Superhelden gesucht?

18.04.2005 | Dr. Joachim Betz

Als neuer Präsident des Deutschen Führungskräfteverbandes habe ich nun zum ersten Mal die Gelegenheit, die Sicht der Führungskräfte auf die Lage unseres Landes darzustellen.

Als politisch denkender Mensch und als leitender Angestellter blicke ich mit Sorge und bisweilen mit Verwunderung darauf, wie die öffentliche Diskussion über den Zustand Deutschlands geführt wird.

Auf die verschiedene Ansichten darüber, wie wir wieder mehr Menschen in Lohn und Brot bringen, will ich hier nicht näher eingehen. Nur soviel sei gesagt: Als Mitarbeiter von Aventis Pharma Deutschland weiß ich, dass gegen bestimmte Krankheiten nur ein Cocktail von verschiedenen Wirkstoffen hilft. Mit dem "Patienten" Deutschland verhält es sich nicht anders.

Ich glaube aber auch, dass wir noch lange nicht so weit sind, dass uns nur noch Superhelden helfen können.

Die Bild-Zeitung scheint da anderer Meinung zu sein: Am Morgen nach der mit großer Spannung erwarteten Rede von Bundespräsident Horst Köhler über die Wege aus der deutschen Krise zeigte sie den ersten Mann im Staate Mitte März im Supermann-Kostüm flächendeckend auf der Titelseite.

Köhlers Rede vor einem überfüllten Auditorium und seinem Anliegen wird dies nicht gerecht. Er fordert eine politische Vorfahrtsregel für Arbeit". Da muss man nicht gleich wie mancher Leitartikler befürchten, dass die Ökologie nun wieder völlig unter die Räder kommt. In meinen Augen kann dies nur bedeuten, dass unter mehreren ähnlich (ge)wichtigen Abwägungskriterien die Jobwirksamkeit im Zweifel den Ausschlag gibt.

Das heißt nicht, dass außer den Arbeitsplätzen nichts mehr zählt. Über fünf Millionen Arbeitslose belegen aber, dass die "Jobfolgenabschätzung" in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt wurde.

Das gilt im Übrigen für alle Beteiligten, ob das nun Politiker, Wirtschaftsvertreter oder Gewerkschafter sind. Zu groß war für alle die Versuchung, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren.

Was dabei der jeweilige Gewinn war, ist für jeden Beteiligten verschieden. Für den Politiker mag dies ein Zuwachs an Macht oder Beliebtheit gewesen sein, für den Wirtschaftsvertreter tatsächlich ein größerer Überschuss, für den Gewerkschafter vielleicht ein höherer Organisationsgrad.

Die Zeche letztlich bezahlt haben die Bürger – in Gestalt einer wachsenden Steuer- und Abgabenlast, gesetzlicher Regulierungen, die kein Mensch mehr versteht, und eben auch von stetig steigender Arbeitslosigkeit.

Es gibt aber auch einen Verlust, den die Beteiligten nicht auf die Allgemeinheit abwälzen konnten, sondern an dem sie heute selbst schwer tragen: Das nahezu völlige Verschwinden des Vertrauens in die Fähigkeiten derer, die gewählt oder berufen sind, die Geschicke des Landes zu lenken. Wenn hier nicht bald ein Umsteuern erfolgt, dann kommen wir vielleicht doch in eine Situation, in der der Bundespräsident ein Supermann-Kostüm anziehen muss ...

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