Verbrechen im Namen der Ehre

07.08.2006 | Myria Böhmecke

Notwendige Änderungen für die Zukunft

Spätestens seit dem Mordfall der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü im März 2005 ist einer breiten Öffentlichkeit bewusst geworden, dass auch in Deutschland Migrantinnen unter Gewalt im Namen der Ehre zu leiden haben. Sie werden unterdrückt, misshandelt, zwangsverheiratet und sogar ermordet.

Im Moment kann niemand genau sagen, in welchem Ausmaß Gewalt im Namen der Ehre in Deutschland geschieht. Einig ist man sich erst seit kurzem: Es muss etwas unternommen werden! Und die Politik gibt zu, dass zu lange geschwiegen, ja sogar verharmlost wurde, dass sich mitten in Deutschland extrem patriarchalische Parallelgesellschaften ausgebildet haben, in denen die Rechte und die Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen missachtet werden.

Erst seit kurzem wird eingesehen, dass Toleranz nicht immer angebracht ist und man mit "kulturellem Anderssein" oder "Multikulti" keine Menschenrechtsverletzungen rechtfertigen darf. Dabei geht es nicht darum, eine Kultur oder Religion zu diskriminieren. Ganz im Gegenteil: Migrantinnen sollen in Deutschland die gleichen Rechte und Freiheiten haben wie jede deutsche Frau. Nur wenn die im Grundgesetz festgesetzte Gleichberechtigung von Mann und Frau akzeptiert wird, ist wirkliche Integration möglich. Es wird noch ein weiter Weg sein, bis sich diese Gleichberechtigung auch innerhalb der Migrantencommunities durchgesetzt hat - zu sehr sind noch alt hergebrachte patriarchalische Ehr- und Moralvorstellungen sowie die geschlechtsspezifische Rollenaufteilung (Mann=Familienoberhaupt, Ernährer, und "Beschützer" der weiblichen Familienangehörigen, Frau=Mutter, Ehefrau und Hausfrau) in den Köpfen verankert. Viele MigrantInnen sind noch nicht in Deutschland angekommen, die Existenz von Parallelgesellschaften kann man auch in der 2. und 3. Generation feststellen, wobei die Familien häufig noch sehr viel konservativer als im Herkunftsland eingestellt sind.

Die deutsche Politik ist an dieser Situation nicht ganz unschuldig. Es wurde davon ausgegangen, dass z. B. die Gastarbeiter, die in den 60er Jahren aus der Türkei kamen, nach einigen Jahren wieder in die Heimat zurückkehren bzw. sich nach einiger Zeit vollständig in die deutsche Gesellschaft integrieren würden. Auf spezielle Integrationsprogramme hat man daher verzichtet.

Die Häufung von "Ehrenmordfällen" in den letzten Monaten und die öffentliche Debatte haben hohe Wellen geschlagen: Nie zuvor wurde über das Thema Integration so intensiv diskutiert wie im Moment. Themen wie "Zwangsheirat" und "Ehrenmord" kursieren in den Zeitungen, manch einer kritisiert inzwischen, die Diskussion wäre einseitig und würde nur Vorurteile stärken sowie den Islam diskriminieren. Auch werden Vorwürfe laut "Sind wir nicht in dieser Debatte ein Opfer der Medien, die sich lediglich auf Einzelfälle stürzen und verallgemeinern würden? Schließlich wissen wir überhaupt nicht, wie viele Frauen es überhaupt betrifft." Diese Vorwürfe halte ich für komplett unangemessen. Denn über Jahre hinweg wurden die von Ehrverbrechen bedrohten Mädchen und Frauen von der Politik größtenteils alleine gelassen. So ist es derzeit immer noch möglich, dass ein 16-jähriges, in Deutschland aufgewachsenes und nach außen hin perfekt integriertes Mädchen von ihren Eltern in ihr Herkunftsland verschleppt und dort zwangsverheiratet wird. Nach dem aktuellen Gesetz hat sie nicht mehr die Möglichkeit, nach Deutschland einzureisen, sofern sie sich länger als sechs Monate im Ausland aufhält und nicht die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Die Eltern melden das Mädchen von der Schule und den Behörden ab und können nicht belangt werden, da sich häufig keine Zeugen finden, die aussagen.

Von Einzelfällen kann man leider auch nicht sprechen: Bei der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES haben sich alleine im letzten Jahr knapp 200 Mädchen und Frauen gemeldet, die von Gewalt im Namen der Ehre bzw. Zwangsheirat bedroht waren. Bei 121 waren bereits konkrete Morddrohungen von den Brüdern oder Vätern ausgesprochen worden. Man kann davon ausgehen, dass diese Fälle nur die Spitze des Eisberges bilden, denn es entscheiden sich nur diejenigen zur Flucht, die ganz besonders mutig oder ganz besonders verzweifelt sind.

Doch was brauchen wir nun wirklich? Was muss sich ändern?

Um Gleichberechtigung von Mann und Frau durchzusetzen sowie patriarchalische Ehrvorstellungen abzuschaffen, ist es notwendig, bereits in Schulen und Kindergärten mit der Integrationsarbeit zu beginnen. Die patriarchalischen Rollenmuster müssen so früh wie möglich aufgebrochen und durch demokratische Werte ersetzt werden.

Bereits in der Vorschule, spätestens in der Grundschule müssen Sprachdefizite durch extra Sprachkurse beseitigt und Nachhilfe angeboten werden, weil ca. 3x so viele Migrantinnen und Migranten die Schule ohne Abschluß verlassen wie Deutsche.

In speziellen Integrationsprogrammen in der Schule sollen Mädchen ihr Selbstbewusstsein stärken sowie ihnen ihre Rechte und Möglichkeiten aufgezeigt werden, sich gegen Gewalt zu wehren. Auch männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund benötigen spezielle Integrationsangebote, denn diese definieren sich fast ausschließlich über das patriarchalische Rollenbild, weil sie häufig schlechte Noten und daher auch kaum Chancen haben, sich im Berufsleben zu etablieren.

Um Gewalt im Namen der Ehre abzuschaffen, bedarf es noch einer Reihe von weiteren Veränderungen: Dringend notwendig ist z. B. die Erstellung einer bundesweiten Studie, um das Ausmaß dieser Verbrechen in Deutschland zu erfassen. Weiterhin müssen spezifische Beratungsstellen und Zufluchtsstätten sowie Opferschutzprogramme für Betroffene geschaffen und MitarbeiterInnen von Polizei, Schule, Jugendamt etc. geschult werden.

Im Rahmen der öffentlichen Dabatte werden erste Verbesserungen von Seiten der Politik angeregt. So kann Zwangsheirat seit kurzem mit Haft bis zu fünf Jahren bestraft werden. Derzeit werden im Bundestag wichtige Anträge beraten, in denen u. a. gefordert wird, die potentiellen Opfer von Zwangsheirat durch aufenthaltsrechtliche Verbesserung und Präventionsmaßnahmen besser zu schützen sowie die Täter angemessen zu bestrafen. Auch das neue Zuwanderungsgesetz beinhaltet wichtige Fortschritte auf dem Weg zur Integration von MigrantInnen.

Es bleibt zu hoffen, dass die aktuelle Diskussion um Integration und Ehrverbrechen gesamtgesellschaftliche Veränderungen nach sich zieht, welche für die von Zwangsheirat und Ehrverbrechen bedrohten Mädchen und Frauen einen Ausweg aus ihrem Leiden bedeuten.

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