Sisyphos neue Chance

06.03.2006 | Eva Schoch

Was würde Sisyphos tun, wenn er eine neue Chance bekäme?

Der alte Schurke aus Korinth wälzt stets aufs Neue den Stein aus Marmor den Berg hinauf, der einfach nicht oben bleiben will, und jedesmal, kaum oben angekommen, nach unten rollt. So wollten es die Götter. Und Sisyphos muss dem Stein folgen und ihn wieder und wieder nach oben schieben. Seit Tausenden von Jahren genießt er dafür das Mitleid vergesslicher Menschen, die nur die eine Seite der Geschichte behalten haben. Die Schicksalsseite, die Seite der unsinnigen Mühsal.

Das Mitleid mit dem geschundenen Helden ist willkommen. Es spendet Trost bei der Betrachtung des eigenen Schicksals und kann ideologisch ausgeschlachtet werden. Das Mitleid hängt jedoch einen Schleier vor die eigentliche Wahrheit. Die Wahrheit, dass niemand die Verantwortung für sein Handeln an der Garderobe ablegen kann und dass alles eine Ursache hat.

Der Korinther war einst klug und seine Klugheit hätte den Menschen sehr wohl weiter dienen können. Und wir würden ihn möglicherweise in einem Atemzug mit anderen weisen Männern und Frauen der Antike erwähnen. Wenn ...

Ja, wenn er nicht zu weit gegangen wäre. Ihm, der sich seiner Cleverness bediente, um Menschen zu hintergehen, Frauen zu vergewaltigen, den Tod zu verspotten und den Göttern zu freveln, war nichts heilig. Er wollte Genuss - und richtete Unheil an. Er wollte Erfolg um jeden Preis, und hob die Ordnung aus den Angeln. Jetzt hängt er am Stein.

Wie würde Sisyphos handeln, wenn er eine neue Chance zu leben bekäme?

Würde er sich grausam rächen an allem, was ihm in die Quere kommt? Würde er für jeden verlorenen Tag in der Unterwelt heulen und schreien? Würde er zur Rebellion gegen den Olymp rüsten? Wäre Sisyphos wirklich klug, wenn er immer nur rückwärts schauen und aus der Rückschau ein "neues Leben" anfangen wollte? Nein, dezidiert nein.

Der Ausgang aus einer Krise, ein Neuanfang, braucht neue Wege, neue, unbelastete Lösungsansätze, den Blick nach vorn. Konstruktiv. Sisyphos würde ein kluger König werden, wenn er die besten Berater und Fachleute aus vielen Ländern um sich scharen würde. Menschen, die nach vorn zu denken vermögen. Menschen, die nicht in Abhängigkeiten und Lobbies stecken. Menschen, die hinter die Dinge schauen können und nicht nur auf die Platten ihrer Schreibtische. Menschen, die das eine Ohr in die Menge halten und das andere bei der Göttin der Klugheit haben.

Bildung ist Denken. Zukunft muss gedacht werden. Auch wenn es schwer fällt, es ist möglich.

Sisyphos geht den Berg herunter, holt den Stein und wälzt ihn erneut den Berg hinauf ...

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