Wahlkampf der Anti-Charismatiker

15.08.2009 | Ulrich Sollmann

Personifizierung in der Politik und soziale Milieus

Auch wenn es in Deutschland keinen Personenwahlkampf gibt, so kündigt sich schon der amerikanische Stil der Auseinandersetzung an. Die SPD habe, so im Januar 2008 die mehrheitliche Medienmeinung, vor, im Wahlkampf 2009 Frau Merkel durch einen Blick ins Private gezielt „anzugehen“.

Eine Woche vor der Wahl in Niedersachsen „nimmt der SPD-Spitzenkandidat Wulffs Privatleben ins Visier“. (www.spiegel-online.de 2008) Dabei wird es wohl nicht bleiben. — Wie aber sind Partei und Politiker hierauf vorbereitet? Wie soll man auf eine solche Komunikationsstrategie reagieren? Wie vor allem sich persönlich verhalten?

Die Personifizierung in der Politik ist primär keine Erfindung von Wahlkampfmanagern oder Spindoctoren. Sie entspricht gerade auch dem starken Bedürfnis in einer globalisierten Welt, die immer komplexer und unüberschaubarer und dynamischer wird, eine konkrete Orientierung zu behalten. Diese erhofft man sich gerade durch den Blick auf den Politiker als Person. Nicht nur das. Auch die Parteien verlieren zunehmend an Orientierung bzw. bieten weniger Orientierung für die inzwischen recht vielfältigen sozialen Milieus. So kann man heute nicht mehr sagen, es gibt eine Rechts-Partei, eine Links-Partei, eine Partei der Mitte und etwaige Splittergruppen. Jede der Volksparteien, und dazu zähle ich in Deutschland auch die Grünen und die Liberalen, ist zunehmend durchmischt bzw. vertritt durchmischte komplexe Wertvorstellungen und Interessen. So werben und kämpfen die großen Parteien in Deutschland beispielsweise für die „neue Mitte“, ohne dass diese näher identifizierbar oder greifbar ist. Jede der Parteien meint, Vertreterin dieser virtuellen Gesellschaft zu sein. Dabei ist niemandem so richtig klar, wer und was die „neue Mitte“ überhaupt ist. Und wie man sie erreicht. Ein „Erfolgsrezept“ in diesem politischen Nebel kann die Personifizierung sein. Gibt sie doch die Möglichkeit, dass unterschiedliche gesellschaftliche Milieus gleichzeitig von ein und derselben Partei angesprochen werden können. Nämlich angesprochen durch eine ganz konkrete Person. Die Partei mit ihrer Ausrichtung bildet dabei eine Grundorientierung. Der Kandidat, sowie andere Spitzenpolitiker der Partei vertreten dann zwar die Linie der Partei, sie bieten sich aber auch gleichzeitig zur Identifikation in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus an. Sie wirken somit als Vertreter der Partei, als Individuum/als Person und als ein Vertreter von Macht und Einflussnahme. Sie überzeugen dann eher durch ihre „Inszenierung von Authentizität“. (Kocks 2006) Gerade hier kann in Zukunft die Chance für Partei und Politiker liegen, nämlich gesellschaftlich wieder anschlussfähig, d. h. wählbar zu werden. Politischer Erfolg gründet sich somit auf die (Selbst-) Verpflichtung hinsichtlich einer Partei und deren Programm einerseits und das persönlich gelebte und genutzte Aufmerksamkeitskapital in Bezug auf unterschiedliche emotionale Milieus andererseits.

2009 werden unter www.charismakurve.de Ausstrahlung und öffentliche Wirkung von Merkel und Steinmeier durch die Internetuser bewertet. Ebenso können die User Empfehlungen zur Verbesserung der Öffentlichkeitskompetenz geben.

Es gibt ein eindeutiges, erstes, bedeutsames Ergebnis: Beiden wird sehr deutlich auf der Rollenebene empfohlen, zu ihrer/seiner eigenen Meinung zu stehen, auch wenn sie von der Meinung der Partei abweichen würde. Einerseits wünschen die User sich ein klares, unterscheidbares, individuelles Profil von Kanzlerin und Kandidat. Andererseits ist ihnen die Berücksichtigung der Persönlichkeit, sprich die der individuellen Verhaltens- und Wirkungsmuster wichtig, um eine überzeugende Orientierung für die mögliche Wahlentscheidung zu bekommen. Dies spielt zunehmend eine zentrale Rolle. Werden doch die jeweiligen Parteien über- oder unterbewertet: überbewertet (CDU/CSU) und unterbewertet (SPD). Die User wünschen sich aber eine in sich stimmige Orientierung: Kanzlerin stimmig mit der Union und Steinmeier stimmig mit der SPD.

Insoweit könnte man sagen, dass sich Kanzlerin und Kandidat weniger gegeneinander profilieren müssen sondern jeweils gegenüber der eigenen Partei.

Weitere Ergebnisse im Einzelnen:

Die Kanzlerin wird als kämpferisch unter Stress und erfolgreich im Bezug auf brenzlige Beziehungsklärung und Kommunikation wahrgenommen. Sie wisse sich zu behaupten und durchzusetzen, auch wenn sie dabei gegen die Spielregeln verstößt. Es wundert daher nicht, dass es weniger starke Empfehlungen an die Kanzlerin gibt. Auf der Personenebene wird ihr jedoch empfohlen, stark zu bleiben aber auch situativ Schwächen und Fehler einzugestehen.

Steinmeier wird als einfühlsam wahrgenommen, ohne aber genügend Identifikationsangebote an die Bürger zu machen. Zwar wisse er, was die Menschen bewegt und weiß sofort, wenn es brennt, was tatsächlich zu tun ist. Doch wird er eher als distanziert und zurückgenommen beschrieben. Daher auch die eindeutige Empfehlung an ihn, mehr mit den Menschen, die ihm eigentlich fremd sind, zu reden und sich aktiv auf diese Menschen zu beziehen, so dass diese es auch merken können.

Wenn Sie mehr über diese Wirkungskompetenz bei Merkel und Steinmeier erfahren möchten schauen Sie rein bei www.charismakurve.de oder bei twitter unter charismakurve.

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