Reise nach Transistan

13.12.2010 | Wolf Schneider

Wenn es denn einen Konsens gibt unter den Religionen und religiösen Bewegungen, dann ist es wohl der, die Erkenntnis der Einheit in der Vielfalt, des Ich (oder Selbst) und des Ganzen zu erlangen. Auf dem Weg zu diesem hohen Ziel gibt es jedoch keine Einheit unter den Einheitsuchern, sondern Unterschiede, Missverständnisse und Streit. Denn der Kontinent, den diese Sucher aufgebrochen sind zu erforschen, ist noch immer der große Unbekannte.

Der Mainstream ist ein großer, schmutziger Strom, der sich über die ganze Welt ergießt, in alle großen Medien hinein, gedruckte ebenso wie gesendete, und ins Internet. Es gibt darin auch vitale und saubere Stellen, aber die Masse dieses Stroms ist so mächtig, dass kleinere Biotope von ihm einfach mitgenommen und mitverschmutzt werden. Nur in winzigen Nebenarmen dieses mächtigen Stroms findet man klares Wasser, oft aber auch stinkende Brühe, Abwässer und Gift.

Das Gefährliche am Mainstream ist nicht, dass er generell weniger rein wäre oder biologisch intakter als die Nebengewässer, sondern dass er so mächtig ist. Seine Strömungen sind die der Mehrheit, deshalb sind seine Fehler, Schwächen und blinden Flecken so gewaltig und entsprechend hinderlich für die Erkenntnis des Wahren. Als Nachrichtenproduzent versetzt der Mainstream nicht nur einzelne, sondern Massen in Trance und manchmal auch in Bewegung. Zunächst aber versetzt er sie in die »Verstehtrance«, die einem das Gefühl vermittelt: Ah, ich verstehe, ich hab's kapiert! Und es macht eben einen Unterschied, ob nur tausend, eine Million oder eine Milliarde dasselbe »verstehen«.

Der blinde Kontinent

Hier sind sie, die großen blinden Flecken des globalen Mainstreams: Religion, Spiritualität, Esoterik. Die menschliche Identität. Weisheit und der geistige Aspekt der Heilung. Lebenskunst und Ethik. Diese »blinden« oder im Zwielicht kaum sichtbaren Flecken verbinden sich zu einem großen, blinden Kontinent, so wie das einst noch unerforschte Afrika – eine weiße oder hellgrau gesprenkelte Fläche auf der Weltkarte des schon Entdeckten. Die Naturwissenschaften, der anatomisch-physiologische Teil der Medizin, die Wirtschafts- und Militärgeschichte, die auf der Festkörperphysik basierende Technik und das Ingenieurswissen bis hin zu Elektrotechnik und Elektronik, das zum Beispiel sind relativ gut erforschte Bereiche auf der Weltkarte des menschlichen Wissens. Der religiöse oder spirituelle Bereich aber, der Bereich des Bewusstseins, ist im Vergleich dazu von den Forschern schrecklich vernachlässigt worden, vielleicht weil er zu lange von Fanatikern besetzt war.

Als ich neulich mit 160 km/h über eine Autobahnbrücke im Spessart fuhr, dachte ich: Wenn das Wissen der Ingenieure, die diese Brücke gebaut haben, über die Eigenschaften von Stahlbeton, auch nur ein Tausendstel der Irrtümer und Ungereimtheiten enthielte, wie die im Mainstream für wahr gehaltenen Gemeinplätze über Religion, Spiritualität und Esoterik, dann Gnade uns Autofahrern!

Religiöse Seichtgebiete

Jetzt werden Imame auch in Deutschland ausgebildet, denn auch die Moslems in Deutschland sollen nun ihre religiöse Erziehung erhalten, so wie die Christen, und zwar von ihren eigenen Leuten. Das ist doch nur gerecht, sagt man. Und dann feiert man diese Gerechtigkeit und hält Deutschland in diesem Punkt für ein aufgeklärtes, weltoffenes Land, das immerhin an den Schulen und Universitäten das Tragen von Kopftüchern nicht verbietet. Diese behördlichen Maßnahmen, Toleranzen und Pseudotoleranzen sind aber so weit weg von dem, was Religion wirklich bedeutet, wie der Schwarm Blässhühner auf der Oberfläche des Baikalsees von seiner Tiefe.

Warum wird den Schülern auf unseren Schulen nicht das Eintauchen in tiefe Religiosität erlaubt? Dann dürften sie nicht von Vertretern der religiösen Lager unterrichtet werden. Wo aber soll man dafür die menschlich reifen, tiefreligiösen, nicht einer Lagermentalität verpflichteten Lehrer hernehmen? Die Universitäten bilden sie nicht aus. Es gibt ja nicht einmal Lehrpläne dafür. Die Lehrstühle auf diesem blinden Kontinent sind entweder weltanschaulich gebundene oder wissenschaftlich distanzierte (»Religionswissenschaft«), die sich von ihrem wissenschaftlichen Ethos her das Eintauchen in die Praxis verbieten, geschweige denn als Schöpfer einer verbindlichen Ethik tätig werden könnten.

Spirituell sind wir primitiv

Was für ein Desaster für uns alle! Wirtschaftlich ist die Globalisierung so weit fortgeschritten, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen der chinesischen Wanderarbeiter oder der Landbevölkerung im Amazonastiefland für unseren Alltag in Deutschland eine große und immer größere Rolle spielen. Ob wir die Bananen aus fairem Handel beziehen oder nicht, das spielt eine Rolle für die Bauern dort und die ganze Handelskette dazwischen, bis hin zu uns. Im spirituellen Bereich aber – und damit meine ich jetzt mal, einfachshalber, diesen ganzen, oben vage umrissenen unbekannten Kontinent – sind wir heute noch nicht viel weiter als zur Zeit der europäischen Renaissance oder der Aufklärung – oder, um uns mal mit einem anderen Kulturraum zu vergleichen: Wir sind in der Hinsicht kaum weiter als zu der Zeit, da in Indien vor 2500 Jahren Buddha und Mahavira den Brahmanismus herausforderten.

»Too big to fail«

Zum Beispiel unterscheiden die Behörden der meisten europäischen Länder nicht nur von ihrer Sympathie oder Antipathie her, sondern sogar juristisch zwischen Sekten und Religionen. Das erinnert mich an Angela Merkels Kniefall vor den Banken, als sie sagte, die seien »too big to fail« – zu groß, um stürzen zu dürfen. So ähnlich ging Obama mit General Motors um. Wenn eine kleine Firma über den Jordan geht, wen juckt's, bei den großen ist das was anderes. Das Große darf nicht fallen, es gilt als »systemrelevant«. Will sagen: Die Großen sind untereinander so verfilzt, dass wenn einer fällt, die Gefahr besteht, dass alle anderen mitgerissen werden. Too big to fail or small enough to get fucked, das ist die Frage, die entscheidet über to be or not to be. So ist es in der Wirtschaft, und so geht man auch mit den religiösen Organisationen um.

Dabei sind die Religionen nicht weniger idiotisch als die Sekten, aber sie genießen staatlichen Schutz, weil sie so groß sind. Der Staat glaubt, sich ihren Absturz nicht leisten zu können. Man fürchtet, dass dann »alles« (Was denn genau?) zusammenbricht, wenn die großen Religionen stürzen. Die Menschen würden ohne Religion keine Moral und Ethik mehr haben, sie würden in dem resultierenden »Sinnvakuum« verzweifeln und, und, und … der brave Bürger, umso mehr der entscheidungsbefugte Beamte, möchte sich das lieber nicht ausmalen. Obwohl die unter uns, die es wissen wollen doch längst wissen, dass ethisch gutes und mitfühlendes Verhalten kein bisschen mit Religionszugehörigkeit korreliert, so weit ist die Forschung immerhin schon.

Vielfalt

Die religiöse Lagermentalität ist genauso dumm und gefährlich wie die nationale. Bist du Deutscher? Österreicher? Schweizer? Christ? Moslem? Buddhist? Das eine ist so idiotisch wie das andere. Idiotisch? Im perikleischen Griechenland, der Wurzel unserer modernen Demokratien, auf die wir so stolz sind, war der Idiotes der selbstzentrierte Bürger, der am öffentlichen Leben in der Polis nicht interessiert war und nicht daran teilnahm. Die nationale Identität ist vielleicht noch so lang nützlich, wie es nationale Reisepässe gibt und noch nicht den Personalausweis für Weltbürger. Die »Zugehörigkeit« zu einer Religion (ähnlich: zu einer Ethnie) jedoch sollte in einem aufgeklärten Land den Behörden so egal sein wie die Sympathien der Bürger für U2, den FC Bayern oder die Filmtrilogie Der Herr der Ringe. Und wir Wahrheitssucher sollten achtsam sein im Umgang mit dem Klebstoff, mit dem wir an diesen Identifikationen haften.

»Aber ich habe doch dort meine Wurzeln! Das ist meine Heimat!«, sagt man. Ja, die Heimat … da liebt man dann die Berge oder die See und den Klang der Sprache seiner Eltern, und manchmal hasst man das alles auch. Der Geruch des Waldes und der Wiesen, die Musik, die gespielt wurde, als ich erstmals zum Tanzen ging, oder was sonst gerade zu meiner Heimat gehört. Aber wir lieben auch das Reisen in »die Fremde«. So sollten wir auch weltanschaulich reisen und dabei andere Weltbilder kennen lernen und andere religiöse und spirituelle Praktiken.

Wir sollten vom geografischen zum Weltanschauungstourismus übergehen oder wenigstens den einen durch den anderen ergänzen, um nicht nur das Äußere, sondern auch das Innere kennen zu lernen. Die Religionen als Folklore verstanden, von der UNESCO als Weltkulturerbe geschützt, gut so – wir haben ja auch keine Angst vor den Trägern bayerischer Lederhosen und filzen die am Flughafen ganz besonders gründlich, weil da Terrorgefahr bestünde. Die kulturelle Diversität ist fast so wichtig wie die Biodiversität. Auch im Kulturellen ist Vielfalt nicht nur ein Genuss für den Reisenden, sondern sie kann überlebenswichtig sein für die gesamte Großkultur, die als Monokultur ebenso leicht von einem Parasiten oder einer Klimaveränderung dahingerafft werden kann, wie das bei den Monokulturen in der Landwirtschaft der Fall ist.

Heimat

Bei all unserem Heimatgefühl sollten wir jedoch nicht dem Glauben anheim fallen, dass Reis »an sich« besser oder schlechter sei als Weizen. Das islamische Gebet »an sich« besser oder schlechter als eines der christlichen, oder als eine hinduistische, buddhistische oder schamanische Praxis.

Die erste buddhistische Initiation, die zum Samanera, heißt in Pali, der Ursprache des Buddhismus Pabbajja. Übersetzt: Hinausgehen in die Heimatlosigkeit. Will sagen: hinaus gehen in die Befreiung von allen Identitäten, allen Heimaten, in die wir uns kuscheln, die uns Geborgenheit geben, die uns aber auch binden und begrenzen. Tatsächlich führt dieses »Hinausgehen« den Adepten dann aber doch in den allermeisten Fällen in eine neue Identität, etwa die des buddhistischen Mönchs. Die Fähre, die einen über den Fluss setzen sollte, wird zum Hausboot. Wobei ich nichts gegen Hausboote habe – es ist einer meiner Kindheitsträume, auf einem solchen zu leben. Und ich habe auch nichts gegen Heimat, im Gegenteil: Das Ruhen in einer Identität, die einem das Gefühl gibt »bei sich« zu sein, ist für die Seele unverzichtbar. Aber wir sollten diese Heimat nicht für »God's own country« halten, denn es gibt noch andere Heimaten, die von ihren Bewohnern ebenso sehr geliebt werden, wie wir die unsere lieben und ich die meine.

Transzendenz

Früher sprach man im Kontinent des Religiösen von Transzendenz (von lat. transcendere – überschreiten), dem über etwas Hinausgehen. In der spirituellen Szene von heute spricht man lieber von Transformation – dem Hinausgehen über die gegenwärtige, aktuelle Form. Wenn das das Wesen des Religiösen ist, dann beinhaltet das gewiss auch das Überschreiten der kulturellen Formen. Transzendenz oder Transformation wären dann auf jeden Fall auch transkulturell. Dann wäre es Unsinn, Sanskrit, Arabisch oder Hebräisch für heiliger zu halten als irgendeine andere Sprache. Und es gibt dann auch keine Heiligen Schriften mehr, und die Kaaba ist nicht heiliger als der Petersdom und der Kailash nicht heiliger als das Matterhorn – das für Europäer leichter sieben Mal zu umrunden ist, schon deshalb, weil man dafür nicht so weit reisen muss. Kultur und Religion sind Heimat, aber noch nicht Transzendenz. Die findet man erst im Überschreiten, im Hausgehen in die Heimatlosigkeit, die Leere oder (für Theisten) im Unaussprechlichen (Gottes), im Numinosen.

Humor als Lösungsmittel

In den Jahren, seitdem Religiosität und Spiritualität im Brennpunkt meines Lebens stehen und den Kern meiner geistigen und auch beruflichen Beschäftigung ausmachen, das sind nun im engeren Sinne gut 34 Jahre, ist mir Humor immer wichtiger geworden. So sehr, dass ich heute von einem »spirituellen Weg des Humors« spreche, der ein ganz eigener und vollständiger ist, das heißt einer, der all die anderen Praktiken vervollständigt und ergänzt und auch ohne sie existieren kann. Humor verstehe ich dabei als ein Lösungsmittel, das man in den Klebstoff zwischen sich und der eigenen aktuellen Identität – der emotionalen Heimat – träufeln kann. Für einen Identitätsurlaub oder einen zeitlich begrenzten Ausgang (im modernen »offenen karmischen Strafvollzug«). Eine vollständige Loslösung (Himmelfahrt, Nirvana, Tod) von der aktuellen Identität will ich damit nicht befürworten, ich würde davon sogar eher abraten. Um der Rechthaberei, dem Fanatismus und Fundamentalismus vorzubeugen aber ist es ratsam, an der aktuellen Identität nicht so fest zu kleben, als hätte man hier Holzleim oder Sekundenkleber verwendet – und dabei hilft ein Lächeln oder Schmunzeln über das, woran ich (noch?) hänge.

Woran glaubst du?

Vor ein paar Tagen trat ich vor den »Esoterik-Freunden Stuttgart« als Kabarettist auf mit meinem Stück »Alles ist eins – und noch eins drauf«, bestehend aus einer Abfolge von Sketchen, in denen ich neun Typen aus der Esoterik darstelle: einen Motivationstrainer, einen indischen Guru, einen Tantrameister, ein Channelmedium, und so weiter. Danach fragten mich einige der Zuschauer – erheitert, aber auch verwirrt: Woran glaubst du denn? Ist die ganze Esoterik für dich nur Theater? Woran sollen wir denn dann noch glauben?

Gute Frage. Ich jedenfalls glaube, dass das Überschreiten der Formen ein Ausweg ist: aus dem Leiden, dem Rad der Wiederkehr, der Enge und Angst, der Unfreiheit und Verstrickung. Ich spiele diese Formen, um sie zu überschreiten. Dabei verwende ich ein Mittel, das für uns im Zwielicht des Halbbewussten Dahindämmernde wie ein Vergrößerungsglas wirkt: die Übertreibung. Durch die Linse der Übertreibung wird die Form größer, man kann sie nun besser erkennen. Damit diffamiere oder diskreditiere ich diese Form nicht, zumindest ist das nicht meine Absicht, sondern ich gehe über sie hinaus. Ich transformiere sie.

Auf nach Transistan!

Dieses »trans« ist nun mein neues Kultwort. Es bedeutet »jenseits davon«, »darüber hinaus«. Transpersonal, transkulturell, transreligiös heißt: Wir müssen weitergehen! Gallia transalpina nannten die Römer einst das gallische Land, das für sie jenseits der Alpen lag, denn auf dem Weg dorthin mussten sie die Alpen überwinden.

Für uns liegt Transistan nicht immer hinter einer so hohen Bergkette. Manchmal ist es ganz leicht dorthin zu gehen, weiter, darüber hinaus, auf die Metaebene, in das andere, unbekannte Land. Aber wir müssen gehen, weiter, weiter … gate, gate, parasamgate, bodhi, svaha, so habe ich das als junger Mönch in Thailand gechantet: Gehe, gehe, gehe darüber hinaus, Erwachen, du selbst … das ist der heilige Weg. Er lässt sich an keinem Lager festmachen, er ist eine permanente Selbstabschaffung jeder Identität und erlaubt doch, nach der Rückkehr auf den Marktplatz und in den Alltag, Beheimatungen in jeder gewählten Identität. Aber eine gewählte Identität ist etwas anderes als eine zugewiesene; Schöpfer zu sein ist etwas anderes als Opfer. Wenn die Freiheit der Wahl auch die Identität erfassen kann, dann ist das die höchste Freiheit, die ein Mensch erlangen kann: die des Narren, des Spielers. Aber vor dieser Freiheit kommt die Erkenntnis: Wer bist du? Wer bist du geworden? Wo bist du verletzbar, beleidigbar?

Himmel und Hölle

Ein Samurai kam zum Zenmeister, verneigte sich und fragte: »Wo sind die Tore des Himmels und wo die der Hölle?« In den Augen und der Körperhaltung des Samurai sah der Zenmeister den Stolz dieses Kämpfers aus der Kriegerkaste Japans und antwortete: »Du, ein Samurai? Dass ich nicht lache …« Das zog der Samurai ob dieser Ungeheuerlichkeit wutentbrannt sein Schwert, und der Meister antwortete: »Hier öffnen sich die Tore der Hölle.« Der Samurai stutzte – und begann, verwirrt, sein Schwert wieder in die Scheide zu stecken. Da antwortete der Meister: »Und hier öffnen sich die Tore des Himmels.« Es ist eben die Identität, meist die gewordene, uns zugewiesene, wo wir verletzbar und beleidigbar sind. Bist du ein Samurai? Ein Deutscher? Ein spiritueller Sucher? Und wenn ich jetzt sage: Du bist ja gar kein richtiger spiritueller Sucher, sondern nur ein naiver Eso, dann ziehst du dein Schwert?

Kalt erwischt

Als im August Thilo Sarrazins Buch »Deutschland schafft sich ab« erschien, waren davon nach wenigen Wochen mehrere hunderttausend Stück verkauft, und ganz Deutschland diskutierte darüber, obwohl – oder weil? – er darin fremdenfeindlich argumentiert. Schon der Titel versucht die Angst zu wecken, es würde »unser Land« bald nicht mehr geben, und der Inhalt dreht verfügbare Statistiken so hin, dass der verängstigte Bürger nun meint, die Politiker müssten härter gegen Migranten vorgehen. Solche Demagogie kann nur in einer Bevölkerung gedeihen, die sich noch kaum mit der Frage »Wer bin ich überhaupt?« befasst hat.

So werden uns wohl noch weitere Migrationsdebatten kalt überraschen und das Unbekannte, Befremdende wird verängstige Bürger – ebenso wie einige Nutznießer dieser Angst – auch mal gewalttätig werden lassen. Denn auch Österreich, die Schweiz und Frankreich schaffen sich ab, alle Länder schaffen sich ab (endlich!). Firmen, Vereine, Behörden … die Familie schafft sich ab, der Staat, das Individuum, und mit dem individuellen Tod schafft sich der individuelle Körper ab; er zerfällt, denn alles, was entstanden ist, muss zerfallen.

Besser, man geht gleich davon aus, dass alles in Bewegung ist: auch Deutschland, auch das Individuum, auch der Körper. Alles erleidet oder erfreut sich an Zu- und Abwanderung und befindet sich, genau genommen, in einer ständigen Identitätskrise: Wer bin ich (bzw. sind wir) denn dann noch, wenn dieses fehlt und jenes hinzukommt? Das eben ist seit Urzeiten die spirituelle Frage, die zentrale Frage jeder menschlichen, geistigen Entwicklung: Wer bin ich? Wer sind wir? Den trägen Teil von Deutschland, der sich der Erforschung des dunklen Kontinents verweigert, hat die Sarrazin-Debatte kalt erwischt, bis hinauf zum Bundespräsidenten. Doch wer sich je auf die spirituelle Reise begeben hat, die Reise in die Tiefen des Inneren und zu sich selbst, wird sich über solche Debatten, Erregungen und die sie begleitenden Skandale nicht wundern, sondern wundert sich eher über die Beharrlichkeit der Verweigerung der Massen, den dunklen Kontinent zu erforschen.

Vertiefe oder stirb!

Um mit den Differenzen zwischen den Religionen, Kulturen, Nationen und politischen Systemen in der heutigen Welt umgehen zu können, müssen wir die Reise nach Transistan unternehmen. Unser Bewusstsein muss sich weiten, um auch »das andere«, das zunächst als fremd Erscheinende erfassen, verstehen, in sich aufnehmen zu können. Diese Reise kann man eine »spirituelle« nennen, muss man aber nicht. Man könnte ein solches Bewusstsein auch schlicht Voraussetzung für transkulturelle Kommunikation im globalen Zeitalter nennen und hätte sich damit dem Jargon der Global Player angepasst.

Solche eine Kommunikation gelingen zu lassen, das klingt allerdings leichter, als es ist. Denn wir sind ja auch »mit dem Herzen« dabei, mit unseren Gefühlen und unserer ganzen Identität, unserem Heimatgefühl. Insofern ist die wirtschaftlich schon fast vollzogene Globalisierung eine Herausforderung an Geist und Seele, die in ihrer Größe noch kaum wahrgenommen wird und die eine Beschäftigung mit dem Thema »Identität« verlangt, die viel tiefer geht als das oberflächliche Geplätscher eines Thilo Sarrazin und seiner rechtspopulistischen Freunde. Das politische Thema der Grenzen, Nationen und Migrationen verlangt so sehr nach einer Vertiefung, dass es für uns heute Spitz auf Knopf steht: Entweder wir widmen uns dieser Vertiefung, oder das war's mit den guten Aussichten für die Menschheit.

Große und kleine Ökumenen

In den spirituellen Szenen der einzelnen Länder sieht es nicht wesentlich besser aus. Da ist man zwar generell etwas netter zueinander als die Nationen und Weltkulturen es untereinander meistens sind, aber auch hier fehlt überwiegend die Vertiefung. Die Reikianer schwören auf ihr Reiki-Magazin, die Lichtarbeiter auf ihren Lichtfokus, die Sannyasins bleiben ihrer Osho Times treu und die Andrew Cohen Jünger ihrem EnlightenNext, und so weiter, und so weiter. Da sitzen sie in ihrer Nische, als würde das Ötztaler Gejodel so viel anders klingen als das echte Zillertaler Jodeln.

Stimmt schon: Sich einer Sache tief zu widmen ist viel besser als bei ganz vielen ein bisschen mitzumachen. Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, dass das Licht der Lichtarbeiter nicht heller ist als das, was einem Vipassana-Meditierer leuchtet. Man kann sich durchaus einer spirituellen Praxis tief widmen und trotzdem über den Rand der eigenen Szene hinausschauen in das Große, Ganze. Und stellt dabei fest, dass etwa der Sufi-Weg der islamischen Kultur und der Zen-Weg der ostasiatischen Kulturen viel Ähnlichkeit miteinander haben – im Umgang zum Beispiel mit dem Paradoxen.

Allerdings sieht man schon bei den Christen, dass die kleine Ökumene nicht leichter ist als die große. Offiziell dürfen nicht einmal evangelische und katholische Christen gemeinsam das Abendmahl feiern, ihr wichtigstes christliches Ritual – die katholische Kirche stellt sich dagegen – von einer Einheit mit der Ostkirche und den anderen abrahamitischen Religionen ganz zu schweigen. Wie soll da eine Weltreligiosität entstehen, wenn nicht einmal Katholiken und Protestanten an diesem Punkt zusammenkommen? Verglichen damit haben es die Reikianer mit den Lichtarbeitern noch leicht.

Unter den Linken der 70er Jahre erzählte man sich den Witz vom Ende des letzten Maoisten. Woran ist er zugrunde gegangen? Am Versuch sich selbst zu spalten. Damit sind wir wieder beim Thema Identität: Jeder Mensch will in seiner Einzigartikeit erkannt werden, und das gilt auch für die spirituellen Bewegungen, deshalb vereinen sie sich nicht.

Tröstlich bei alledem finde ich nur, dass die Menschen, die in einem Weg bis zur tiefsten Tiefe vordringen, zur alle Formen überschreitenden Mystik, dort alle anderen wiederfinden – die Parallelen treffen sich im Unendlichen, so würde ein Mathematiker das vielleicht ausdrücken. Nur sind es leider nicht so viele, die dort ankommen. Der Dalai Lama wird sicherlich gut mit Bischof Tutu auskommen. Aber die beiden mit noch eine paar weiteren friedliebenden Weisen sind noch keine ausreichende Basis für eine Verfassung gebende Versammlung, die der zukünftigen Weltgemeinschaft einen ethischen Rahmen geben könnte. So wird die Welt wohl weiterhin partikular bleiben und aus vielen, miteinander verfeindeten Gruppen bestehen.

Brächten Aliens uns zur Einheit?

Als ich vor Jahren mit Verhaltensforschern aus dem Umkreis um Konrad Lorenz über diese Themen sprach, kam dort immer wieder der Gedanke auf: Es würde wohl erst ein Angriff von außen die menschlichen Erdbewohner dazu bringen zusammenzuhalten. Sollten wir uns vielleicht eine Bedrohung durch Aliens ausdenken – real wurden sie ja (leider?) noch nicht beobachtet. Anders wird auf der Erde wohl kein Wir-Gefühl entstehen, das stark genug ist, die vorhandenen Probleme zu lösen. Aber es ist halt so eine Sache mit diesen künstlich erschaffenen, fiktiven Bedrohungen – sie entwickeln leicht ein Eigenleben, das dann keiner mehr kontrollieren kann.

Deshalb setze ich nach wie vor auf die Wahrheit: Sieh, dass die Gestalt deines spirituellen Weges oder deiner Religion nur eine Gestalt ist. Sie ist entstanden und wird wieder vergehen, ebenso wie deine Persönlichkeit, wie einzigartig die auch immer sein mag. Aus dieser Wahrheit kann ein Grundgefühl entstehen – ein Gefühl, nicht nur ein Gedanke! Das Gefühl, dass diese Erde unsere Heimat ist und wir aus Liebe zu dieser Heimat sie schützen sollten. Deshalb müssen wir zusammenhalten, auch ohne Bedrohung durch Aliens. Wir selbst sind die Bedrohung. Wir selbst müssen uns erkennen, nur dann können wir Frieden schaffen. Und als solche, sich selbst Erkennende, werden wir verstehen, dass wir Menschen sind und zum Leben nur diese eine Erde haben. Und dass es neben uns noch viele andere Lebewesen gibt, die wir brauchen und die uns guttun, die sollten wir nicht vernichten. Und dass diese Identität als Erdenbewohner viel tiefer geht als die, ein Schalke 04 Fan zu sein (»Ich bin Schalke 04«), ein Deutscher, Christ, Lichtarbeiter oder Reikimeister dritten Grades.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Gesellschaftspolitik | Wolf Schneider | weiterempfehlen →