Von Vorbildern und Zerrbildern

23.01.2012 | Dr. Simone Pika

Es ist früher Morgen im Kibale National Park in Uganda und ich, eine Kommunikationsforscherin, bin mit den beiden erwachsenen Schimpansenmännchen BARTOK und HARE-LIP unterwegs, die nach einem ausgiebigen Frühstück an Blättern einer spezifischen Baumart (Chrysophyllum albidum) durch den Regenwald ziehen. Im gemäßigten Tempo laufen sie auf allen vieren, vorne auf ihren Fingerknöcheln hinten auf den Fußsohlen, über den von Blättern und vielfältiger Pflanzenaktivität gemusterten Boden.

Die beiden überqueren kleine Sümpfe und kleine Flüsse mit einer Leichtigkeit, bewegen sich mit Anmut durch scheinbar undurchdringliche Dornengestrüppe und Lianenverflechtungen, während ich mich, mit meinem kompakten Rucksack bestückt, dem aufrechten Gang ab und an verweigern muss.

Plötzlich knackt etwas hinter uns und DJ, ein subadultes Männchen, schlägt einen weiten Bogen um mich herum, und reiht sich dann hinter BARTOK und HARE-LIP ein. DJ ist circa acht Jahre alt, besitzt ein relativ helles Gesicht, mit vielen Pigmentpunkten um den Mund herum und einen staksigen Schritt. Wie alle heranwachsenden jungen Schimpansenmännchen verbringt er immer weniger Zeit mit seiner Mutter und schließt sich mehr und mehr den erwachsenen Männchen an. Eine besondere Vorliebe hat DJ für BARTOK, das ranghöchste Männchen der Gruppe, welches er sich als Vorbild auserkoren hat. DJ folgt BARTOK meist in respektvollem Abstand und beobachtet all seine Bewegungen und Begegnungen genauestens.

Die drei Schimpansen ziehen weiter durch den Wald, bis sich bei BARTOK plötzlich die Haare aufstellen und er die Lippen spitzt, um einen pant-hoot anzustimmen. Dann rast er auf einen kräftig gewachsenen Baum mit ausladenden Brettwurzeln zu und vollführt auf den Wurzeln einen Trommelwirbel mit Fuß und Händen. HARE-LIP macht es ihm gekonnt nach. DJ schaut. Dann versucht er sich ebenfalls an einem pant-hoot und versetzt einer Wurzel einen saftigen Kick. Pant-hoots sind Vokalisationen die mehrere km weit zu hören sind, ebenso wie das Trommeln. Andere Schimpansen der Kommune wissen nun genau, wer da zusammen unterwegs ist und in welche Richtung sich diese Gruppe bewegt. Einige antworten ebenfalls mit pant-hoots und Trommeln.

Aber noch andere Dinge können heute beobachtet und gelernt werden: Erst erreichen wir einen riesigen Feigenbaum, der vor gelben Früchten nur so zu leuchten scheint. In ihm sitzen schon andere Schimpansen mit schmatzenden Mündern, die die ankommenden drei Schimpansen mit kurzen, abgehackten Vokalisationen, sogenannten pant-grunts, begrüßen (1). BARTOK und HARE-LIP klettern geschwind den Baum hinauf und DJ tut es ihnen nach. Nachdem die drei sich die Bäuche vollgeschlagen haben, klettern sie wieder von dem Feigenbaum herunter und HARE-LIP beginnt BARTOK das Fell zu lausen. DJ sitzt ganz nah dabei und verfolgt genau, wie HARE-LIP das Fell von BARTOK abteilt und mit den Fingern durchkämmt. Manchmal findet HARE-LIP eine kleine Köstlichkeit, die dann direkt in den eigenen Mund wandert. DJ beobachtet und bewegt leicht die Lippen.

Etwas später nähert sich ein wenig zögerlich das Schimpansenweibchen JOLIE mit einer prallen, hellrosa Genitalschwellung. Sie grüßt BARTOK mit leisen pant-grunts und präsentiert dann ihre Schwellung. BARTOK streckt ihr die Hand entgegen und verbringt dann die nächste halbe Stunde damit JOLIE ausgiebig zu lausen. DJ schaut ihm zu.

Irgendwann wird er vielleicht mal eine ähnlich hohe Position wie BARTOK, besetzen und die meisten werden ihm grüßend und mit Respekt entgegentreten. Bis dahin muss er jedoch noch einige Lehrjahre durchwandern und sich grundlegende männchenspezifische Verhaltensweisen abschauen und aneignen. Allerdings hat er einen großen Vorteil, denn er hat sich das beste Vorbild der Gruppe ausgesucht, den Regenten selbst. BARTOK lenkt die Geschicke dieser mehr als 150 Individuen umfassenden Schimpansengruppe seit 8 Jahren mit ruhigem, kraftvollen Geschick, einem hohen Maß an Intelligenz und einem weitreichenden Netz an Kooperationspartnern.

 

Copyright Langergraber
BARTOK (Copyright Kevin Langergraber)

 

Wer würde dagegen momentan den höchsten Mann des Staates in meinem eigenen Land als Vorbild auserwählen, um von ihm zu lernen und ihm nachzueifern? Einem Präsidenten, der sich mit vereinten Kräften an seinen Sessel klammert, obwohl er die zu repräsentierenden Werte dieses Amtes, Souveränität und Glaubwürdigkeit, mit Füßen tritt und glaubt das Volk zum Narren halten zu können.

Und was sieht er selbst, wenn er morgens in den Spiegel schaut? Ein Vorbild? Ein Abbild? Oder vielleicht doch nur noch ein Zerrbild eines gewählten Staatsoberhauptes der Bundesrepublik Deutschland.

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(1) Das 'Grüßen' findet bei Schimpansen rangabhängig und einseitig statt, d.h. rangniedrigere Individueen grüßen ranghöhere Individuuen.

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