Wer über Sterbehilfe spricht, muss auch von Abtreibung reden

20.02.2006 | Heike Herrmann

Erneut ist eine Debatte entbrannt, die sich an der Frage entzündet, wie in unserer Gesellschaft ein Sterben in Würde gewährleistet werden kann. Gedankenführungen dahingehend, dass es gebietet, Leidende zu erlösen, wenn der ernsthafte Wunsch des Betroffenen besteht, nicht mehr weiter leben zu wollen, machen klar, wie verschwommen heute unsere Vorstellungen von Menschenwürde sind.

Wer sich auf den Begriff Würde einlässt, kommt nicht umhin, dieser Würde eben jegliche Unantastbarkeit zu bescheinigen. Der Mensch allein vermag sich über alles Natürliche und Bedingte zu erheben. Wer darum bittet, dass seinem Leben ein Ende gesetzt wird, tut dies, weil er seinem Leben nur noch einen abgestuften Wert beimisst - woran gemessen auch immer - und erwartet zugleich, dass Dritte dieser Beurteilung zustimmen. Vielleicht ist es Mitleid, das zu Überlegungen führt, dem Leben ein vorzeitiges Ende setzen zu können. Aber mit der Würde des menschlichen Lebens im Angesicht des nahenden Todes hat das nun wirklich nichts zu tun. Niemand wird allen Ernstes behaupten, dass ein Mensch, der, von Schmerzen gezeichnet, seinen Tod herbeisehnt, mit dem ganzen Angebot der ärztlichen Kunst im Leben festgehalten werden muss. Zumeist ist es doch der Wunsch vieler Patienten, dem Sterbeprozess seinen natürlichen Lauf zu lassen. Und dort muss Politik ansetzen, Rechtsklarheit herbeiführen und die Patientenverfügung gesetzlich regeln. Ein Ausbau der Hospizarbeit und eine Stärkung der Palliativmedizin ist notwendig, um die Lebenszeit Todkranker so lebenswert wie möglich zu gestalten, Schmerzen und andere quälende Symptome zu lindern und psychologische Betreuung anzubieten. Sterben braucht würdigen Raum und notwendige Zeit.

Die Alternative zur mitfühlenden Sterbebegleitung ist nicht die Giftspritze.

Für mich spricht nichts dafür, dass ein Mensch, dessen Lebenswille gebrochen ist, deshalb über Leben und Tod verfügen kann. Keinesfalls ist diese Denkweise hartherzig, starrköpfig oder unbarmherzig. Ein Mensch der leidet, führt kein unwürdiges Leben. Im Gegenteil: fühlen wir nicht gerade im Angesicht des Leidens eine ganz besondere Ahnung von der Würde des Menschen, der uns gegenüber steht. Den Verlust der Sprache, ein durch Schmerzmittel eingeschränktes Bewusstsein, die Lähmung des Körpers bis auf die Bewegung der Augen und eine geradezu kindliche Hilfsbedürftigkeit und auf vollkommene Unterstützung angewiesen sein machen den Wert des Lebens nicht zu einem Unwert. Vielmehr spiegelt das Leid den Begleitenden, wie kostbar und wertvoll doch das eigene Dasein sein kann. Wer einen Sterbenden begleitet oder eine Palliativstation besucht, der weiß darum, welche unendliche Bereicherung das Gespräch mit Menschen bringt, die wissen, dass sie nur noch wenige Tage oder Stunden zu leben haben. Manchmal veranlasst uns eine solche Begegnung, neu zu überdenken und sich selbst neu auszurichten.

Die Tür zur aktiven Sterbehilfe sollte verschlossen bleiben, auch mit Blick auf die inzwischen schon gar nicht mehr diskutierte mittlerweile ziemlich einfach zu erlangende Indikation zur vorzeitigen Beendigung entstehenden Lebens durch Ausschabung oder Giftspritze. Wohlgemerkt nicht bei medizinischer Indikation, sondern auch bei nicht erwünschter Schwangerschaft, weil einfach im Moment ungelegen oder nach pränataler Diagnostik bei zu erwartender Behinderung. Die Abtreibung ist gesellschaftsfähig und wir wundern uns über die demographische Entwicklung. Die vom Gesetzgeber getroffene Unterscheidung zwischen dem Unrecht der Abtreibung bei gleichzeitiger Strafbefreiung ist in der Gesellschaft nie angekommen. Leider! Was spricht dafür, dass sich das Rechtsbewusstsein im Blick auf die Sterbehilfe anders entwickeln würde?

Ich wünsche mir keine Verbannung und Ausblendung, sondern die Hereinnahme des Leidens und des Sterbens in den Lebensalltag. Dies verleiht unserer Gesellschaft ein menschliches Gesicht. Hilfe sollte deshalb heißen: Begleitung im Leiden und im Sterben, Achtung der unantastbaren Würde und Anteilnahme im Tod, gerade dann, wenn uns das Leiden eines Menschen berührt. Ich will es nicht, weder für mich, noch für meine Kinder - das perfekte Leben, nur noch 100 % perfekte Kinder und schon gar keinen perfekten "Abgang", beraubt es uns doch des Elementarsten überhaupt: zu lernen, zu verstehen und zu fühlen - sprich der Menschlichkeit.

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