Sind Sie Deutschland?

28.02.2006 | Dr. Ulrich Goldschmidt

Seit geraumer Zeit kann man kaum noch eine Zeitung oder ein Magazin aufschlagen, ohne dass einem auffordernd, anklagend die Lettern "DU BIST DEUTSCHLAND" entgegenspringen.

Nun ist es gewiss nicht jedermanns Sache, sich von irgendwelchen Semi-Prominenten bei jeder sich bietenden Gelegenheit gleich duzen zu lassen. Einmal ganz abgesehen von der Frage, wer sich von einem Neugeborenen, das sich für Max Schmeling hält, als Leistungsträger angesprochen fühlt. Aber emotional soll es halt sein, lassen uns die Schöpfer der Kampagne wissen. Nun gut, lassen wir uns also ein emotionales "Du" von Günther Jauch und Co. gefallen und freuen uns schon jetzt auf die Reaktionen, wenn Deutschland gnadenlos zurückduzt.

Schaut man einmal hinter den Vorhang der Emotionen auf die Inhalte, bestätigt sich leider die alte Weisheit, dass das was gut gemeint ist, noch lange nicht gut gemacht ist. Was man sich im Rahmen der Kampagne anhören muss, geht mitunter wirklich nicht mehr auf die berühmte Kuhhaut. Eine Kostprobe? Bitte sehr: "Schlage mit den Flügeln und reiß Bäume aus. Du bist die Flügel. Du bist der Baum." Wie bitte? Was um alles in der Welt will der Autor uns damit sagen? Bringen solche Ausflüge in die psychedelische Beat-Poetik mit Esoterikeinschlägen Deutschland wirklich voran?

Flugs erklären uns hier aber die Fachleute, dass eine solche Kampagne ganz wichtig für das sogenannte Nation-Branding sei. Darauf muss man erst einmal kommen. Es geht um die Zukunft Deutschlands und man wählt hierfür einen englischen Begriff. Die linguistische Globalisierung lässt grüßen.

Wenn es aber wirklich um die Zukunft Deutschlands gehen soll, ist es schon ein wenig überraschend, dass sich ausgerechnet die Medienvertreter und Spitzenmanager an dieser Kampagne beteiligen, die über Jahre hinweg den Standort Deutschland schlecht geredet haben. Die Ernsthaftigkeit dieses Anliegens sollte zumindest hinterfragt werden. Es keimt der böse Verdacht, dass es gar nicht um Deutschland, sondern um Imagepflege in eigener Sache gehen könnte.

Alles in allem fällt es schwer zu glauben, dass man mit dieser Kampagne auch die Menschen motivieren kann, die nicht leistungsbereit sind. Wer aber schon heute Leistung bringen kann und Leistung bringen will, braucht weniger einen "Du bist Deutschland-Aufruf", als vielmehr Rahmenbedingungen, bei denen ihnen keine bürokratischen Hemmnisse und Stolpersteine in den Weg gelegt werden. Betrachtet man das Kosten/Nutzen-Verhältnis dieser Anzeigen-Kampagne, möchte man meinen, dass es besser gewesen wäre, mit dem eingesetzten Geld eine Firma zu gründen, um damit Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu schaffen.

Emotionen allein reichen eben doch nicht. Sollte es aber gelingen, mit dieser Kampagne die deutschen Staatsbürger, die aus Steuergründen ihren Wohnsitz im Ausland gewählt haben, dazu zu bewegen, ihre Steuern wieder in Deutschland zu zahlen, wäre der Erfolg dieser Initiative unbestreitbar. Deshalb ist es schön, dass auch Michael Schumacher bei dieser Kampagne mitmacht.

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