Vom Unterschied der Volkswirtschaft zur Betriebswirtschaft

22.05.2006 | Christian Spin

Oder: Warum das eine mit dem anderen nicht funktioniert.

Schaut man sich in Deutschland heute um, dann stellt man fest: Der Umbau zur vielzitierten Deutschland AG ist im vollen Gange. Was dabei positiv zu bewerten ist, spricht die Anbeter des Kapitalismus besonders an: Es wird nach Effizienzsteigerung gesucht, dass es in den weiten Tiefen der Bürokratie nur so staubt.

Nicht, dass Sie es falsch verstehen, der Kapitalismus in seinem Grundzug ist gar nicht schlecht, erklärt dieser das Wirtschaften zum Hauptgrund des Handelns und entspricht damit eigentlich genau dem Bestreben, Resourcen zu schonen und aus den zur Verfügung stehenden Mitteln das Optimale herauszuholen.

Andererseits nehmen aber auch immer mehr Bürger leidvoll wahr, dass der Umbau des Staates mit all seinen hoheitlichen Aufgaben die Bundesrepublik Deutschland gefährlich nah an die Handlungsunfähigkeit führt, was nicht nur im immensen Schuldenberg zu suchen ist, der dieser Tage die 1.5 Billionen Euro Grenze überschritten hat.

Hier sei die Frage erlaubt, was steckt dahinter und vor allem, kann der grosse Plan gelingen?

Ich behaupte NEIN!

Was die Regierungen der vergangenen Jahre mit ihrer Politik versucht haben, wird nun zum Bumerang. Der Staat, also wir alle als Solidargemeinschaft, haben uns einst im Grundgesetz dem Sozialstaat verschrieben.

Das heisst, Verantwortung für Schwache und Abhängige zu übernehmen. Diese Aufgabe wird mittels Leistungen, die durch die Gemeinschaft erbracht werden, finanziert. Dabei obliegt dem Staat keine betriebswirtschaftliche Analyse seiner Ausgaben und erst recht keine Kosten-Nutzen-Analyse seiner "Investition".

Ausgaben für die Schwachen der Gemeinschaft sind soziale Ausgaben, die dem Gefüge einer Gemeinschaft dienlich sind. Doch was machen unsere Politiker?

Sie stellen ihr Denken unter den Scheffel des Staates und dokumentieren durch ihr gegenteiliges Handeln, dass sie als "Regierung", also als Vertreter des Staates sich selbst als den Staat sehen und das Volk als quasi zu führende Untertanen.

Da verwundert es nicht, dass übereifrige Volksvertreter (!?) den Wesenszug einer Volkswirtschaft ignorieren und mit betriebswirtschaftlichen Mitteln die Straffung der Ausgaben durchführen und auch schamlos begründen.

Wie oft haben Sie in den vergangenen Jahren den Satz: "Es ist kein Geld dafür da!" gehört?

Betriebswirtschaft heisst immer auch Investitionen also Input gegen das erreichbare Ergebnis (den Output) abwägen. Dies ist jedoch in einem Staat (also einer Volkswirtschaft) unmöglich und führt unweigerlich zur Katastrophe. Eine Kostenrechnung, wie sie derzeit im Gesundheitswesen und auch in der Rente stattfindet, zeigt sehr deutlich, dass diese Betrachtungsweise ein Irrweg ist.

Beispiel Humboldt-Gesamtschule

Stellen Sie sich folgendes Beispiel vor und lassen Sie den Ablauf einmal bildlich auf sich wirken:

Die Geschäftsführerin der Humboldt-Gesamtschule hat ihre Lehrkräfte zur Betriebsversammlung geladen. Thema ist dabei die Gewinn-/Verlustrechnung für das Schulgeschäftsjahr 2008. Die vom Steuerberater erstellte Bilanz weist einen Verlust von 1 Mio. Euro für das vergangene Jahr aus. Aus diesem Grund stehen neben der Diskussion über ein Kostensenkungsprogramm namens Kids4Gold auch die Diskussion über eine Preiserhöhung zu marktverträglichen Grössen an.

Ein weiterer wichtiger Punkt wird die Lobbyarbeit der Humboldt-Gesamtschule sein, um weiterhin Subventionen der Landes- und Bundeskasse zu erhalten

Allen Beteiligten ist klar:

  • Entweder wir entlassen Personal oder
  • Wir erhöhen die Preise oder
  • Wir machen Beides

Die Einigung, die letztlich auch mit dem Betriebsrat ausgehandelt wird, umfasst dann folgende Punkte:

  • Schüler/Innen müssen nun täglich 10 h unterrichtet werden
  • Über einen Sozialplan werden 15% der Lehrkräfte in 24 Monaten entlassen (neudeutsch: freigesetzt)
  • Die Schulgebühr erhöht sich monatlich um 75.- Euro je Schüler/In
  • Der Vorsitzende der Lehrkörpervereinigung (kurz: LKV) übernimmt die neuen Subventionsverhandlungen bis 2011

Kids4Gold wird umgesetzt.

Im Ergebnis bringt dies für das Schulgeschäftsjahr 2009 einen Überschuss/Gewinn von 1 Mio. Euro, so dass der Verlust des Vorjahres ausgeglichen werden kann.

Doch schon 1 Jahr später schlägt die betriebswirtschaftliche Betrachtung erbarmungslos zurück.

Aufgrund der gestiegenen Unterrichtungspreise verlassen 200 von 1.000 Schülern die Humboldt-Gesamtschule, weil sie das Preis-/Leistungsverhältnis für nicht angemessen halten und was dann im Schulgeschäftsjahr 2010 zu Mindereinnahmen von 300.000 Euro führt.

Grund für das Ausbleiben der Kunden (Pardon, Schüler) ist der schlechte Ausbildungsstand der Lehrkräfte, dessen Durchschnittsalter bereits 54 Jahre beträgt und deren Fortbildungen zum einen den Sparplänen des Kultusministeriums zum Opfer fielen, zum anderen die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 48 h, die zeitlich keine privat finanzierte Weiterbildung mehr zulässt.

Die Geschäftsführerin hat dies frühzeitig erkannt und gegengesteuert. Die Schüler wurden aufgefordert, in den Monaten Oktober, November und Februar, März wärmere Kleidung zu tragen, da in dieser Zeit die Beheizung der Schulgebäude auf ein Mindestmaß begrenzt wird, damit Frostschäden vermieden werden können.

Desweiteren wird eine Parkgebühr für Fahrräder erhoben, die zur bessern Planbarkeit der Einnahmen als Monats-Parkkarte zum Preis von 12.- Euro ausgegeben wird. Für das Schulgeschäftsjahr 2010 wird die Lehrmittelfreiheit aufgehoben und ein günstiges Full-Leasing-Serviceangebot für Schulbücher, Stifte und Verbrauchsmaterialien angeboten, welches die Eltern zu 50% in ihrer Einkommenssteuererklärung absetzen können.

Die nicht absetzbaren 50% der Leasingkosten wurden mit Teilen der Subventionszuwendungen verrechnet und bleiben somit als absolute Kosten bei den Auftraggebern (Pardon, Eltern).

Die Summe dieser Maßnahmen spült nach ersten Berechnungen etwa 150.000 Euro Gewinn in die Schulkasse.

Finanzschwächere Schüler ab der Klasse 9 können zur Gegenfinanzierung der Kosten die Reinigung und Pflege des Schulgebäudes sowie der Aussenanlagen übernehmen und die erarbeiteten Stunden auf die Gebühren anrechnen lassen.

Halten Sie dieses Szenario für absolut illusorisch, gar für absurd und niemals nicht durchführbar?

Szenario für die Zukunft

Wäre ich an einer Uni, ich würde meinen Studenten folgende Fragen mit auf den Weg geben:

  1. Skizzieren Sie ein mögliches Szenario für die Zukunft (~5 Jahre).
  2. Erarbeiten Sie einen Plan zur Gewinnsteigerung.
  3. Welche Marketingmaßnahmen scheinen geeignet, mehr Kunden (=Schüler) zu gewinnen?
  4. Ziehen Sie eine Fusion mit den umliegenden Schulen in Betracht und zeigen Sie daraus resultierende Wege zur Kostenreduktion auf

Das ist betriebswirtschaftliche Optimierung von volkswirtschaftlicher Leistungserbringung. Man kann lange über Sinn und Unsinn von Ausgabenverschwendung diskutieren, letztlich fließt jede staatliche Ausgabe zum Bürger, eine Gewinnerzielungsabsicht darf einem Staat nicht obliegen.

Gibt der Staat mehr aus, als er einnimmt, dann muss er Steuern erheben und diese auch zum (gegen-)steuern nutzen. Eine stetige Betrachtung nur der Ausgabenseite funktioniert hier nicht, denn die Effizienz der Volkswirtschaft stellt sich in Form der Sicherstellung der staatshoheitlichen Aufgaben dar, dazu gehören Ärzte, Lehrer, Polizisten, Richter, usw..

Ist das volkswirtschaftliche Gleichgewicht jedoch nachhaltig gestört, so wie wir es heute erleben, dann muss die Staatsfinanzierung grundlegend überdacht werden.

Neue Sicht auf die Dinge

Unser System krankt an dieser falschen Betrachtungsweise. Oben genannte Berufsgruppen sind die Leistungsträger der Gesellschaft, hier geben wir zu wenig aus und nicht zuviel. Eine gerechte Verteilung der Abgabenlast könnte zusätzlich helfen, den Staat auf die Beine zu bringen. Es wäre schön, wenn unsere Politiker bei ihrer nächsten Wahlkampftour auf dem Rücksitz der vollklimatisierten, deutschen Nobellimousine einmal darüber nachdenken, wer das Fahrzeug entwickelt und gebaut hat. Es würde helfen, eine neue Sicht auf die Dinge zu bringen.

Das waren nämlich weder Aktionäre, noch Vorstände, sondern ganz normale Ingenieure und Bandarbeiter, sowie die Mitarbeiter der Zulieferer und Konstrukteure der Maschinen und Anlagen.

Im übrigen: Die Budgets im Gesundheitswesen und die damit verbundene Gängelung der Ärzte und Patienten ist nichts, absolut nichts anderes, als das oben beschrieben Schulszenario. Das Kind hat nur einen anderen Namen, in den Brunnen gefallen ist es bereits.

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