Und darunter liegt: die Identität

19.05.2011 | Wolf Schneider

Mit allem Respekt für die Weitsicht des Alten, der nun jenseits von Parteipolitik und fast schon jenseits des Nationalen über die Zukunft der Menschheitsprobleme nachdenkt, antwortet hier ein Jüngerer und findet, dass ein Kernthema fehlt – die Identität.

Kommentar zu Schmidts Rede von einem Jüngeren

Forschung heißt, Verantwortung für die Zukunft zu tragen

Festansprache von Helmut Schmidt aus Anlass des 100. Geburtstags der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, dem Vorläufer der Max-Planck-Gesellschaft.

http://www.zeit.de/2011/03/100-Jahre-KWG-Rede

Für seine 92 Jahre und das viele Rauchen ist Helmut Schmidt erstaunlich fit und geistig rege. Der 1918 Geborene war im zweiten Weltkrieg Offizier an der Ostfront und studierte nach dem Krieg Volkswirtschaftlehre in Hamburg. Seit 1952 ist er mit politischen Ämtern betraut. Als ein 34 Jahre Jüngerer, der die deutsche Gesellschaft als 22-jähriger Richtung Asien verließ, habe ich in meinem Leben ganz andere Erfahrungen gemacht und setze meine Schwerpunkte entsprechend anders. Die Max-Planck-Gesellschaft ist mir jedoch sehr vertraut, da mein Vater viele Jahre lang eines ihrer Institute leitete (das für Physiologie, in Seewiesen). So war es auch ein Kollege meines Vaters, der mir Schmidts Vortrag zuspielte, voll der Begeisterung für den Weitblick Schmidts und die Tiefe seiner Einsichten. Teilweise stimme ich dem zu, möchte dem jedoch meine eigene Sichtweise hinzufügen, denn auch die Unterschiede erscheinen mir wesentlich. Und so spreche ich in den folgenden Zeilen nicht aus dem freien Raum heraus über die »neuartigen Menschheitsprobleme«, sondern quasi auf den Schultern eines Visionärs vom Format Helmut Schmidt stehend.

Verglichen mit Merkel, Westerwelle und den meisten anderen deutschen Politikern erscheint mir Helmut Schmidt als ein großer Vordenker. Verglichen mit dem, was da an Themen und Problemen auf uns Menschen zukommt, ist mir jedoch auch seine Vision in vielem noch zu dürftig und zu sehr an Mustern der Vergangenheit haftend, die ihr Versagen doch schon bewiesen haben.

Ich folge in meinem Kommentar den (von mir gesetzten) Zwischentiteln der Schmidt-Rede.

Bevölkerungswachstum

Auch wenn Malthus nicht wörtlich recht gehabt hat, ist das Bevölkerungswachstum nach wie vor die große Wurzelursache für andere Mega-Themen wie Umweltverschmutzung, Erderwärmung, Migration, Ressourcenkriege, Biodiversität und vieles andere. Die Weltbevölkerung stieg im 20. Jahrhundert um den Faktor 4 auf 6 Milliarden an. Ja, und? So kann es doch nicht weitergehen. Auf die Erfolge weiterer grüner Revolutionen zu hoffen ist utopisch. Fast jedes der Zukunftsprobleme ist umso schwerer zu lösen, je mehr Menschen es gibt.

Migrationen

Ja, die Bevölkerungsexplosion führt zur Verstädterung und zu gewaltigen Migrationsproblemen. Aber wo ist die Lösung? Das Thema der Identität (Mit welchem Volk, welcher Nation, welcher Heimat, welcher Kultur und Religion usw identifiziere ich mich?) spricht Schmidt überhaupt nicht an. Hier aber liegt die Lösung! Wenn Menschen ihre Identität »gelöster« betrachten würden, gäbe es keinen Fremdenhass mehr, keine Kriege, keine Pogrome und die bei offenen Grenzen unvermeidlichen Migrationen verlaufen freundlicher. Eine transkulturelle spirituelle Erziehung/Bildung, die auf die Kernfrage »Wer bin ich?« fokussiert, kann eine solche Gelöstheit schaffen oder zumindest begünstigen.

Globalisierung

Hier bezieht Schmidt sich vor allem auf die wirtschaftliche Globalisierung. Wo ist die kulturelle? Gibt es auch eine spirituelle oder religiöse Globalisierung? Auch hier wieder verpasst er die Frage nach der Identität, zu der durchaus auch die Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft etwas beitragen könnten. Mir fehlt hier neben dem Ruf nach einer Erforschung des Vorgangs der Identitätsbildung und -wandlung auch der, die ökonomische Globalisierung durch eine kulturelle und religiös/spirituelle zu ergänzen. Und neben dem Ruf nach der Einheit und Betonung der Gemeinsamkeit der nach der Erhaltung von Vielfalt.

Die Bankenkrise

Ja, toll, da haben die Politiker die Banker gerettet. Und was jetzt? Alles wie zuvor. Selbst einem altersweisen Wirtschafts- und Finanzfachmann wie Helmut Schmidt fällt hier außer einer »verbindlichen Ordnung der Weltmärkte« (Wer soll die herbeiführen? Und welche Ordnung soll das sein?) nichts ein, was Wiederholungen vermeiden könnte. Oder sagt er es nur nicht? Das positivzins-basierte Weltwirtschafts- und Währungssystem führt »systematisch« zur Vermögensverteilung von unten nach oben und zu zyklischen Crashs – wer könnte das heute noch leugnen? Also: Ein anderes System muss her. Warum wagt es keiner, mit Alternativen zu experimentieren, wie das »Wunder von Wörgl« (1932-33) eines war?

Militarisierung

Gut, dass er dieses Thema anspricht und auch, dass er »die forschende Wissenschaft« aufruft, es ernst zu nehmen. Wer wäre nicht entsetzt über die horrende Militarisierung (fast) der ganzen Welt (Ausnahme: Costa Rica hat kein Militär!). Aber auch hier fehlt es Schmidt anscheinend an Ideen zur Lösung. Ein Pazifist ist er ja nicht. Ich meine, als erstes muss zwischen Polizei und Militär – diesen beiden Arten offizieller Gewaltanwendung – unterschieden werden. »Sicherheitskräfte« ist ein Euphemismus dafür, der den Unterschied verwischt und suggeriert, diese Kräfte würden Sicherheit schaffen. Dazu muss man auch das Konzept der Nation in Frage stellen. Militär handelt weitgehend gesetzlos, da es kaum Gesetze gibt (ansatzweise nur das »Völkerrecht«), die den Umgang der Nationen untereinander regeln und keine Macht, die sie durchsetzen könnte. Die Kriege gegen Irak und Afghanistan waren Angriffskriege, die Militär und Polizei verwechselt haben. Osama bin Laden hätte von Interpol zur Rechenschaft gezogen werden müssen, nicht von einer Allianz nationaler Armeen, die unterwegs ein paar Länder zerstört.

Der clash of civilizations

In diesem Abschnitt seiner Rede kommt Helmut Schmidt dem Kernthema der Identität am nächsten. Sein Frust über das Versagen der religiösen ebenso wie der politischen Autorität ist gut nachvollziehbar. Aber dann fällt ihm nichts anderes ein, als die Erforschung der Gemeinsamkeit anzumahnen. Gut, das müssen wir erforschen. Aber auch die Verschiedenheit müssen wir erforschen und die Fähigkeit des Menschen, sich mal als »anders als du« und mal als »genauso wie du« zu empfinden. Die Freiheit, sich identifizieren zu können: mit einem Volk, einer Nation, einer Familie, einer Religion, einer politischen Partei, einem ethischen Ziel. Wir können als Weltbürger fühlen, oder aber als Türken, Bayern, Steuerzahler, Sozialisten oder schlicht: sterbliche Menschen. Wie erlangen wir diese Freiheit? Was passiert dabei in unserem Bewusstein (und Unterbewusstsein)? Wann wird die gelenkte Aufmerksamkeit zu einer psychischen Identifizierung? Dafür braucht es mehr als mahnende Reden. Es braucht die Erfahrung der Meditation und Vorschläge von Pädagogen, wie die Freiheit, sich mit was auch immer zu identifizieren, weltweit gefördert werden kann.

Die globale Erwärmung

Gut, dass das Thema angesprochen wird. Es ist dies aber nur eines unter anderen, die ebenso wichtig sind: die schwindende Artenvielfalt; die Überfischung der Meere; die Umweltverschmutzung und Vermüllung der Erde; die Fleischindustrie. Al Gore löste mit seinem Dokumentarfilm An inconvenient truth eine weltweite Bewegung aus, seit der die Beachtung des CO2 Ausstoßes und der Erderwärmung zum ABC der politischen Korrektheit gehört. Die anderen, ebenso wichtigen Themen schlummern jedoch weiter vor sich hin. Neuerdings hat der Weltfleischverbrauch in seinem ökonomischen, sozialen und ökologischen Folgen einige Prominenz erlangt, aber auch diese Sau wird bald durchs globale Dorf getrieben sein, und dann wird wieder die nächste Hühnergrippe unsere Aufmerksamkeit fesseln. In Schmidts Rede fehlen diese Themen und auch die Willkür, mit der mal das eine, mal das andere Thema von den Medien hochgespült wird, unabhängig davon, was wirklich relevant ist.

Regenerative Energien

Dem Fokus auf regenerative Energien stimme ich zu. Nicht aber seinem Fatalismus gegenüber dem ökonomischen Wachstum und auch nicht seiner Blauäugigkeit gegenüber dem Ernährungsproblem. Selbst wenn sich durch noch unvorhergesehene Fortschritte in der Biologie auch 9 oder 12 Millarden Menschen ernähren ließen, ist das noch lange nicht wünschenswert, denn die immensen Nebenwirkungen einer solchen Agrarisierung der wässerbaren Landflächen und der Fischzuchtanstalten am Rand der Ozeane wären kaum zu bewältigen. Schon heute hat nur die Hälfte der Menschheit Zugang zu sauberem Trinkwasser, und die Kämpfe um das Wasser für Bewässerung nehmen zu.

Die Rolle der Wissenschaft

Auch die Politiker sind Erkenntnissucher, und auch die Wissenschaftler sind politsch Handelnde – soweit klar. Aber die Suche nach Erkenntnis muss zunächst ungefiltert von Vor- und Werturteilen stattfinden, die politischen Entscheidungen hingegen sollten von Werturteilen bestimmt sein. Diese Unterscheidung fehlt mir in Schmidts Rede. Die Grenze zwischen diesen beiden Fähigkeiten – wertneutrale Erkenntnis, wertenden Handeln – verläuft in jedem Zoon politikon, und nicht zwischen den beiden Berufen Wissenschaftler und Politiker, denn beide sind sowohl Erkennende wie Handelnde. Welches Forschungsvorhaben soll finanziert werden? Eher die Friedensforschung oder ehe die Waffentechnik, die »unsere Arbeitsplätze sichert« (haha). Dies ist eine ethisch-politische Frage, die auch Wissenschaftler mitentscheiden sollten.

Gemeinsames Handeln

Auch dieser Teil der Rede hört sich recht konzeptlos an. Wo ist hier das intelligente Ego, das altruistisch handelt? »Indem er (der einzelne) seine eigenen Interessen verfolgt, fördert er oft diejenigen der Gesellschaft auf wirksamere Weise, als wenn er tatsächlich beabsichtigt, sie zu fördern« – Adams Smiths' berühmte »unsichtbare Hand« des Marktes. Wie weit reicht diese Hand? Wie viel Reichweite erlauben wir ihr? Und die Lösung der Bankenkrise ist gewiss nicht so vorbildlich, wie Helmut Schmidt sie hier beschreibt, denn sie lädt ja weitere Krisen geradezu ein.

Mehr zum zweiten Teil seiner Rede in einigen Tagen.

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