Unsere grenzenlose Toleranz gegenüber der Werbung

18.04.2011 | Dr. Helmut Zell

Die deutsche Werbewirtschaft macht einen jährlichen Umsatz von rund 30 Mrd. €. Jeder Deutsche wird im Durchschnitt also pro Jahr mit etwa 370 € an Werbung bedacht. Doch niemand hat ihn gefragt, ob er diese Leistung auch haben möchte. Er bekommt sie, ob er will oder nicht - muss sie aber letztlich selbst bezahlen. Und er bezahlt – klaglos.

Neulich im Gespräch mit einem Bekannten: „Diese Werbeclips im Fernsehen – ich liebe sie. So bin ich immer auf dem Laufenden über die neuesten Produktangebote. Und dann wird das immer so witzig, farbig und lebendig präsentiert. Wirklich, eine willkommene Abwechslung zwischen den oft langweiligen Filmen und Talkshows.“ Hat das schon einmal jemand zu Ihnen gesagt, so oder so ähnlich? Ich kenne niemanden. Das zitierte Gespräch ist eine Erfindung.

Das mit der Werbung ist ein seltsames Phänomen: Keiner mag sie. Trotzdem ist sie überall. Im Fernsehen und Radio, in Zeitungen und Zeitschriften, an Plakatwänden, im Internet. Man muss weit in den Wald hineingehen, um ihr zu entgehen. Es ist ja keiner gezwungen, Privatsender einzuschalten. Doch selbst die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten haben die Unverfrorenheit, nicht nur monatlich 17,98 Euro an Gebühren zu kassieren, auch sie muten dem Zuschauer massenhaft an Werbeunterbrechungen zu. Das Bombardement findet immer und überall statt. Man schlägt eine Zeitung auf, und schon fällt einem ein ganzer Stapel an Werbeprospekten entgegen. Wie kann es eigentlich sein, dass etwas so Ungeliebtes, etwas so Lästiges, eine so massenhafte Verbreitung erfährt? Und alle tolerieren dieses tägliche Dauerbombardement, klaglos und stoisch. Niemand regt sich auf. Wird in einer Stadt ein Bahnhof unter die Erde verlegt, geht eine Welle der Empörung durch das Land. Gibt es eine Initiative gegen diesen Unfug, hier in Deutschland oder anders wo in der Welt? Gibt es eine Partei, die sich den Kampf der Werbung auf die Fahnen geschrieben hat? Ich kenne weder eine Initiative noch eine derartige Partei.

Werbung sei notwendig, weil sie den Konsum anregt und so die Wirtschaft in Schwung hält – sagt man. Doch erstens, so muss man fragen, ist denn diese These durch empirische Studien belegt? Ich kenne keine. Zweitens stellt sich die Frage, ob das überhaupt wünschenswert ist, die Welt mit nutzlosen Produkten zu überschwemmen. Denn nützliche, bedarfsdeckende Produkte und Dienstleistungen werden die Menschen so oder so kaufen; dazu bedarf es weder Hochglanzprospekte noch Werbeclips. Hat schon mal jemand errechnet, in welcher Höhe die Werbewirtschaft kreative Arbeit, Ressourcen und Energie verschwendet? Auch darüber hört man nichts.

Werbung ist nicht nur nutzlos, sondern eine Tag für Tag stattfindende Beeinträchtigung des Lebensgefühls. Und wer bezahlt dafür? Die Unternehmen - sagt man. Doch Werbung verteuert die Produkte und letztlich ist der Kunde, der für die Belästigung auch noch bezahlen muss.

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