Schicksal - oder: Design zum Sein

11.03.2005 | Dr. Peter-Alexander Möller

Fragestellungen:

  1. Welches Maß an Medizin sollen und dürfen wir uns wünschen?
  2. Was gilt es zu bewahren, und was zu verändern?
  3. Welche Unterscheidungen müssen in der Medizin getroffen werden?

Für eine zukunftsfähige Gesundheitsbranche kommen wir nicht umhin zu klären, welches Maß an Gesundheitsversorgung wir uns grundsätzlich wünschen. In diesem Zusammenhang ist mitentscheidend zu klären, was wir wirtschaftlich zu leisten bereit sind bzw. was wir uns als Individuum und was als Gesellschaft leisten können. In dieser Diskussion wird es um Grenzziehungen gehen, d.h. ebenso um Rationalisierungen, aber last but not least auch um Rationierungen. Genauer: Es geht um die Grenzziehung des Sinnvollen.

ALLES BEZAHLBAR

Das alte Prinzip, dass fast alles, was die Medizin anzubieten hat, ebenso gebraucht und entsprechend um nahezu jeden Preis zur Verfügung gestellt wird, ist eine wenig realistische Maximalforderung. Sie verliert zusehends an Gültigkeit, je weit reichender die Machbarkeit in der Medizin entwickelt wird.

Effizienz medizinischer Leistungen auf der einen, aber auch die Notwendigkeit zur Rationierung auf der anderen Seite werfen sehr grundsätzliche Fragen auf. Mit Berücksichtigung demografischer Entwicklungen einerseits sowie andererseits zunehmender Unschärfe in den Übergängen bis hin zu der sogen. Design-, Lifestyle- oder auch Wellness-Medizin müssen diese Fragen in und für die Heilkunde immer wieder neu beantwortet werden. Es bleibt ein ständiger Diskurs.

IM VERTRAUEN

Im Diskurs müssen wir müssen lernen über Abschichtungen nachzudenken und darüber klären, was denn grundlegend in den "Warenkorb" medizinischer Leistungen gehören soll. Unsere moderne Medizin ist in vielerlei Hinsicht im Wandel. Viele ihrer tradierten Wertebilder sind im Umbruch, greifen nicht mehr und werden entsprechend immer wieder neu ausgehandelt. Im Zentrum geht es dabei um Vertrauen. Vertrauen steht im Zentrum jeder moralischen Entscheidung und ist ein in der und für die Medizin zentral zu bewahrendes Anliegen.

Für Vertrauensprozesse ist es notwendig, dass im Einzelfall womöglich auch einmal wenig populäre, wohl aber klare Absprachen getroffen werden können. Es gilt vermehrt einsehbare Regeln zu schaffen. Regeln können dabei helfen, dass sowohl ein hoher Wert an individueller Freiheit als auch an medizinischem Pluralismus mit professioneller Fürsorge verbunden werden können. Dabei geht es um die Synthese von einer in der Medizin stets immer auch notwendigen sensitiven Emergenz mit einer die Begrenztheit der wirtschaftlichen Ressourcen berücksichtigenden hochwertigen Ökonomie. Zielgemäß gilt es zu einer neuen Indikationsqualität und einer darüber verantwortungsvollen Grenzziehung des Sinnvollen im Pool der Möglichkeiten in der Medizin zu kommen.

VOM DESIGN

Eindeutige "Regelungen auf Zeit" und individuelle "Vereinbarungen nach subjektivem Bedürfnisstand" können, sofern es dabei ausschließlich um medizinisch-heilkundliche Selbstverbesserungsmaßnahmen bzw. ein das Selbst optimierendes Design geht, in der Medizin sowohl eine notwendige Verbindlichkeit als auch eine unserer Zeit gemäße Freiheit schaffen. Wer gesünder sein will als gesund oder so schön, "wie die Natur es hätte erschaffen sollen", wird seinen persönlichen Lifestyle finden können und fortan seinen Style "bestellen". Hierbei gilt es für das einzelne Individuum sich möglichst viele Optionen offen zu lassen.

ZUM SEIN

"Vorgaben unter weiser Vorausschau" und indizierte "Maßnahmen nach medizinisch sinnvollem Bedarf" hingegen geben eine begrenzte, und d. h. zu guter Letzt auch rationierte Absicherung vor den Missgeschicken des Lebens vor. Selbst im modernen Leben besteht immer auch die Möglichkeit des Krankseins - so auch zum chronisch Krankbleiben. Vorausschauende Vorgaben sichern hierbei Risiken sowie Schicksal ab. Gleich ob Krankheit dabei als eine individuelle Chance gesehen wird, als gangbarer Weg oder irgendwie zu bewältigende Aufgabe, Krankheit ist und bleibt zweifelsohne immer auch ein solidargemeinschaftliches Anliegen. Den von Kranksein Betroffenen selbst, seinen direkten medizinischen Ansprechpartnern und den absichernden Assekuranzsystemen müssen im Bedarfsfall darüber klare Handlungsrahmen gegeben werden können.

GEMEINSAM STARK

In einer modernen, sich rasch entwickelnden Gesellschaft, wo Werte immer weniger als unverrückbare Entitäten feststehen, ist insbesondere auch in der Medizin ein Wertewandel eingezogen, welcher in Verbindung mit einem ohnehin ins Wanken geratenen Krankheitsbegriff mittlerweile ebenso den eher traditionell besetzten "Schicksalsbegriff" erreicht hat. Mag zurzeit noch ein eher offener Wettstreit zwischen "Willkür" und "Kontrolle" ausgefochten werden, mit der Tendenz zu einem immer machbareren Schicksalsdesign wird gleichzeitig an dem zugrunde gelegten Welt- und Menschenbild gearbeitet. Sofern dieses Bild unreflektiert und außerhalb des gesellschaftlichen Diskurses bleibt, werden wir am Ende Gefahr laufen bereits hier und heute einer Heilkunde den Weg zu bereiten, deren unmissverständliches Motto nur lauten kann: "MasterCard Wellcome".

In einem auf Nachhaltigkeit angesetzten Diskurs können wir klären helfen, was unter welchen Rahmenbedingungen wirklich passiert, wenn Hippokrates und McDonald's gemeinsam an einem Tisch Platz nehmen und das heißt für uns "Heilkunde" und "Kaufkunde" sich ernsthaft berühren.

Welches Maß an Medizin wollen wir grundsätzlich?

Eine zentrale Aufgabe der Medizin des 21. Jahrhunderts wird es für uns sein, zwischen einem eher individuellem Optimierungsstreben einerseits und fürsorglicher Absicherung andererseits eine akzeptable Balance zu finden. Genau hierfür gilt es die teils divergenten Aufgaben zu Verantwortung, Kommunikation und Ökonomie im Sinne eines zukunftsfähigen medizinischen ETHOS' weitestgehend in Kontakt zu bringen und zu halten.

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