Über den Sinn des Unsinns

17.02.2006 | Jens Mannheim

Wir kennen es alle aus unserer eigenen Lebensgeschichte, ob Schüler, Auszubildender oder auch Student: wir haben alle eins gemeinsam und zwar den Versuch sich in einer Klassenarbeit oder Klausur gegenüber dem Lehrbeauftragten zu beweisen, dass wir mit zu den Superwissenden gehören und die Lehrinhalte einfach durchweg alle checken.

Man kann es aber auch anders ausdrücken und zwar als leidvollen Weg junger Menschen, die sich in dieser Form gegenüber ihren Lehrbeauftragten prostituieren müssen. Erst presst man sich vorgeschriebenes Fachwissen und fremdes Gedankengut anderer in seinen Kopf - was auch schon teilweise mit größten Anstrengungen verbunden ist - und tut es dann bei der Klassenarbeit oder einer Klausur gut verpackt und in eine schöne Form gebracht auf einem DIN A4 Blatt wiederkäuen.

Was ist bei einem Test aber nun der eigentliche Leistungsbeweis? Das perfekt wiedergegebene Wissen? Wissen, das übrigens oft schon nach nur wenigen Stunden manch einer nicht mehr weiß und oft auch schleunigst vergessen werden muss, um für weiteres Wissen den Kopf wieder freizuhaben.

Im Test sitzt man allein für sich am Tisch. Die völlige Isolation also, bei der von der Aufsicht strengstens darauf geachtet wird, dass man ja nicht in irgendeiner nur erdenklichen Form mit den anderen Prüflingen kommuniziert. Einsam gemeinsam - oder gemeinsam einsam?

Stichwort "Kommunikation": sollte man bei Bewerbungen nicht darauf hinweisen, dass man trotz massenhafter Extremsituationen, denen man in diversen Klassenarbeiten und Klausuren ausgesetzt war, trotzdem es immer wieder schaffte fehlende Wissenslücken durch das Wissen anderer auszugleichen? Ich halte dies für eine sehr große Fähigkeit, gerade mit Blick auf die Aufsicht und dessen riesige Machtfunktion. Diese Macht grenzt schon fast an eine diktatorische Herrschaft und Kontrollausübung, trotz derer man aber befähigt sein muss zu kommunizieren und sich austauschen zu können. Wer das schafft, der hat's kommunikationstechnisch gerafft!

Im Job wird bei Bewerbungen dann paradoxerweise Teamfähigkeit und gutes Miteinander gefordert. In der Schule und Uni ist dies auch Thema, das Hauptthema allerdings ist die Note, die man am Ende bekommt und nicht all zu schlecht ausfallen sollte. Ist das nicht merkwürdig?

Oft wissen Erwachsene wenn sie von ihrer damaligen Schulzeit sprechen noch genau in welchem Schuljahr sie in welchem Fach welche Note erhielten. Entsprechend der besser oder schlechter ausgefallenen Note freuen oder ärgern sie sich darüber. Das Verblüffende dabei allerdings: oft wissen sie überhaupt nicht mehr, um welches Thema es sich hier eigentlich handelte, die Note haben sie aber noch immer nicht vergessen. Ist diese Feststellung nicht erschreckend?

Meiner Meinung nach sind die genaue Erinnerung an die Note und der Verlust des Wissens um die Lehrinhalte ein Beweis dafür, was tatsächlich als wichtig erachtet wird. Was für eine Glaubhaftigkeit steckt bei den Noten gebenden Lehrbeauftragten also noch hinter ihren Forderungen eines gemeinschaftlichen Miteinanders?

Was möchte die Wirtschaft aber nun von uns? Möchte die Wirtschaft einen Haufen von Alphamännchen und Alphafrauchen, die sich innerhalb ihrer Schul- Ausbildungs- oder auch Studienzeit zum anarchistischen Einzelkämpfer haben ausbilden lassen? Sicherlich nicht!

Ich habe aber die Hoffnung noch nicht aufgeben. So dumm sind die jungen Menschen nämlich gar nicht. Gerade die Tatsache, dass sie im Vorfeld von Klassenarbeiten und Klausuren gemeinsam Lerngruppen bilden zeigt, worauf es ankommt: das erfolgreiche Kommunizieren und die Bereitschaft sich helfen und unterstützen zu wollen. Erst im Erklären versteht man, ob das Fachwissen auch wirklich verstanden worden ist. Eventuell kommt man im Gespräch sogar noch zu weiteren Einsichten oder Denkanstößen, die man persönlich aufgreifen und für sich weiterentwickeln kann. Der zu schreibende Test ist letztlich eigentlich nicht mehr weiter von Bedeutung. Eigentlich. Andererseits aber doch. Denn der Sinn des Unsinns besteht darin, dass man unsinnige Dinge tun muss, die einen sinnigen Anschein erwecken sollen und den Schülern, Auszubildenden und Studierenden noch lange in ihrem Sinn verhaftet bleiben und das leider oft im all zu negativen Sinne ...

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