Sinnvolles Zusammenleben

24.09.2004 | Dr. Antje Schrupp

Politik bedeutet, mit dem Lebensraum Erde und allem Lebendigen sorgsam umzugehen und das Zusammenleben der Menschen so zu organisieren, dass alle in größtmöglicher Sicherheit, Eigenständigkeit und Zugehörigkeit leben und gleichzeitig ihre unverwechselbaren Beiträge zum guten Zusammenleben leisten können.

Dabei hat Politik immer eine symbolische und eine ökonomische Seite. Auf der symbolischen Seite geht es um die Frage nach dem Sinn, um Visionen, Wünsche und Hoffnungen. Auf der ökonomischen Seite um den Tausch und die gerechte Verteilung von Gütern, Lebensmitteln und anderen Ressourcen.

Das entkoppelte Zusammenleben

Ein sinnvolles Leben sieht für jeden Menschen anders aus. Was als gutes Leben empfunden wird, kann sich im Laufe einer Biografie immer wieder ändern. Aber wenn Menschen im "Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten" (Hannah Arendt) willkommen und aufgehoben sind, sind fast alle langfristig bereit, ihren unverwechselbaren Beitrag zum guten Zusammenleben zu leisten. Um auf der ökonomischen Seite den Tausch und eine gerechte Verteilung zu vereinfachen, haben die Menschen das Geld erfunden. Der politische Sinn des Geldes misst sich an der Frage, ob es für die gute Organisation des Zusammenlebens hilfreich ist. So bekommt im Erwerbsleben viel Geld, wer viel für das Zusammenleben leistet.

Doch die Geldwirtschaft hat sich zunehmend von der Frage nach dem sinnvollen Zusammenleben entkoppelt. So lässt sich heute mit Börsenspekulationen viel Geld verdienen, die Pflege von Alten und Kranken wird nur mit geringem Einkommen entlohnt. Ziel sollten dagegen sein, dass Menschen, die für das Zusammenleben ersichtlich notwendige Leistungen erbringen, ein eigenständiges Einkommen erhalten, das gutes Leben ermöglicht, und ebenso jeder Mann, jede Frau und jedes Kind, selbst wenn sie nicht fähig oder willens sind, etwas zu leisten, das für andere als sinnvoll erkennbar ist, in Würde leben können.

Politischer Mut

Die Idee eines Grundeinkommens ist in den meisten europäischen Staaten verwirklicht worden, als verschiedene Formen einer Sozialhilfe eingeführt wurden. Ausgangspunkt ist "Bedürftigkeit" als nachzuweisende Ausnahmesituation. Dazu wurden Kontrollmechanismen in Form von bürokratischen Vergabemodalitäten etabliert, die den Mythos aufrechterhalten, Geld gebe es nur für Leistung. Dem gegenüber steht das Modell eines leistungsunabhängigen und bedingungslosen Grundeinkommens, das von der grundlegenden Bedürftigkeit jedes Menschen genauso ausgeht wie von der grundsätzlichen Bereitschaft, Beiträge zum guten Leben aller zu leisten. Der politische Sinn eines bedingungslosen Grundeinkommens liegt weniger in der Berechnung seiner Finanzierbarkeit, sondern gründet in der Frage, ob wir eine Gesellschaft wollen, in der alle Menschen genug Geld für ein Leben in Würde haben. Was dazu notwendig ist, sind vor allem der politische Wunsch oder der politische Mut zu einer Neuverteilung der vorhandenen Fülle.

Die Basis des Wirtschaftens

Immer weniger Frauen sind bereit, Mütter zu werden, wenn sie damit die Aufgabe ihres Berufs, ihrer gesellschaftlichen Anerkennung und Teilhabe und ihrer finanziellen Unabhängigkeit riskieren oder gar ein Armutsrisiko eingehen. Haus- und Familienarbeit ist jedoch die notwendige Basis des Wirtschaftens, denn sie sichert das Heranwachsen neuer Generationen, die tägliche Wiederherstellung der Erwerbsarbeitskraft und das würdige Leben derer, die nicht (mehr) erwerbstätig sein können. Die Einführung des existenzsichernden Grundeinkommens darf nicht die herkömmliche Vorstellung stützen, Haus- und Familienarbeit sei Privatsache und marginale Freizeitbeschäftigung. Eine Gesellschaft, die allen ihren Mitgliedern ein Leben in Würde ermöglichen will, muss ihr Geld im Sinne einer angemessenen Honorierung insbesondere auch für Haus- und Familienarbeit und Pflegetätigkeiten neu verteilen und gleichzeitig für alle die Maxime des Eigennutzes zugunsten einer Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit ablösen.

Sinnvoll Arbeiten

Viele Menschen können es sich nicht leisten, Güter auf dem Markt zu tauschen, obwohl diese Güter immer weniger von Menschen und immer öfter von Maschinen hergestellt sind. Gleichzeitig werden mehr und mehr Menschen von der Erwerbsarbeit ausgeschlossen. Wenn die Existenz durch ein Grundeinkommen gesichert und Haus- und Familienarbeit für Menschen, die sie nicht selbst erbringen können, bezahlt ist, wird es wieder möglich, Erwerbsarbeit sinnvoll ins menschliche Zusammenleben zu integrieren: Denn wer nicht um seine Existenz bangen muss, kann in Ruhe nach einem sinnvollen und passenden Arbeitsplatz suchen, in Praktika oder mit freiwilliger Arbeit Neues ausprobieren oder sich für einen bestimmten Arbeitsplatz qualifizieren. Die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, hält dann niemanden mehr davon ab, sich für gesellschaftlich sinnvolle Arbeit im Sinne guter Arbeitsbedingungen, eines guten Betriebsklimas und sinnvoller Produkte und Dienstleistungen einzusetzen. Zukünftige Erwerbsarbeitsplätze schaffen hier nicht Steuersenkungen und Kürzungen der öffentlichen Haushalte: notwendig ist eine grundsätzliche Neuverteilung der Ressourcen entlang dem Prinzip des guten Zusammenlebens in Würde.

Die Welt neu gestalten

Während Erwerbsarbeit und Haus- und Familienarbeit eher für die Kontinuität des Erreichten sorgen, trägt freiwillige Arbeit vor allem zur kreativen Neugestaltung der Welt bei. Ehrenamt und Freiwilligenarbeit bergen wichtige Potentiale an Innovation und kreativer Entwicklung, denn sie können neue Ideen in die Welt bringen, ohne von der Notwendigkeit, sich im Sinne der Existenzsicherung "rentieren" zu müssen, eingeschränkt zu werden. Die Beziehung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit muss immer neu im Interesse des guten Zusammenlebens aller so ausgehandelt werden, dass weder die Sicherung und Kontinuität noch die kreative Erneuerung des Ganzen leidet. Haus- und Familienarbeit, Erwerbsarbeit und ehrenamtliche Arbeit sollen einander nicht ihre je verschiedenen Maßstäbe aufzwingen, sondern jeweils in ihrer Art zum sinnvollen und würdigen Zusammenleben aller beitragen – so lange, bis menschliches Tätigsein sich im Sinne einer postpatriarchalen Ordnung des Zusammenlebens neu organisieren wird.

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Katharina Tempel

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