehüllte Lüge, so urteilt Quintus, sei den Menschen immer noch lieber, als die blanke Wahrheit. Und im direkten Gespräch während des Wahlkampfes jedem alles zu versprechen und dann später einige enttäuschen zu müssen sei immer noch besser, als sofort alle unrealistischen Forderungen abzulehnen. Dem, der sofort nein sage würde dies übler genommen, als dem, der zunächst ja sage, dann aber an der Einlösung des Versprechens scheitere. Sollte sich der Kandidat am Ende bei seinen Wahlversprechen übernommen haben, so könne er immer noch darauf hoffen, dass nicht alle gegebenen Versprechen eingefordert würden. Müsse man dennoch am Ende einige Unterstützer enttäuschen, so würden sich diese wenigen zwar resigniert abwenden, aber das hätten sie wohl ebenso getan, hätte man ihnen von Anfang an eine ehrliche Absage erteilt.

Quintus schreibt vollkommen losgelöst von jeglichem Moraldiskurs über die Ehrlichkeit im Wahlkampf, er betrachtet Wahlversprechen rein funktional. Gerade deshalb sind seine Ausführungen so aufschlussreich. Und sie besitzen wohl eine zeitlose Gültigkeit, sind doch die Fragen nach der Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit von Wahlversprechen nicht ohne Grund ein Thema vor und nach jeder heutigen Wahl.

Ein genauer Blick auf dieses Fundstück der Politikgeschichte lohnt also, bietet sich doch die einmalige Gelegenheit, die Abläufe in Wahlkämpfen durch den Spiegel von über 2000 Jahren hindurch zu betrachten. Zentrale Elemente moderner Kampagnenführung scheinen plötzlich gar nicht mehr so neu und originell, man erkennt vielmehr, dass es sich hierbei wohl schlichtweg um anthropologische Konstanten handelt.

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