Zukunft der Arbeit

14.09.2005 | Katja Kipping

An sich könnten wir in paradiesischen Umständen leben. Immerhin hat sich die Produktivität in den letzten 50 Jahren vervierfacht. Dieser Fortschritt könnte in Form von mehr Zeitwohlstand allen zum Vorteil gereichen.

Alle könnten sich mehr Zeit nehmen für Freunde, Familie und all die interessanten Dinge, für die man ja eigentlich arbeitet. Doch die Realität spricht eine andere Sprache. Bedingt durch den Akkumulationszwang führt die Entwicklung der Produktivität vor allem zur Freisetzung von Arbeitskraft, kurz zu Massenarbeitslosigkeit. So liegen inzwischen die offiziellen Erwerbslosenzahlen bei über 5 Millionen. Selbst die Bild-Zeitung sprach kürzlich von 8,5 Millionen. Andere Berechnungen gehen von bis zu 12 Millionen Erwerbslosen aus. Tatsache ist, dass der Anteil derjenigen, die ihren Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit bestreiten, beständig abnimmt. Laut Statistischem Bundesamtes sank die Zahl der Erwerbstätigen in der BRD von 37.445 Millionen im Jahr 1991 auf 35.659 Millionen im Jahr 2004. Dies ergibt immerhin eine Differenz von 1.786 Millionen bei einer Zunahme der Gesamtbevölkerung im gleichen Zeitraum um 2.257 Millionen. In den ostdeutschen Ländern ist diese Entwicklung noch ausgeprägter zu beobachten. Verdienten beispielsweise in Sachsen 1991 noch 47,0% ihren Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit, so waren es im Jahr 2004 nur noch 38,9% der Gesamtbevölkerung.

Die Folgen dieser Entwicklung bekommt immer mehr die gesamte Gesellschaft zu spüren. Brüche in den Erwerbsbiographien treten immer häufiger auf. Zunehmend mehr reguläre Arbeitsverhältnisse werden in prekäre Jobs umgewandelt. So mancher flüchtet sich in Scheinselbstständigkeit und ist gezwungen bei den Beiträgen zur Krankenkasse zu sparen. Minilöhne führen zu Minirenten. Altersarmut ist so vorprogrammiert. Den Sozialsystemen wird die finanzielle Basis entzogen. Die Massenarbeitslosigkeit hängt als Damoklesschwert über denen, die noch einen Arbeitsplatz haben und schwächt damit die Position der Gewerkschaften. Wer noch einen Arbeitsplatz hat, nimmt aus Angst vor dem Arbeitsplatzverlust zunehmend mehr Stress und Überstunden verbunden mit Lohnverzicht in Kauf.

Angesichts der negativen Folgen der Massenarbeitslosigkeit ist der Wunsch nach Vollbeschäftigung der alten Art auf den ersten Blick verständlich. Diese Illusion aber zum Programm zu machen, entspräche dem Verhalten der berühmten drei Affen, die nichts sehen und hören und deswegen auch nicht zu sagen haben.

Bei der Auflösung des Widerspruchs, der zwischen dem Wunsch nach Vollbeschäftigung der alten Art und der traurigen Realität eines nicht umkehrbaren Wandels der Arbeitswelt besteht, werden nur zu gern zwei Irrwege betreten. Die einen tapsen in die Falle der Technikfeindlichkeit und wettern gegen Maschinen. Dabei vergessen sie zu schnell, dass sich technischer Fortschritt nicht rückgängig machen lässt und dass dies auch nicht wünschenswert ist. Schließlich nehmen Maschinen uns Arbeit ab, die auf Grund ihrer Eintönigkeit besser von Maschinen als von denkenden Menschen erledigt wird. Der zweite Irrweg führt zu einem unreflektierten Ruf nach Arbeit, der schnell den Beigeschmack von Arbeit um jeden Preis hat und sei es um den Preis der Gesundheit, einer verschmutzten Umwelt bzw. von einen Euro die Stunde. Leider wird der verständliche Wunsch vieler, den Lebensunterhalt durch eigene Tätigkeit zu verdienen, nur zu gern zum Abbruch zivilisatorischer Errungenschaften missbraucht. Nicht umsonst versuchen Propagandainstitute wie die Initiative für neue soziale Marktwirtschaft Deutungsmuster a’la "Sozial ist, was Arbeit schafft!" zu verbreiten. (Als Deutsche wird mir dabei allemal unwohl.) Im Vorfeld des Jobgipfels beglückte die CDU die Menschheit mal wieder mit einer Reihe von Vorschlägen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Da war die Rede von Senkung der Unternehmenssteuer oder von der Aufweichung des Kündigungsschutzes. All diese Griffe in die neoliberale Mottenkiste sollen dann als sozial gelten? Nein Danke! Sozial ist was Arbeit schafft - diese Logik konsequent weiter gedacht, hieße: auch Kinderarbeit sei sozial.

Insofern ist es nicht Aufgabe der PDS, unkritisch in den Chor "Arbeit muss her!" einzustimmen. Stattdessen müssen wir auf drei Ebenen aktiv werden.

Erstens kommt es darauf an, Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Erwerbsarbeit verdienen wollen, dies auch vermehrt zu ermöglichen. Dazu gehört der öffentliche Beschäftigungssektor ausgebaut. Schließlich gibt es jede Menge sinnvoller sozialer Tätigkeiten, die bisher nur niemand bezahlt. Weiterhin bedarf es Arbeitszeitverkürzungen, um die noch vorhandene Erwerbsarbeit gerechter zu verteilen. Wichtig ist ebenfalls, dass das eigene Können und Wollen mit der Stelle übereinstimmt. Nicht nur die Bezahlung einer Arbeit muss stimmen, sondern auch ihr Inhalt.

Zweitens muss garantiert werden, dass jedem Erwerbslosen Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht wird. Der einzelne darf einfach nicht dafür bestraft werden, dass Wirtschaft und Politik darin versagt haben, den Fortschritt zum Wohle aller zu nutzen. Dafür bedarf es mindestens einer sozialer Grundsicherung in Höhe von 750 Euro ohne erniedrigende Bedarfsprüfung, wobei eine solche Grundsicherung, langfristig zu einem bedingungslosen Grundeinkommen weiter entwickelt werden sollte.

Grundsicherung, Arbeitszeitverkürzung und ÖBS allein reichen allerdings nicht aus, um der Tiefe des Problems gerecht zu werden. Wir brauchen drittens ebenso einen grundlegenden Wandel des Bildungssystems. Der Soziologe Wolfgang Engler fordert vor diesem Hintergrund ein "Bildungssystem, das sich von seiner monokausalen Abhängigkeit vom Erwerbsleben als einzig legitimer Existenzform des Menschen löst." (Wolfgang Engler in "Arbeitslosigkeit und Freiheit: Für immer unversöhnlich?") Es komme zukünftig - so Engler - verstärkt darauf an, Menschen dazu zu befähigen, dem eigenen Leben Sinn und Bewandtnis vermitteln, auch wenn der Absprung ins Berufsleben misslingt. Ein solches Bildungssystem, wie Engler es zu Recht einfordert, garantiert noch keine paradiesischen Zustände. Aber es erleichtert ein erfülltes Leben und befördert kritische Köpfe. Eine solche Gesellschaft wäre jedenfalls eher in der Lage, sich den technisch-ökonomischen Fortschritt anzueignen und zum Wohle aller zu nutzen.

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