Vertrauen lässt gelingen, was Argwohn verhindert

09.11.2005 | Bruno Rossi

Was Politik meint ist: Führung und Erhaltung eines Gemeinwesens. Es geht also um nichts weniger als um die Frage: 'Wie kann Gemeinschaft gelingen'? Beziehung ist das Wesen von allem, was existiert hat schon Meister Eckhart gelehrt und genau diese Tatsache entgeht uns in den politischen Gestaltungsprozessen.

Unser Blick läßt sich fesseln von Mängeln an Dingen und Zuständen und hier sieht unsere mechanistische, logisch-rationale Denkweise die Herausforderung: Reparatur! Hierzu hat Einstein gesagt: Die Probleme die es in dieser Welt gibt, sind nicht mit derselben Denkweise zu lösen, welche sie verursacht hat. Nicht die Symptome in den Dingen und Zuständen ist also das Problem, sondern die argwöhnische, am Mangel orientierte Denkweise, welche den Symptomen zugrunde liegt. Der Argwohn hat uns von unseren Gefühlen getrennt - hat sie ausgeschlossen. Und ... das Ausgeschlossene wirkt und stößt uns in Richtung Depression, der Tragödie des persönlichen Ungenügens. Denn unser Denken verursacht immer häufiger, was wir zu verhüten vorgeben.

Wenn also Beziehung das Wesen aller Dinge auf dieser Welt ist, ist nicht die Logik, sondern dann sind die Gefühle angesprochen. Diese entziehen sich der Mechanik, im Sozialen herrscht nämlich die Dynamik. Zeit also, unsere Denkweise zu erweitern und ins Gleichgewicht zu bringen. Über die Geburt von Vertrauen und Argwohn und das Erstaunen darüber, dass die beiden doch so unterschiedlichen sozialen Erscheinungen ihre Kraft aus demselben, wohl stärksten menschlichen Bedürfnis schöpfen, befaßt sich mein Thesenpapier:

Vertrauen läßt gelingen, was Argwohn verhindert.

Warum 'Bäume in den Himmel wachsen' und Depression Karriere macht.

Über die Geburt von Vertrauen und Argwohn und das Erstaunen darüber, dass die beiden doch so unterschiedlichen sozialen Erscheinungen ihre Kraft aus demselben, wohl stärksten menschlichen Bedürfnis schöpfen:

Wir wollen alle - nein wir müssen sogar - dazugehören. Denn... wir können allein nicht Mensch sein. 1)

  1. Das ungeborene Kind hat - obwohl diese Tatsache kaum wahrgenommen wird - ein Gedächtnis und in diesem werden neun Monate unbedingtes und bedingungsloses Dazugehören gespeichert. Hier entsteht das einzigartige Urvertrauen, schon beim Ungeborenen. Die wohl erste und wichtigste soziale Ressource, welche Menschen auf ihren Lebensweg mitbekommen. 2)
  2. Geboren werden hat - aus dem Erleben des Babys - sehr wenig zu tun mit freudiger Ankunft, wohl aber mit unwiderruflichem Verlust der erlebten, bedingungslosen Zugehörigkeit zur Mutter. Geburt bedeutet also plötzliches ausgestoßen und verlassen werden, verbunden mit noch nie erlebtem Schmerz und ebenso fremder, existentieller Angst darüber, ob wohl das Atmen und damit das Leben gelingen werde. Dieses Erleben nennen wir 'Geburtstrauma'. Die Bedeutung dieses Begriffes scheint mir allerdings sehr häufig nicht in dieser umfassenden Form 'begriffen' zu werden. Dies wird verständlich, wenn man erkennt, dass im Geburtsprozess das Mitfühlen und die Aufmerksamkeit in erster Linie beim Schmerz und der Anstrengung der Mutter liegen.
  3. Kaum hat nun das Neugeborene 'das Licht der Welt erblickt', ist es konfrontiert mit einer lähmenden Unsicherheit. Es ist die Furcht vor dem definitiven Verlust der erlebten Zugehörigkeit, dem definitiven Ausschluss. Das Urvertrauen, dünnhäutig und verletzlich noch, erlebt seine erste Bewährungsprobe. Eine Prüfung notabene, welche in dieser Bedeutung im Leben wohl eher die Ausnahme bleiben wird. Nun stammt aus unserer Arbeit mit Mobbing-Betroffenen das Erkennen, dass traumatisierten Menschen der Zugang zu ihren inneren Ressourcen äusserst schwer fällt. Und ... ausgerechnet in dieser höchsten Not ist der Zugang zum erlösenden Vertrauen versperrt? Das Trauma wird zum GAU.
  4. Erste Heilung kann nur der unmittelbare, warme, enge und liebende Körperkontakt mit der Mutter bringen. Er allein ermöglicht sozusagen das Erinnern des vorgeburtlichen Zugehörigkeitsgefühls. Über das Ausbleiben dieser Heilung hat Willi Maurer ein eindrückliches Buch geschrieben: 'Zugehörigkeit - Der verpasste Augenblick'.
  5. Nur - sowohl Erinnerung wie auch Vertrauen suchen nach Bestätigung. Erst was das Kind in den nächsten Monaten an sicherer Nähe und vorbehaltlos liebender Zuwendung erlebt, kann das erlebte Trauma heilen. Heilung, im Sinne von befreiendem Zugang zum Urvertrauen. In Worten hiesse dies: 'Wir lieben dich, du gehörst immer zu uns, vorbehaltlos und so wie du bist - oder besser noch - weil du so bist wie du bist'. Und die Taten, welche den Worten folgen müssen heissen in England kurz: 'Walk the talk!'
  6. Wir kennen alle die Aussage: 'Einmal enttäuscht - immer enttäuscht'. Das Baby bewegt sich sozusagen auf Glatteis. So muss das Handeln geprägt sein durch eine hohe Vertrauensfähigkeit der Eltern und Bezugspersonen. Hier liegt wohl die höchste Anforderung, soll dies doch entstehen in einer Gesellschaft, in welcher Misstrauen und Unsicherheit wohl die Hauptmerkmale bilden. Argwohn und Unsicherheit auf jeder Ebene als tägliche Realität und Normalität!
  7. Bei den Menschen mit geheiltem Urvertrauen ist Vertrauensfähigkeit intakt. Das heißt: Sich selber und anderen vertrauen und vertraubar, also glaubwürdig sein für andere. Solche Menschen lassen 'die Bäume in den Himmel wachsen' 3) Wunsch und Bedürfnis nach Zugehörigkeit spielen zwar bei diesen Menschen nach wie vor eine Rolle. Aber Dank des gesunden Urvertrauens hat die Furcht vor dem Ausschluss keinen destruktiven Einfluss auf ihr Tun und Lassen. Sie vertrauen auf das 'Sowohl als Auch' und sind frei vom ausschliessenden 'Entweder - Oder'.
  8. Nicht alle aber erleben die Heilung ihres Urvertrauens und werden enttäuscht. Und dies ist zunehmend der Fall. Die in Pkt 6 bereits angesprochene umfassende Unsicherheit erzeugt Druck und dieser wird in zunehmendem Maß existentiell, was ungesunden Stress erzeugt. Die Voraussetzungen zur Heilung des Traumas werden für Mütter und Bezugspersonen zunehmend enger, durch Druck und ... noch enger durch die Flucht vor diesem Druck.
  9. Das lässt Argwohn wachsen, und wo Argwohn die Regie übernimmt, verwirklicht die Furcht, wovor sie sich fürchtet und verunmöglicht der forcierte Wunsch, was er intendiert 4). Vieles deutet darauf hin, dass unser Tun und Lassen in großem Maß von dieser Dynamik bestimmt wird.
  10. In dieser Dynamik wohnen nun allerdings 3 Tragödien:

    die Erste bevorzugt das 'Entweder - Oder' als Handlungsmuster und verursacht damit laufend, was zu verhindern in der Absicht lag 5)

    die Zweite führt letztlich, weil so nur mehr wenig gelingt, zur Depression, der Tragödie des persönlichen Ungenügens. Dieses wiederum lässt ein Mangelbewusstsein wachsen, das in unserer Gesellschaft schon fast tragische Dimensionen angenommen hat. Depression auf gesellschaftlicher Ebene?

    die Dritte besteht darin, dass Ausschluss die Vielfalt des 'Sowohl als Auch' ausschließt und die Einfalt des 'Entweder - Oder' bevorzugt. Diese wiederum lebt von Macht und List und bedient sich hierfür der Angst, mal versteckt und mal ganz offen. So wächst Misstrauen heran und die Dynamik wächst nicht nur wie der Krebs, sondern er zerstört auch den Wirt, der ihn ernährt.
  11. Allzu vieles deutet daraufhin, dass es in der Aussage von Frankl um die Frage der Zugehörigkeit geht. Dreht sich im menschlichen Handeln denn nicht alles immer wieder um das Dazugehören? Zugehörigkeit hat mit Identität und letztlich mit Bindung zu tun. Welche Bindungen Menschen auch immer bevorzugen 6), Dazugehören beherrscht unser Streben und Trachten, ein Leben lang. Wie wir also erkennen können, leben Zugehörigkeit und Vertrauen gegenseitig voneinander. Weder das Eine noch das Andere kann leben ohne das 'Sowohl als Auch', vergleichbar mit Yin und Jang.
  12. Nun - nehmen wir an, die Welt bestehe aus Vertrauenden, Nichtvertrauenden und Opportunisten. Dann wäre anzunehmen, dass auch hier die berühmte Normalverteilung herrscht und sich ein gesunder Zustand in etwa im Bereich 15% Vertrauende - 70% Opportunisten - 15% Misstrauende befindet. Ein solches Gleichgewicht hielte ein Gesellschaftssystem am Leben. Der aufgezeigten Logik folgend, dass unser Tun und Lassen der Zugehörigkeit diene, wäre zu erwarten, dass die Opportunisten sich dort anschliessen, wo die Mehrheit sich befindet. Und das praktische Beispiel: Bush mit 'seinen' Opportunisten: 80% Neutrale: 1%; Ghandi mit seinen Opportunisten: 19%. Eigene, wahrscheinlich zu optimistische Schätzung!
  13. Was also braucht die Welt, unverzichtbar, ultimativ und dringlich? Es ist die soziale Ressource der Vertrauensfähigkeit. Das Misstrauensmodell ist nicht lebensfähig und wird das Leben nicht und immer weniger gelingen lassen. Die grosse Frage der Menschheit heisst somit: Wie können wir Vertrauensfähigkeit erreichen? Individuell und in Gemeinschaften sowie im Verbund zwischen Gemeinschaften? Der erste Schritt hierzu führt - hier liegt die Bestätigung dieser Thesen - bei der Fähigkeit, unseren Gefühlen zu vertrauen. In diesem Ausschluss liegt die Tragödie unserer Zivilisation. 7)

Diese Thesen sind nicht wertend aber dort von grösster Bedeutung, wo Initiativen zur Veränderung bestehen. Solange wir uns in Veränderungsprozessen misstrauend am Mangel der Dinge und Zustände orientieren, bleibt die grosse Frage der Menschheit nach der Vertrauensfähigkeit ausgeschlossen. Vertrauen wir doch auf die Kraft der Vision:

Stell dir vor, wir vertrauen auf unsere Gefühle, es wächst Vertrauensfähigkeit und - das Leben gelingt!

Die Frage heute ist, wie man die Menschheit überreden kann,
in ihr eigenes Überleben einzuwilligen.
8)

 

1) Ruth C. Cohn

2) Was ist es denn, was die Mutter ihrem Kinde zum jetzigen Zeitpunkt zu schenken in der Lage ist? Es ist nichts weniger - umso wichtigeres - als das Leben und ein unerschütterliches Urvertrauen, dass dieses Leben gelingen wird. Dieses Geschenk wird es wohl sein, welches die Bindung an die Mutter und die unerschütterliche Loyalität des Kindes ihr gegenüber prägen. Beachte hierzu auch die Forschungen von Alice Miller!

3) 'Warum Vertrauen siegt' Gertrud Höhler; Econ; 2003

4) Viktor E. Frankl

5) Bruno Rossi; 'Sie verursachen, was sie zu verhüten vorgeben ...die Macht des Ausgeschlossenen' im Blickpunkt Zeitpunkt, Ausgabe 42 - Juli2004; www.zukunft-gzs.de

6) Every behavior (internal or external) has a positive intention (NLP)

7) Siehe Benjamin Fässler: Drogen zwischen Herrschaft und Herrlichkeit; Der Umgang mit Drogen als Spiegel der Gesellschaft; Nachtschatten Verlag; 1999

8) Bertrand Russell

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