Verdun und die Folgen

23.11.2006 | Wolf Schneider

Die Inszenierung politischer Dramen

Grad hab ich im ZDF das Dokudrama "Die Hölle von Verdun" gesehen. Dachte, es geht 45 min lang, und es ist ein Dokumentarfilm. Es ging dann aber über 90 min und stellte sich als Dokudrama mit sehr starken Spielfilmanteilen heraus. Emotional zu hoch dosiert, fand ich diesen Film; eventuell angemessen für abgebrühte TV-Zuschauer, mir aber hätte auch eine weniger drastische Anwendung der szenischen Mittel gereicht. Der Film hat mich aufgewühlt und wird mich noch tagelang beschäftigen. Ein paar Gedanken hierzu.

Hier begannen die Katastrophen

Gut, dass an Verdun erinnert wird! Der erste Weltkrieg war der Beginn des zweiten und Verdun seine größte und unsinnigste Schlacht. Im August 1914, als Europa euphorisch in den Krieg zog, begannen diese beiden großen Kriege, die größten aller Zeiten. Ungefähr 80 Millionen Menschen starben in direkter Folge davon. Hier wurde Hitler geprägt; hier begann oder entschied sich seine Missachtung des menschlichen Lebens. Hier wurzelt der Untergang des europäischen Judentums, der Holocaust, der nur innerhalb des zweiten Weltkriegs gedeihen konnte, der zum ersten gehört als eine Art dreißigjähriger Krieg des 20. Jahrhunderts. Hier verlor Europa seine Moral und seine Besinnung. Hier begannen die sozialistischen Revolutionen, insbesondere die russische und damit auch der Aufstieg von Stalin und Mao. Für alle drei der großen Diktatoren und Massenmörder des 20. Jahrhunderts (Hitler, Stalin, Mao) wurden hier die Voraussetzungen geschaffen. Die sozialistische Bewegung, die als eine humanistische begonnen hatte, verriet hier ihren Internationalismus und damit ihre Unschuld. Und das alles ist erst 90 Jahre her.

Die Menschen lernen kaum dazu

In Europa wird es nun keine großen nationalen Kriege mehr geben, jedenfalls die nächsten dreißig oder vierzig Jahre lang nicht, denn "wir haben genug". Wahrscheinlich wird es in Europa nie mehr große nationale Kriege geben, denn in fünfzig Jahren wird das Konzept der Nation veraltet sein, vor allem innerhalb Europas. Aber es kann andere Kriege geben, religiöse, soziale, rassische, überall in der Welt, und vermutlich wird es sie geben, denn die Menschen lernen kaum dazu.

Der erste Weltkrieg hätte – wenigstens für Europa – eine Lehre sein können, nie wieder Krieg zu führen, aber man taumelte von dort in den zweiten. Vietnam hätte für die USA eine Lehre sein können, aber man begab sich bald darauf in der Irakkrieg, als hätte es Vietnam nie gegeben. Auch eine so fortgeschrittene, offene Mediengesellschaft wie die der USA ist vor solchem Wahnsinn und der Wiederholung desselben solchen Wahnsinns nicht gefeit.

Der Pazifismus muss tiefer gehen, wenn er Erfolg haben will. Die Aufklärung muss tiefer gehen. Eine Untersuchung der ökonomischen und sozialen Ursachen reicht nicht aus und eine des Kräfteverhältnisses der konkurrierenden Mächte schon gar nicht.

Hitlers Arbeit

Gestern stand etwas im "Spiegel", das eine andere Ebene der Interpretation eröffnet und das für dieses Magazin – und andere politische Magazine – sehr ungewöhnlich ist. Der in Berlin lebende, heute 46 Jahre alte Theaterautor Maxim Biller schrieb dort eine Hymne auf das Buch des Auschwitzüberlebenden Tadeusz Borowski "Bei uns in Auschwitz":

"Tadeusz Borowski ist wahrscheinlich – neben Imre Kertész – der einzige Schriftsteller auf dieser Welt, der es dank seiner Ehrlichkeit, seiner Melancholie, seines Talents schaffte, ein paar hundert Seiten zu schreiben, nach deren Lektüre man endlich begreift, was Auschwitz, was der Holocaust wirklich gewesen ist: eine Fiktion, die Wirklichkeit geworden ist, ein Theaterstück, ein Roman, ein Film, meinetwegen ein Bild, eben irgendetwas, das der gnadenlos untalentierte Adolf Hitler, der erst ein großer Künstler sein wollte, bevor er ein großer Mörder wurde, der Menschheit als sein herrliches Werk, als seine wunderbare Schöpfung schenkte. Hitlers Arbeit hieß >Die Vernichtung Europas, der Juden und meiner selbst<, es kamen Abermillionen Figuren in ihr vor, Gute und Schlechte und die meisten von ihnen etwas dazwischen, es gab eine dramaturgische Verwicklung, viele spannende, anrührende und brutale Momente, einen Kulminationspunkt und am Ende den großen, phantastischen Knall. Wer nicht so gut schreiben kann wie Tadeusz Borowski, der nimmt eben ganze Völker und Länder und inszeniert Geschichte."

Inszenierungen

Ja, wir inszenieren, jeder von uns. Wir bekommen eine Identität verpasst, gestalten diese dann soweit wie unser Bewusstsein dieser Gestaltungsfreiheit es erlaubt und inszenieren dann die so gefundene Rolle. So erklärt sich Geschichte. Nicht nur auf den Theaterbühnen wird inszeniert, sondern überall, und der Schlüssel zu den Regieanweisungen ist die jeweilige Identität des jeweils waltenden Regisseurs.

Deshalb ist es so wichtig, herauszufinden, mit welcher Identität wir unser Schiffchen durch die turbulenten Gewässer unseres Lebens steuern. Herauszufinden "wer wir sind", das heißt: welche Identität uns verpasst wurde und welche und was sonst wir daraus machen.

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