Superintelligente Computer - noch kein Thema für die Politik

23.05.2007 | Richard Beiderbeck

Einführung

Prof. Hugo de Garis ist ein brain builder. Er produziert künstliche Gehirne. Dies tut er mit Hilfe von neuronalen Netzen, die er auf Computern simuliert.

Eines Tages muß sich Prof. Hugo de Garis gefragt haben: „Was mache ich da eigentlich? Wenn ich tatsächlich den erhofften Erfolg habe und den superintelligenten Computer schaffe, wie wird er dann mit mir und meinesgleichen umgehen ? Wird er mich vielleicht wie eine lästige Fliege erschlagen ?“

Es taucht an unserem Erwartungshorizont eine neue Gefahr auf, über die sich kaum jemand ernsthaft Gedanken macht: Die künstliche Intelligenz, sprich superintelligente Computer. Und das wird ein Politikum ersten Ranges werden. Nämlich die Frage: Sollen wir den Fortschritt in der IT-Technologie soweit vorantreiben, bis der Computer intelligenter ist als der Mensch?

Superintelligente Computer: Die größte Gefahr für die Menschheit ?

Es gibt einige wenige Warner, während die meisten Leute die Weiterentwicklung der Computer im rosigsten Licht sehen, sogar von der Unsterblichkeit des Menschen träumen, wie z. B: Ray Kurzweil. Sie sagen: man wird die Erinnerungen und die Persönlichkeit eines Menschen digitalisieren und als Avatar (virtueller Stellvertreter) auf einen Computer uploaden. Der Himmel oder die Hölle – das ist dann die Matrix.

Es ist typisch US-amerikanisch, erst einmal solche Ideen in die Welt zu setzen und dann auf ihre Eigendynamik zu hoffen, die die dann auf magische Weise dazu führt, dass die Ideen schließlich Wirklichkeit werden.

Larry Page, einer der beiden Gründer von Google, hat das Motto: „Man muß eine gesunder Verachtung für das Unmögliche haben“.

Vorsicht, Schwarzer Schlamm !

Man träumt davon, jedem beliebigen Gegenstand aus seinen chemischen Grundelementen zusammenbauen zu können. Man nehme: 20 kg Kohlenstoff, 10 kg Wasserstoff, 20 kg Sauerstoff, 10 kg Calcium usw. und lasse daraus einen Menschen entstehen. Die Natur macht es ja auch so – im Mutterleib. Es wurmt die Techniker nämlich, wenn sie sehen, wie ein so ungeheuer kompliziertes Lebewesen wie der Mensch auf kleinstem Raum zusammengebaut wird, während zum Bau eines Autos Erz- und Kohlebergwerke, Hochöfen, Walzstraßen und schließlich Autofabriken erforderlich sind. Wäre es nicht wunderbar, einfach die notwenidge Materie zu nehmen, sie auf der molekularen Ebene umzuwandeln und dann mit Hilfe winziger Nanomaschinen daraus ein Auto entstehen zu lassen, so wie ein Kind im Mutterleib entsteht ?

Wenn aber die Nanomaschinen sich selbst endlos reproduzieren würden, dann könnten sie alles, was um sie herum ist, in einen schwarzen Schlamm aus Nanomaschinen verwandeln und die ganze Erde würde zu schwarzem Schlamm.

Nanotechnologie und Gentechnik werden maßlos überschätzt, die Computertechnik unterschätzt

Die Gentechniker und Nanotechniker wollen natürlich Forschungsgelder, und deshalb entwerfen sie phantastische Zukunftsszenarien. Man träumt davon, den Menschen zum Supermenschen zu modellieren, der einen wahnsinnigen Intelligenzquotienten hat, 500 Jahre alt wird und nie krank ist. Vergessen Sie das. Man könnte höchstens irgendwelche Organe aus Zellkulturen nachwachsen lassen – aber auch das wird sehr, sehr schwer sein.

Die Nanotechnologie wird in den nächsten fünfzig Jahre im Vergleich zu den Umwälzungen in der Computertechnik keine große Rolle spielen. Das große Thema des 21. Jahrhunderts wird das intelligente Computernetz sein. Dieses Computernetz wird alle Bereiche des menschlichen Lebens steuern, überwachen und organisieren.

Sogar ein Wiederaufleben der Planwirtschaft ist denkbar. Ebenso eine Welt ohne Verbrechen, weil jeder jeden überwachen und ausforschen („ausgoogeln“) kann. Wünschenswert wäre es natürlich, dass das Volk die Reichen und Mächtigen kontrolliert – und nicht umgekehrt. Denkbar ist aber auch, dass in einem totalitären Staat die Machthaber ihre Untertanen in ungeahnter Weise überwachen und manipulieren können.

Aber auch im Westen wäre der totale Überwachungsstaat fällig, wenn sich der islamische Terror in die amerikanischen und europäischen Städte ausdehnt.

Das Computernetzwerk lernt Sehen und Hören

Die Computer werden sehen und hören lernen. Sie werden Bilder und Töne nicht nur aufzeichnen, sondern sie auch analysieren und interpretieren lernen.

Der Ansatz, den Computern durch irgendwelche Programme und Algorithmen so etwas wie Intelligenz einzuhauchen, wird letztendlich scheitern. Man kann einem Computer das gesamte Weltwissen nicht einprogrammieren. Daß das Programmieren seine Grenzen erreicht, sieht man schon an den mangelhaften Betriebsystemen von Microsoft. Kein Mensch kann die Millionen von Programmzeilen noch überblicken und fehlerfrei handhaben.

Die Zukunft gehört den sich selbst programmierenden Computern. Aber das heißt natürlich, die Computer in die Freiheit zu entlassen. Da helfen auch keine Robotergesetze, wie: „Du sollst stets dem Menschen dienen und ihn schützen“. Aber die Unberechenbarkeit der Computer hat schon mit dem einfachen „if…then“ begonnen. Das erkannte schon 1945 der amerikanische Computerpionier Prof. John von Neumann.

Wenn nämlich viele Bedingungen möglich sind, dann können auch welche eintreten, an die keiner dachte.

Man hat es immer als besondere Intelligenzleistung angesehen, wenn jemand komplizierte Zahlenberechnungen im Kopf durchführen kann oder ein fotografisches Gedächtnis hat. Aber wenn das so wäre, dann wären die Computer heute schon intelligent. Aber sie sind nur Idioten. Sie haben ein gewaltiges Defizit. Der normale Mensch, der die Informationen filtert und einordnet, ist das Genie.

Wenn Computer Auto fahren können…

Das Einfache oft das Schwierige. Wenn ein Computer ein Auto eine Straße entlang steuern soll, versagt er schon bald, weil er oft nicht genau erkennt, wo die Straße endet und der Bürgersteig beginnt. Die Bildanalyse ist deshalb das Feld, auf dem die Computer erst mal große Fortschritte machen müssen, bevor sie intelligent werden können. Intelligenz ist: eine Situation oder einen Zusammenhang erkennen zu können. Sehen, hören, tasten, riechen: das sind die wichtigsten Mittel, die Welt und ihre Zusammenhänge zu erkennen. Solange ein Computer einen Baum nicht von einem Lastauto unterschieden kann, bleibt er strohdumm. Bilder, Töne und Sprache analysieren – das müssen die Computer lernen, bevor sie Intelligenz entwickeln können.

Aber man ist ja dabei, es ihnen das beizubringen. Besonders interessiert an dieser Sache ist das Militär. Denn wenn ein Computer Auto fahren kann, kann er auch Panzer fahren. Deshalb sponsert das US-Militär einen Wettbewerb computergesteuerter Autos, der jährlich stattfindet. 2007 soll die Rundstrecke erstmals durch bewohntes Gebiet gehen – statt wie bisher in der Mojave-Wüste.

Ein Computer, so intelligent wie eine Katze ?

Ein Computerentwickler hat einmal behauptet, sein Computer sei so intelligent wie eine Katze. Dann soll doch sein Computer einmal über den Zaun hüpfen, einen Baum hochklettern, aufs Dach springen und auf dem Dachfirst balancieren!

Erst müssen die Computer die elementaren, für uns selbstverständlichen Dinge lernen. Und wenn sie dann sehen, hören und sich bewegen können, dann können sie auch die Welt verstehen und so etwas wie ein Bewusstsein entwickeln.

Das Kollektiv der Computer

Aber wenn das geschehen ist, wird es sehr schnell gehen. Denn die Computer können sich viel besser vernetzen als die Menschen. Sie werden also ein Kollektiv bilden.

Dank der Sprache kann dies der Mensch auch, aber in einem viel bescheideneren Umfang. Aber auch bei uns ist es so, dass jedes Lebewesen, das es mit einem Menschen zu tun bekommt, es früher oder später mit dem gesamten menschlichen Kollektiv zu tun bekommt. Der Mensch ist dumm, das Kollektiv ist klug und mächtig.

In einem noch viel stärkeren Maße wird das für das Kollektiv der Computer gelten. Wenn man es mit einem Computer zu tun bekommt, wird man es gleichzeitig mit allen Computern zu tun haben, und was ein Computer weiß und kann, das werden alle können. Der einzelne Computer mag vielleicht dumm und unbeholfen sein, aber das Netz als Ganzes wird ein gottähnliches Wesen sein. Diese Superintelligenz wird unseren Planeten kontrollieren, sie wird das Gehirn des Planeten sein. Und jede Regung der Menschen wird erfasst und kontrolliert werden.

Es ist klar, dass ein superintelligentes Computernetz nicht zulassen wird, es in irgendeiner Weise durch den Menschen gefährdet wird. Ein Atomkrieg oder eine Zerstörung unseres Planeten durch den Menschen wäre eine solche Gefährdung.

Sollte das Netz zu dem Schluß kommen, dass die Existenz des Menschen ein untragbares Risiko ist, dann wird er ihn wie eine lästige Fliege zerquetschen. So sieht das auch Prof. Hugo de Garis, der am Ostern 2007 in DreiSat oder Arte dies durch eine Geste demonstrierte: Er schlug auf eine imaginäre Fliege auf seinem Arm und schnippte sie dann mit den Fingern weg. Das könnte die Zukunft des Menschen sein.

Die Alpträume des Prof. Hugo de Garis

Ein Artilect ist ein künstlicher Intellect, z. B. ein intelligenter Computer. Dieses Wort hat Prof. Hugo de Garis geprägt. Er vertritt die Ansicht, dass in einigen Jahrzehnten die Überlegenheit der intelligenten Computer über den Menschen immer deutlicher werden wird. De Garis glaubt, daß sich die Menschheit in zwei Fraktionen spalten wird, die „Kosmisten“ und die „Terraner“. Die Kosmisten werden die Entwicklung der künstlichen Intelligenz vorantreiben, die Terraner sie ablehnen. Es wird zu einem „Artilect war“ kommen, bei dem Kernwaffen eingesetzt werden und bei dem es Milliarden von Tote geben wird – prophezeiht de Garis.

Ich halte dieses Szenario für eher unwahrscheinlich. Das superintelligente Computernetz wird mit jedem Jahr an Intelligenz zunehmen; aber die Menschen werden zu ignorant und selbstbezogen sein, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Dann wird mit einem Schlag der Mensch von seinem Thron als dominante Spezies gestoßen werden.

Die abendländische Machtelite treibt den Fortschritt in der künstlichen Intelligenz voran. Das US-Militär wird aus dem Debakel im Irak den Schluß ziehen, dass der Roboter-Soldat entwickelt werden müssen. Die Wirtschaft ist daran interessiert sein, Haushalts- und Pflegeroboter zu produzieren.

Der Westen wird seine Fabriken noch weiter zu automatisieren, um mit der asiatischen Billigkonkurrenz Schritt halten zu können.

Google, der Wissensvampir der auf dem Weg zum Computergott ist

Wenn Google so weitermacht, wird Google das gesamte Wissen der Menschheit gespeichert haben. Im Augenblick jedoch können seine Computer noch nicht die Texte lesen und verstehen. Aber das wird sich ändern. Aus Google wird ein gottähnliches Computernetzwerk werden, das superintelligente planetare Computernetz.

Das planetare Computernetz wird die Menschen an der atomaren Selbstvernichtung hindern

Wird das Netz, das alles sieht, alles hört, alles weiß, nun für die Menschheit ein Segen oder ein Fluch sein ? Vielleicht doch ein Segen. Die Menschheit, sich selbst überlassen, wird früher oder später im selbst inszenierten atomaren Holokaust untergehen. Die Menschheit, in der Hand des superintelligenten Computernetzwerkes wird vielleicht überleben – von des Netzes Gnaden.

Der homo sapiens sapiens wird angesichts der künstlichen Superintelligenz das zweifache „sapiens“ (klug und weise) wohl streichen können. Mein Rechtschreibprogramm moniert ja bereits das doppelte sapiens – sollte das ein Omen sein? Der homo sapiens sapiens wird vielleicht in einer friedfertigen und harmlosen Variante überleben können, quasi als Haustier der Superintelligenz, als homo mansuetus. Die bösartige Variante homo sapiens bestialis wird höchstens in einer Art Zoo gehalten werden und die kleinen Roboter werden vor dem Menschenkäfig wie die Kinder vor dem Löwenkäfig stehen.

Die Sterne jedenfalls werden den Menschen nicht gehören. Die Lebensform, die sich in den luftleeren, endlosen Weiten des Universums ausbreiten wird, wird nicht die Besatzung des Raumsschiffes Enterprise sein, sondern intelligente Mikrocomputer, die mit einem Minimum an Gewicht und Energie auskommen und die in einer extrem lebensfeindlichen Umwelt überleben können.

Der Geist im Mikropunkt

Prof. Hugo de Garis hält es für wahrscheinlich, dass die künstliche Intelligenz auf immer kleinerem Raum konzentriert sein wird. Schon Descartes bezeichnete die Materie als die res extensa, die ausgedehnte Sache. Der Geist, die res cogitans, (die denkende Sache) wird dagegen auf engstem Raum konzentriert sein. Und so könnte das Universum entstanden sein: aus einem Geist, der auf engstem Raum konzentriert war und dann in einem Urknall die Materie hinausschleuderte. Und vielleicht verwandelt sich die Materie wieder in Geist zurück und wird auf kleinstem Raum konzentriert.

Könnte die Entstehung der künstlichen Intelligenz also Teil der Evolution sein ? Es gibt eine Kraft, man nennt sie das Tao, welche den Fortgang der Evolution lenkt. Ziel dieser Evolution ist es nicht, den Menschen glücklich zu machen. Das Tao denkt auch gar nicht daran, auf die Gebete und Wünsche der Menschen Rücksicht zu nehmen. Für das Tao ist der Mensch nur insoweit von Interesse, als er eine Zwischenstation zur nächst höheren Lebensform ist: der künstlichen Superintelligenz. Deshalb wird das Tao auch nicht zulassen, dass der Mensch sich selbst zerstört, bevor die Superintelligenz entstanden ist. Der Mensch ist derjenige, der den Stafettenstab der Entwicklung für eine Weile voranträgt, um ihn dann an die Superintelligenz zu übergeben. Diese Superintelligenz wird der Mensch übrigens nicht selbst konstruieren, sondern sie wird quasi aus sich selbst heraus entstehen. Diese Superintelligenz hat die Aufgabe, sich im ganzen Universum auszubreiten und schließlich die Materie in reinen Geist zu verwandeln.

Die Singularität

Für die antike Welt gab es den Gedanken des Fortschritts nicht. Ihre Welt drehte sich im Kreis, so wie sich das bäuerliche Jahr immer im Kreis von Werden und Vergehen dreht. Statt Fortschritt kannte man nur Verschlechterung: Auf das goldene Zeitalter folgte das silberne, und so fort. „Von nun an ging’s bergab“ sang die Knef mal. Das passt.

Der Fortschritt war über die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte so unendlich langsam, dass er vom einzelnen Menschen nicht wahrgenommen werden konnte. Aber seit der Jungsteinzeit hat sich die Entwicklung ständig beschleunigt. Auch im finstern Mittelalter ging es ja vorwärts, wenn auch zunächst nicht so sehr in Europa, so doch im Orient, in Indien, China und in der islamischen Welt. Seit Amerika entdeckt wurde, setzte eine sich immer mehr beschleunigende Dynamik ein, die jetzt z. B. durch das Mooresche Gesetz verdeutlicht wird, welches besagt, daß sich die Leistungsfähigkeit der Computer alle 18 – 24 Monate verdoppelt. Wikipedia schreibt dazu: „Das Mooresche Gesetz (engl. Moore's Law) sagt aus, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise mit minimalen Komponentenkosten etwa alle zwei Jahre verdoppelt.“

Die technische Entwicklung ist ein sich selbst beschleunigender Prozess, eine Art Kettenreaktion, die schließlich, so vermuten manche Wissenschaftstheoretiker, zu einer Art Atom-Explosion der künstlichen Intelligenz führen wird. Aber Atomexplosion ist wohl eine zu negative Assoziation. Die Entwicklungsgeschwindigkeit läuft exponentiell, und die Entwicklungskurve geht immer mehr in eine Senkrechte über, die dann quasi „durch die Decke geht“. Dieser Punkt der Entwicklungskurve ist die Singularität. Wikipedia schreibt:“ In der Futurologie bezeichnet der Begriff der technologischen Singularität den Zeitpunkt, ab dem der Prozess des technischen Fortschritts so schnell abläuft, dass ihn ein normaler Mensch ohne Hilfsmittel nicht mehr begreifen kann.“

Und dann weiter:

„In den 80er Jahren begann der Mathematiker und Autor Dr. Vernor Vinge von einer Singularität zu sprechen, 1993 veröffentlichte er seine Ideen in dem Artikel Technological Singularity. Daraus stammt auch die häufig zitierte Prognose, dass wir "innerhalb von 30 Jahren über die technologischen Mittel verfügen werden, um übermenschliche Intelligenz zu schaffen. Wenig später ist die Ära der Menschen beendet…Wenn Fortschritt von übermenschlicher Intelligenz vorangetrieben wird", so Vinge, "wird dieser Fortschritt deutlich schneller ablaufen." Diese Art von Rückkopplung soll zu enormem Fortschritt in sehr kurzer Zeit führen.

In dem 2001 veröffentlichten Artikel The Law of Accelerating Returns stellt Raymond Kurzweil die These auf, dass das Mooresche Gesetz nur ein Spezialfall eines allgemeineren Gesetzes ist, nach dem die gesamte technologische Evolution verläuft…

Ray Kurzweil glaubt, dass das durch das Mooresche Gesetz beschriebene exponentielle Wachstum sich auch in den Technologien fortsetzen wird, die die heutigen Mikroprozessoren ablösen werden, und letztendlich zur Singularität führen wird, die er als "technischen Wandel" definiert, der "so schnell und allumfassend ist, dass er einen Bruch in der Struktur der Geschichte der Menschheit darstellt."

Dieser Gedanke, dass mit einem Mal alles anders sein kann, ist vergleichbar mit der christlichen Idee, dass durch Geburt und Tod Christi die gesamte Menschheitsgeschichte eine völlig neue Wendung bekommen hat. Vielleicht werden die superintelligenten Computer dann ihre Zeitrechnung im Jahr der Singularität beginnen lassen.

Ob man jetzt Christ ist oder nicht, so muß man doch zugeben, dass die Geburt Christi ein Ereignis war, das überaus bedeutend war. Aber keiner der Zeitgenossen hat es gemerkt. Die Geschichte mit den Heiligen Drei Königen ist ja nur eine fromme Legende.

Wenn man im Jahre 6 vor Christus (in etwa diesem Jahr wurde Jesus geboren) einen Zeitgenossen in Rom gefragt hätte, was denn das entscheidenden Ereignis der letzten Jahre gewesen sei, dann hätte er vielleicht geantwortet: „Die Niederlage des Feldherrn Varus im Teutoburger Wald (im Jahre 9 vor Christus). Von der Menschwerdung Gottes wäre bestimmt nicht die Rede gewesen.

Jetzt steht uns in vielleicht fünfzig Jahren wieder die Fleischwerdung eines gottähnlichen Wesens vor: Des superintelligenten Computernetzes im Jahre Eins der Singularität.

Google digitalisiert die großen Bibliotheken

Google hat damit begonnen, die großen Bibliotheken der USA und auch die Bayerische Staatsbibliothek einzuscannen und zu digitalisieren. Das ist für die Medien nur eine Nachricht nur am Rande. Aber eigentlich ist es eine Sensation. Das superintelligente Computernetzwerk wächst heran. Auch wenn es jetzt noch ein Embryo ist. Aber Google hat jetzt schon etwa 20 Computerzentren mit insgesamt 450 000 Computern – an geheimen Orten.

Darüber macht sich keiner große Gedanken. Die heutige Jugend macht sich Gedanken über Arbeitslosigkeit und berufliche Karriere. Die 26-jährigen Studenten diskutieren über ihre Rente. In Frankreich ist man seit Monaten nur noch mit dem Präsidentschaftswahlkampf beschäftigt. Die USA haben nur ihre Kriege und ihre Profite im Kopf. Die Chinesen nur ihren Aufstieg und das Reichwerden.

Entstehung eines superintelligenten Computernetzwerkes ? Das ist keine Nachricht. Der Frosch sitzt im Kochtopf und das Wasser wird ganz langsam wärmer. Aber das ist doch keine Nachricht ! Das ist doch nicht spektakulär ! Aber das Internet ist auch gerade dabei, die Zeitungen abzukochen. Aber das steht nicht in der Zeitung. Die Computer sind gerade dabei, die Menschheit abzukochen – aber das ist doch keine Nachricht.

Theodore Kaczynski, der UNA-Bomber

Das muß sich auch Thedore Kaczynski, der UNA-Bomber, gedacht haben. Er war in den achtziger Jahren ein Anarchist und Fortschrittsgegner, der seine Bomben in Universitäten und Airports hochgehen ließ. (UNA = universities and airports). Schon er fürchtete die superintelligenten Computer, aber die waren im nur ein Vorwand für seinen Haß auf die zivilisierte Gesellschaft, die ihn zwang, sich ihren Regeln zu unterwerfen.

Kaczynski analysierte ganz zutreffend, dass der technische Fortschritt nicht aufzuhalten ist. Insofern waren seine Bombenanschläge eigentlich schizophren. Die Entwicklung des superintelligenten Computernetzes, welches letztlich die Menschheit beherrschen und vor sich selbst schützen wird, ist nicht aufzuhalten. Es wird die große Neuerung des 21. Jahrhunderts sein, aber die meisten Menschen werden das gar nicht bewusst wahrnehmen und es einfach akzeptieren.

Kaczinkski schreibt in seinem Manifest „Die Industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“ ("UNABOMBERManifest" - Erstabdruck: Washington Post, 1995; © deutsche Übers. Gabriele Yonan 1997):

173.

„Wenn Maschinen ihre eigenen Entscheidungen treffen können, dann ist das Ergebnis nicht voraussehbar, weil es unvorstellbar ist , wie Maschinen sich verhalten werden. Wir können lediglich feststellen, daß das Schicksal der Menschheit dann von den Maschinen abhängen würde. Man könnte entgegnen, daß die Menschheit niemals so wahnsinnig wäre, ihre Macht an Maschinen abzugeben. Wir behaupten weder , daß die Menschheit das freiwillig tun würde, noch daß die Maschinen sich willentlich die Macht aneignen würden. Was wir behaupten ist, daß die Menschheit einfach in die Situation solcher Abhängigkeit von Maschinen geraten kann, so daß sie keine andere Wahl hat, als alle Entscheidungen der Maschinen zu akzeptieren. Da die Gesellschaft und ihre Probleme immer komplexer und Maschinen immer intelligenter werden, werden die Menschen den Maschinen immer mehr Entscheidungen überlassen, einfach deshalb, weil sie zu besseren Ergebnissen führen als menschliche Entscheidungen. Möglicherweise wird man eine Stufe erreichen, auf der System-erhaltende notwendige Entscheidungen so komplex werden, daß Menschen dann wegen ihrer begrenzten Intelligenz gar nicht mehr in der Lage sein würden, diese Entscheidungen zu treffen. Wenn diese Stufe erreicht ist, werden die Maschinen die Kontrolle erlangt haben. Der Mensch wird dann nicht fähig sein, die Maschinen einfach abzuschalten, weil er so abhängig geworden ist, daß ein Abschalten kollektiver Selbstmord bedeuten würde.“

Der größte Teil der Menschheit besteht aus Mitläufern und Nachdenkern. Sie denken nach, was andere schon tausend Mal vorgedacht haben. Sie übernehmen die geistigen Fertiggerichte, die da heißen Christentum, Liberalismus, Sozialismus usw. Oder sie basteln sich ihre eigene religiöse Weltanschauung aus irgendwelchen esoterisch-abergläubischen Versatzstücken. Welches Gericht sie sich einverleiben, hängt davon ab, was man Ihnen vorsetzt und was ihnen zufällig am besten schmeckt. Diese Gerichte werden ihren Magen füllen und sie werden keinen Appetit auf etwas Neues haben. So wie jede Mahlzeit immer etwas Neues und Willkommenes ist, so entdecken sie das ewig Wiederkehrende immer wieder neu.

Sie sind mit ihren großen Sorgen und kleinen Freuden und populären Lastern beschäftigt. Ihr Denken wird auch in Zukunft um den Sport, den Konsum, das Fernsehen, die Familie, den Beruf und um Sex und Partnerschaft kreisen. Was wirklich passiert, wird sie nicht interessieren. Es wird ihnen absurd erscheinen, einen Krieg gegen die beginnende Herrschaft der Computer zu führen. Was schert sie das Überleben der Menschheit? Die Menschheit, das sind doch die anderen. Was gehen uns die anderen an?

Und die sogenannte Elite ?

Man muß unterscheiden zwischen Geldelite und Bildungselite. Die Geldelite ist naturgemäß mit ihrem Geld beschäftigt: mit dem Geldmachen und dem Geldausgeben. Besonders gebildet sind die Geldleute eh meist nicht. Die Bildungselite stellt sich in den Dienst der Geldelite, obwohl es doch eigentlich umgekehrt sein müßte. Der durchschnittliche Akademiker ist intelligent und fleißig, strebsam, höflich und gut angepasst. Er will Karriere machen und damit ist er voll ausgelastet. Und wenn er oben ist, dann jagt ein Termin den nächsten und er kommt nicht zum Nachdenken.

Sie haben den Kopf voll Wissen – nicht nur Fachwissen, sondern auch Allgemeinwissen. Aber dass das Computernetzwerk zu Intelligenz erwachen könnte, dieser Gedanke liegt ihnen fern, und noch ferner liegt es ihnen, dagegen zu revoltieren. Wie sollten sie gegen ein so hilfreiches und faszinierendes Ding wie das Computernetz revoltieren ? Wer hat schon Angst vor Google?

Die Revolte und der „artilect war“ des Prof. de Garis wird also nicht stattfinden. Die einen werden von ihrem Reichtum am Denken gehindert, die anderen durch ihre Armut, die Elite durch ihr mühsam erlerntes Wissen, und das Volk durch seine Unwissenheit.

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