Tucholskys Verstummen

19.12.2006 | Wolf Schneider

Dort, wo er verstummte, müssen wir heute beginnen

Kurt Tucholsky, warum hast du zu Hitler nichts gesagt? Warum hast du geschwiegen? Wie konnte es soweit kommen, dass der schärfste und witzigste Satiriker der Weimarer Republik, dieser großartige, linksintellektuelle Publizist und Pazifist seine Berliner Schnauze hielt, als Hitler an die Macht kam und ganz Deutschland faszinierte?

Tucholsky hat mich schon als Student begeistert. Ich las seine Satiren gerne und anderes von ihm aus der Weltbühne, deren wichtigster Autor und teilweise Mitherausgeber er war. Zum großen Teil schrieb er unter Pseudonymen (Ignaz Wrobel, Theobald Tiger und Peter Panter waren seine drei bekanntesten) und ließ diese Persönlichkeiten auch gegeneinander antreten – er war ein Witzbold, der mit seiner Identität spielte, wie das heute in der Internetkommunikation üblich ist, aber damals war das noch ziemlich neu und sehr frech.

Und da waren Perlen unter seinen Texten wie diese hier, die ich mir damals, als 20jähriger Student der Wissenschaftstheorie und (nebenbei) Wirtschaftsgeschichte in mein Tagebuch schrieb: »Erwarte nichts, heute, das ist dein Leben.«

Hitler hätte vor Gram sterben sollen ...

Was mich aber schon damals fuchste, und was ich bis heute nicht verstehe ist sein Schweigen gegenüber Hitler: was für ein Verlust! Es hätte ein Aufschrei kommen müssen oder wenigstens eine kalte Analyse, aber doch kein Schweigen. Hitler hätte vor Gram sterben sollen, nicht Tucholsky – es hat den Falschen erwischt.

Wegen seines Satzes »Soldaten sind Mörder« stand Tucholskys Verleger Carl von Ossiezky im Sommer 1932 in Deutschland vor Gericht. Tucholsky war damals schon in Schweden, und man riet ihm, zu der Gerichtsverhandlung besser nicht zu kommen, es sei wegen der Nazis zu gefährlich für ihn. Was wohl so war – Ossietzky wurde verurteilt und in ein KZ gesteckt. Tucholsky schrieb darüber später, es sei »ein Gemisch aus Faulheit, Feigheit, Ekel, Verachtung« gewesen, warum er nicht kam. Und in einem Brief an einen Freund (im April 1933): »Dass unsere Welt in Deutschland zu existieren aufgehört hat, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Und daher: Werde ich erst amal das Maul halten. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an.«

Anpfeifen gegen einen Ozean

Ach, hätte er doch gegen den Ozean angepfiffen! Bei dieser Hitlereuphorie einfach zu verstummen, nein, nein ... er, der die Begeisterung der Kriegsbereiten 1914 immerhin nicht mitgemacht hatte, der immer Pazifist geblieben war, ER hätte etwas sagen müssen in diesen Zeiten der Massenhypnose, als man Hitler für den großen Führer hielt, der die Autobahnen baute und die Arbeitslosigkeit beseitigte und den Deutschen »wieder zu einem Ehrgefühl verhalf« wie die Mehrheit glaubte.

»Ich habe über das, was da geschehen ist, nicht eine Zeile veröffentlicht – auf alle Bitten hin nicht. Es geht mich nichts mehr an. Es ist nicht Feigheit – was gehört schon dazu, in diesen Käseblättern zu schreiben! Aber ich bin au-dessus de la mêlée, es geht mich nichts mehr an. Ich bin damit fertig« (aus einem Brief an seine Ex-Frau Mary Gerold), und:

»Mein Leben ist mir zu kostbar, mich unter einen Apfelbaum zu stellen und ihn zu bitten, Birnen zu produzieren.«

Die Massenhypnose

Die Übermacht schien ihm zu groß, der Lauf der Weltgeschichte unvermeidlich. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an, und aus einem deutschen Hitlerfan wird so wenig ein kritischer Pazifist, wie an einem Apfelbaum plötzlich Birnen wachsen.

Aber so ist es nicht. Hitler wurde besiegt und überwunden. Das dauerte zwar zwölf schreckliche Jahre, aber da wäre Tucholsky immer noch erst 55 Jahre alt gewesen, im Jahr der Kapitulation Deutschlands – des Deutschlands, das Tucholskys Heimat nicht mehr war. Und wer weiß, manchmal haben kleine Ursachen große Wirkungen. Es hätte ja auch eines der Attentate gegen Hitler gelingen können. Und manchmal hat sogar ein Publizist eine gewisse Wirkung - oder er kann einwirken auf Menschen, die mehr bewirken können als Publizisten es können.

Man muss den Mut haben, aus der Massenhypnose auszusteigen, erstens das. Und auch wenn man dabei klein und wirkungslos zu sein scheint und es aussieht, als würde man versuchen »mit einer Schreibmaschine eine Katastrophe aufzuhalten« (Erich Kästner über Kurt Tucholsky), darf man nicht aufgeben. Ein Schmetterling, der in China abhebt kann einen Hurrikan im Golf von Mexiko auslösen, sagt die Chaostheorie. Kleine Ursachen können große Wirkung haben. Und selbst wenn Hitler und die Nazis den ganzen Rest des Jahrhunderts Europa beherrscht hätten, wäre es doch ehrenvoller gewesen, dazu etwas zu sagen und nicht einfach zu schweigen, während der Tsunami fast ganz Europa ertränkt.

Aber vielleicht konnte er nicht anders.

Im Dezember 1935 soll er sich mit Schlaftabletten das Leben genommen haben. Vielleicht hat er auch nur aus Versehen zu viel genommen, aber sein Lebensmut war dahin, das wissen wir aus den hinterlassenen Dokumenten.

Mut haben, mitten im Nebel

In meinen Schreibkursen ermutige ich die Teilnehmer immer, auch dann nicht zu schweigen, wenn sie verzweifeln. Es ist so wichtig, auch der Verzweiflung eine Stimme zu geben – wichtig für dich und für all die anderen, die auch leiden. Wenn du ein Thema hast und vor dem weißen Blatt sitzt und meinst, nicht schreiben zu können, weil dir »die richtigen Worte« fehlen: Schreib über diese Verwirrung, den Nebel, das Fehlen der Worte, die Ignoranz, die Verzweiflung. So kommt die Sprache zurück, und allmählich tasten wir uns vor in Bereiche mit weniger Nebel, bis die Sonne wieder kommt und der Morgennebel aufsteigt und es hell wird und klar.

Diesen Mut braucht man: den Glauben, dass der Nebel irgendwann verschwinden wird. Es ist nicht jeder ein Tucholsky, aber jeder kann den Mund aufmachen und auch dann etwas sagen oder schreiben, wenn das Thema als zu groß erscheint und der Bann zu stark. Schweigen ist gut, es ist eine Labsal, eine Erholung, eine Idylle, aber ... das meiste Schweigen ist ein Schweigen der Unterdrückung oder der Unfähigkeit und keine echte, tiefe Stille – die Stille, die erst nach den Worten kommt, wenn man schon genug gesprochen hat.

Herbert Riehl-Heyse

Herbert Riehl-Heyse war der größte Journalist unter all den Schreibern der SZ. Vor zwei Jahren ist er gestorben, und er wird seitdem geehrt wie sonst kaum ein deutscher Journalist. Warum? Er hat als Fünfjähriger miterlebt, wie sein Vater erschossen wurde. Es war im April 1945, man sah die Amerikaner vorrücken, man hörte sie geradezu schon, und die Altöttinger Unverbesserlichen wollten noch ein letztes Aufgebot ihnen entgegen schicken, dem Feind. Eine aussichtlose Sache, ein Himmelfahrtskommando. Sein Vater hatte den Mut aufzustehen und zu sagen, was es war und dass sie doch bitte, bitte um Himmels Willen nicht diese Verrücktheit begehen sollten. Er wurde als Verräter sofort erschossen. Herberts Schulkameraden hänselten ihn dann noch, jahrelang, was für ein Feigling sein Vater doch gewesen sei.

Sowas bricht in einem Menschen den Glauben, dass das Normale gut sei. Es macht einen misstrauisch gegen die kollektive Hypnose, dass alles schon so richtig sei, weil es ja alle tun und alle so denken. Als dann in den deutschen Medien Osho alias Bhagwan als Sektenführer verhetzt wurde, war Riehl-Heyse bei der SZ der einzige, der das anders sah und sich traute, das in seiner Zeitung auch zu schreiben. Mit dieser Chuzpe schrieb er auch (1989) das Buch »Bestellte Wahrheiten«, das immerhin die Anzeigenkunden seines Brötchengebers zu irritieren drohte. Immer wieder warnte er vor der Praxis der »Desinformation« durch die Massenmedien: Sie tun so, als würden sie informieren, in Wirklichkeit desinformieren sie. Worte können aufklären, aber sie können auch vernebeln.

Heute gibt die SZ einen Herbert Riehl-Heyse-Preis heraus. Heute, denn jetzt ist er tot. Zu Lebzeiten konnte man ihn noch nicht so ehren. Zu Lebzeiten sind solche Leute aufmüpfig, sie lassen sich nicht so leicht für politische Zwecke einspannen. Das geht erst, wenn sie tot sind.

Magie, Charisma und die religiöse Dimension

Die Massenhypnosen sind heute anders als damals, und jede Subkultur, jede Szene hat wieder ihren eigenen Gruppenwahn. Den zu durchbrechen braucht es Leute wie Kurt Tucholsky und Herbert Riehl-Heyse. Sie dürfen nicht die Schnauze halten. Sie dürfen nicht einstecken vor so magischen Gestalten wie Hitler.

Tucholsky hat die Magie nicht verstanden, die von Hitler ausging, behaupte ich. Er hat sie gesehen und erlebt, er hat ihre Wirkung sogar vorausgesagt, aber er hat sie nicht verstanden. Um solchen politischen Magiern adäquat begegnen zu können, muss man die Mittel durchschauen, mit denen sie arbeiten und die ganze Funktionsweise dieser quasi-religiösen, quasi-transzendenten Magie. Was aber ist quasi, und was ist echt? Diese Frage weckt seit je starke Emotionen.

Soviel weiß ich immerhin: Wir dürfen vor dieser Dimension nicht zurückschrecken, wenn wir das Menschliche ganz erkennen wollen. Wir müssen lernen, die echte Religiosität von dem Größenwahn der (Ver)Führer zu unterscheiden, und dazu genügt ein bisschen Gerede vom »Herzen« nicht. Die Deutschen damals haben Hitler geliebt, ausreichend viele von ihnen, um seinen Aufstieg zu ermöglichen. Sie haben ihm »von Herzen« zugejubelt. Es gibt gute Menschen, die Charisma haben, aber auch böse. Diese Unterscheidung ist eine ethische, keine religiöse oder psychologische. Wir müssen die charismatische Wirkung verstehen, die in die religiöse Dimension hinein zu führen imstande ist, aber nicht notwendig dort hin führt, sondern manchmal auch in großes Unheil.

Tucholsky war dem nicht gewachsen. So großartig er als Publizist war: Das konnte er nicht. Andere müssen das nach ihm tun, heute. Sonst werden andere Hitlers und Stalins und Maos weiterhin die Welt tyrannisieren, und die Kriege werden kein Ende nehmen.

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