Urbanität

24.12.2008 | Wolf Schneider

Lieber dicht als zerstreut? Wenn's was bringt

Vorgestern kam die Montagsausgabe der SZ, aber ohne die New York Times Beilage. Ich war enttäuscht, denn das beste fehlte. Das beste? Erstens ist diese Beilage auf Englisch, zweitens hat sie nicht viel mit unserer Region zu tun (Oberbayern, Deutschland, Europa); sie enthält sogar eine Seite die sich nur mit der Stadt New York beschäftigt.

Warum nur empfinde in dann die NYT-Beilage in der SZ als so gut? Unter alledem, was die SZ in der Woche zu bieten hat: das SZ-Magazin (witzig, manchmal genial), die Beilage "SZ am Wochenende" (zum Nachdenken; unter Klaus Podak aber war sie besser), der Reiseteil (punktuell großartig) – und all die anderen.

Hier im Dorf bin ich einer der drei Abonnenten der SZ. Wer sonst noch Zeitung liest, der liest den Mühldorfer Anzeiger, der hat hier im Dorf mindestens zehn mal so viel Abonnenten. Den lese ich nie. All business is local? Not mine. Mit Ausnahme der Seminare, wahrscheinlich.

Klein und groß, nah und fern

Man kann diese Ausrichtung auf die große, weite Welt bei Missachtung der nahen Umgebung als Schwäche betrachten. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Eine Kombination von beidem, wie der Spruch "Global denken, lokal handeln" sie nahe legt, wäre das beste.

Was aber die Erkenntnis und den Wissensinput anbelangt, zählt, dass ich die Nähe schon kenne, die Ferne nicht. Außerdem meine ich, dass man für die Lösung der Weltprobleme das Ganze ins Auge fassen (eben "global denken") muss. Und was die Zeitungen angeht, gibt es eben diese Qualitätssteigerung vom Mühldorfer Anzeiger über die Süddeutsche zur New York Times; ich könnte mir auch eine vierte, noch bessere Zeitung vorstellen, die diese Linie fortsetzt; von der aus würde auch die NYT noch als begrenzt und spießig erscheinen, obwohl die von hier aus gesehen, doch schon ziemlich gut ist. Was die NYT schreibt, kann ich hier anwenden. Was hingegen der Mühldorfer Anzeiger schreibt, damit können die New Yorker wahrscheinlich nicht viel anfangen.

Provinz versus Metropole

Der Augsburger Bertold Brecht soll gesagt haben, das Beste an Augsburg sei die Zugverbindung nach München. Dabei ist München doch nur ein Dorf, verglichen mit der Urbanität etwa von New York, London, Istanbul, Paris, Shanghai oder Tokio. Während für die Lechtalbewohner Augsburg bereits "die Großstadt" ist, sie können die Arroganz von Brechts Aussage nicht verstehen.

Als ich 1991 von München nach Niedertaufkirchen zog, wunderten sich viele, wie ich es in solch einem Kaff aushalten kann. Das liegt daran, dass ich die Urbanität, die ich brauche, bereits an meinem Schreibtisch habe. Für mich ist Urbanität eine Informationsdichte, die Erkenntnis erleichtert. Manchmal auch eine Dichte von Menschen mit ihren so vielen, sich aneinander reibenden Ideen, in der es durch diese Reibung ständig funkt und knistert.

Die Natürlichkeit und Ruhe eines Lebens auf dem Land, verbunden mit einem guten Internetanschluss, ist für mich fast schon die ideale Kombination von Erregung und Ruhe, Stadt- und Landleben. Einmal im Jahr die Frankfurter Buchmesse, das ist dann, jedenfalls geistig, wie ein Besuch in New York – für Brecht war die Fahrt nach München vielleicht so etwas Ähnliches.

Welche Siedlungsgröße zählt?

Über die Hälfte der Menschen lebt seit 2008 in Städten, sagt der UN-Bevölkerungsbericht; bis 2050 werden es zwei Drittel sein sein. Allerdings ist da nicht festgelegt, was eine Stadt ist, jedenfalls nicht nach der Einwohnerzahl. Es gibt in Deutschland Ansiedlungen ab 300 Einwohner, die "Stadt" heißen. In Belgien leben 97 % der Bevölkerung in Städten, sagt die Statistik; wahrscheinlich ist es dort peinlich als Dörfler zu gelten, und man hat deshalb nur noch den Einödhöfen den Titel "Stadt" versagt.

Siedlungen ab 50.000 Einwohner als Stadt zu zählen, wäre sinnvoller. Dann würden weltweit wahrscheinlich weit weniger als ein Viertel als Stadtbewohner zählen. (In Deutschland lebt etwa 30 % der Bevölkerung in "Großstadt" genannten Siedlungen, die mehr als 100.000 Einwohner zählen).

Urbanisierung durch das Internet

Was die Welt heute urbanisiert, das ist nicht nur die Zunahme der Bewohner sogenannter Städte (von denen übrigens jeder dritte in einem Slum wohnt – also weltweit jeder sechste), sondern auch die Zunahme des Welthandels, der Medien (v.a. Fernsehen) und des Internets. Letztlich wird es vor allem das Internet sein, das aus der Welt in den nächsten Jahrzehnten eine einzige urbane Ansiedlung macht, getrennt von Landwirtschaftsflächen, Parks, Wüsten, Bergen und Gewässern. Das Internet wird die Medien (TV, Radio, Zeitung und Buch) vereinen, das ist bereits im Gange, und auch die Arbeitsplätze verbindet es. Über die Hälfte derer, die für den Connection Verlag arbeiten, sitzen nicht mehr im Verlagshaus in Niedertaufkirchen. Vor zehn Jahren war das noch anders, und es wird weitergehen in diese Richtung.

Zunahme der Weltbevölkerung

Auf Satellitenfotos von der Welt bei Nacht sieht man die urbanen Zentren als Dichte von Lichtpunkten. Es werden immer mehr. Auch die weiterhin trotz Ressourcenknappheit zunehmende Weltbevölkerung (pro Jahr um gut 80 Millionen, also die Größe Deutschlands) wird bei Reduktion der Flächen, die noch einigermaßen im Urzustand verbleiben (Hochgebirge, Tundra, Urwälder) die Urbanisierung verstärken. Die Slumbewohner werden wohl auch prozentual noch zunehmen, nicht nur absolut. Sportarten wie Parkour sind speziell auf städtische Umgebungen zugeschnitten; vermutlich wird es mehr davon geben und auch Arten, wie Berufspendler ihren Weg zur Arbeit joggend oder sonstwie beweglicher zurücklegen, anstatt im PKW sitzend, im Stau. Viele sitzen ja auch auf dem Weg ins abendliche Fitnessstudio noch im Stau.

Weihnachtsfest

Heute, am 24. Dezember, kurz nach der längsten Nacht auf der Nordhalbkugel, beginnt das Weihnachtsfest. Auch auf der Südhalbkugel und auch in nichtchristlichen Gebieten wird es gefeiert, denn es hat sich von seinen Quellen (Sonnentiefstand, Geburt Jesu) verselbständigt. Es ist das größte Fest der Globalkultur geworden, und trotz Kitsch, Kommerz und Heuchelei werden hier auch positive Werte gefeiert wie Liebe, Zusammengehörigkeit, Frieden.

Ich werde das Fest überwiegend allein verbringen und die Stille genießen, auch die Dunkelheit. Bei all der urbanen Dichte und leuchtenden Vernetzung brauche ich das – auch das.

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