Regionalwährungen - die sinnvolle Ergänzung zum Euro

17.11.2009 | Jens Mannheim

Erst die D-Mark, dann der Euro und jetzt auf lokaler Ebene die Regios? Rückschritt oder Fortschritt in einer globalisierten Welt? In den folgenden Abschnitten möchte ich den Sinn und Zweck von Regiogeldern vorstellen.

Tauschringe sind dem einen oder anderen bereits bekannt. Seit einigen Jahren ist eine weitere Bewegung zu beobachten: Regionalwährungen. Auch das Geld ist ein Tauschmittel. Doch wie man den Tausch organisiert, ist durch gesellschaftliche Vereinbarungen geregelt. Und so sind natürlich auch andere Geld-Tausch-Systeme denkbar als das derzeit bei uns vorherrschende.

Ziel der Regiogelder ist es als komplementäres Zahlungsmittel die Region nachhaltig zu stärken, sowohl wirtschaftlich als auch sozial und kulturell. Das Regiogeld ist ein Handlungs­instrument mit dem regionale Entwicklungsprozesse angestoßen werden. Es stellt eine Er­gänzung, nicht aber einen Ersatz für Weltwährungen wie dem Euro oder Dollar dar. In der Bundesrepublik Deutschland existieren über 30 Regios, viele weitere sind in Vorbereitung (http://www.regiogeld.de/initiativen.html).

Herausgegeben werden diese Wertgut­scheine in der Regel von einem Verein oder einer Genossenschaft, gegründet und verwaltet von Bürgern/Innen. So ist das auch beim südbadischen FreiTaler e.V. (www.breisgau-geld.de). Alle hier mitarbeitenden Personen tun dies im Rahmen ihres Bürgerschaftlichen Engagements.

Die Regiogeldbewegung ist aber nicht nur in Deutschland aktiv, es handelt sich hierbei vielmehr um eine europa- beziehungsweise weltweite Bewegung von engagierten Bürgerinnen und Bürgern (z.B. in der Schweiz: www.handelszeitung.ch/artikel/Finanz-Renaissance-von-Parallelgeld_477520.html oder in den Vereinigten Staaten von Amerika: www.kurier.at/geldundwirtschaft/1932838.php).

Vordenker der Regiogeldidee:

Die Idee Geld anders zu gestalten ist nicht erst den Aktivisten/Innen der aktuellen Regiogeldbewegung in den Sinn gekommen. Überlegungen hierzu wurden bereits Jahre vorher angestellt und auch erprobt. Eine grundlegende Idee wie man das Geldsystem völlig anders gestalten könnte, ist begründet in der sog. Umlaufsicherung. Die Umlaufsicherung sieht vor, dass das Geld nach einer bestimmten Zeit an Wert verliert. Es handelt sich bei diesem Wertverfall nicht um eine Inflation im klassischen Sinne, sondern um einen bewusst eingebauten Verfall des Wertes. Die sich im Umlauf befindende Geldmenge soll hierüber möglichst häufig zirkulieren und damit Wirtschaftsprozesse ankurbeln. Das Regiogeld wird über den Negativzins also in Bewegung gehalten und nicht dem Wirtschaftskreislauf entzogen. Nach diesem Modell arbeiten die meisten Regiogeld-Modelle.

Die Idee der Umlaufsicherung geht bis auf die alten Ägypter zurück und wurde in der Freiwirtschaftslehre wieder aufgenommen. Ihre Grundaussage: Geld muss im Umlauf bleiben, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Als Vordenker werden Pierre Joseph Proudhon und Silvio Gesell genannt. Der eine ein französischer Anarchist aus dem 19. Jahrhundert, der andere mit seiner „Urzinstheorie“ auch von den deutschen Rechten vereinnahmt. Werner Onken hat diese Vereinnahmung versucht zu beleuchten und über die Zusammenhänge von Geld und Geldkritik aufzuklären (www.sozialoekonomie.info/Kritik___Antwort/kritik___antwort.html).

Für die praktische Umsetzung der Umlaufsicherung kommen beispielsweise Wertmarken zum Einsatz, die man kaufen und auf die Scheine kleben muss. Regiogeld-Netzwerke wie der bayerische Chiemgauer mit über 600 teilnehmenden Unternehmen haben zusätzlich auch noch elektronische Zahlungssysteme, was die Handhabbarkeit wesentlich vereinfacht.

Bereits während der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren gab es in der österreichischen Gemeinde Wörgl ein Experiment mit Umlaufsicherung, das eine erfolgreiche Anwendung fand (www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0328/tagesthema/0027/index.html). Der augenblickliche Bürgermeister von Wörgl Arno Abler hat sich erst kürzlich für die Neuauflage einer solchen Regionalwährung in seiner Gemeinde ausgesprochen (www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0404/leserbriefe/0153/index.html).

In jüngerer Zeit beschäftigten sich auch John Maynard Keynes und Bernard Lietaer wieder mit dieser Idee. Ebenso der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Barack Obama. Gemeinsam ist allen Ideen die Vorgabe, dass das Geld nicht gehortet wird, sondern im Umlauf bleiben soll.

Regiogeld zu begreifen erfordert die Fähigkeit das Geld neu denken und damit umgehen zu lernen. Die aktuelle Wirtschaftskrise scheint sowohl auf regionaler, nationaler wie auch internationaler Ebene einzelne Menschen wie auch ganze Organisationen dazu anzuregen hier alte Denkansätze neu aufzugreifen und weiterzuentwickeln.

Interessant in diesem Zusammenhang auch die Bestrebungen der Notenbank Federal Reserve, die es in Erwägung gezogen hat über Negativzins mehr Geld in Umlauf zu bringen (www.ftd.de/finanzen/maerkte/anleihen-devisen/:geldpolitik-fed-wuenscht-zins-von-minus-fuenf-prozent/505988.html). Selbst eine Organisation wie die FED beginnt also damit das bis vor kurzem noch Unmögliche zu denken. Auf den weiteren Entwicklungsverlauf der FED darf man gespannt sein.

Die schwedische Zentralbank hat den Minuszins bereits in ihren Strategieplan aufgenommen und sieht vor einen negativen Zins von minus 0,25 Prozent zu erheben (vgl. linksaktiv.de/linksaktiv/pg/blog/Ananas2009/read/75973/schwedische-zentralbank-beschliet-negativzinssatz).

Der Negativzinssatz gilt nur für Zentralbankgeld und soll die Geschäftsbanken dazu animieren ihre Liquidität nicht ständig bei der Zentralbank zwischenzuparken, sondern im "realwirtschaftlichen" Kreislauf zu belassen. Vergleichbar also mit der Umlaufsicherungsgebühr wie sie bei Regionalwährungen angewendet wird (vgl. obige Erklärungen zu Sinn und Zweck der Umlaufsicherung).

Regios – wenn das Geld im Dorf bleibt…

Neben dem wirtschaftlichen und sozialen Nutzen, bleibt das Geld auch sonst im Dorf und zwar ganz konkret: Wenn das örtliche Lebensmittelgeschäft teilnimmt, der Restaurantbe­treiber, der Frisör, der Bäcker und Metzger, dann nehmen diese Gewerbe­treibenden Euro und Regios ein. Ihre Regios werden sie aber schnell wieder ausgeben, wegen der begrenzten Laufzeit. Sie wandern also in einen anderen Laden, zu einem Hand­werker oder Unternehmen, die beim Regiogeld-Netzwerk ebenfalls teilnehmen. Darüber lassen sich Kunden/Innen binden, neue hinzugewinnen und nicht zuletzt auch zugunsten der Umwelt die Transportwege verkürzen. Wenn der Bauer beim örtlichen Bäcker einkauft und der wiederum seine neuen Regale vom Schreiner am Ort bauen lässt und dafür mit den regional begrenzten Wertgutscheinen bezahlt.

In Freiburg startete der FreiTaler im November 2008 mit knapp 30 Unternehmen (www.badische-zeitung.de/freiburg/die-suedbadische-waehrungsreform), mittlerweile sind etliche weitere dazu gestoßen. Die neue regionale Verbundenheit führt zu einem stärkeren Wir-Gefühl und zu einer starken Vernetzung all derer, die mit dabei sind. Der Waren­kreislauf wird beschleunigt, die Kundenbindung stärker.

Regionale Kreisläufe werden bei diesem Wirtschaftsverbund nachhaltig gestärkt und weiter aus­gebaut. Das hierbei entstehende Netzwerk von Unternehmen und kulturellen Ein­richtungen ist ein Zusammenschluss, der die Menschen einer Region auch bei nationalen und internationalen Finanzkrisen stärkt und auf die Infrastruktur eine stabilisierende Wirkung ausübt.

Der Chiemgauer unterstützt im sozial/kulturellen Bereich knapp 200 Vereine und Projekte vor Ort (vgl. www.chiemgauer.info/249.0.html). Wer das Geld bekommt, entscheiden die Bürgerinnen und Bürger auf Basis der direkten Demokratie selbst und zwar beim Umtausch ihrer Euro in Chiemgauer: 3 Prozent der umgetauschten Geldsumme fließt direkt den Vereinen oder Projekten zu. Für Vereine ist das ein ausgesprochen spannendes Fundraisinginstrument, das bis jetzt allerdings noch nicht all zu bekannt und entsprechend wenig genutzt wird.

Im südbadischen Raum startet in Kürze ein Geldexperiment über das sowohl den Vereinen als auch die Unternehmen die grundlegende Idee der Regiogelder vermittelt werden soll. Ziel ist es über eine Sonderedition des FreiTalers überdimensional große FreiTaler Scheine für 100 Tage innerhalb des Wirtschafstraums zirkulieren zu lassen. In dieser Zeit werden sich alle Personen(-gruppen) durch deren Hände die Scheine gehen ihren Namen als Privatperson oder Unternehmen eintragen. Die Idee ist hierbei aufzuzeigen wer alles an den Wertschöpfungsketten beteiligt ist, wie viele Akteure/Innen für das Wirtschaften erforderlich sind und wir für ein intaktes Wirtschaftssystem einander alle mit unserem Produkt- und Dienstleistungsangeboten, sowie Know-how und besonderen Qualifikationen benötigen.

Parallel zum ganz praktischen Aufzeigen dieser Wertschöpfungsketten soll eine öffentliche Diskussion über Sinn und Zweck von der wohl genialsten Erfindung der Menschen angestoßen werden: unserem Geld. Was ist das Geld? Wie funktioniert es und wie können wir es so weiterentwickeln, dass es den Menschen dient und nicht die Menschen dem Geld? Wie muss eine soziale Ökonomie aussehen, die nicht gegen, sondern für die Menschen arbeitet, ganz gleich welcher Nationalität, Kultur oder Religion sie angehören und sie in ihren Wünschen und Bedürfnissen unterstützt und nachhaltig fördert? Weitere Informationen zum Projektvorhaben sind zu ersehen unter suedbaden.business-on.de/jens-mannheim-ist-der-initiator-einer-spannenden-100-tage-freitaler-kennen-lern-aktion_id5996.html

Wo kann ich mich über Regiogeld informieren?

Allgemeine Informationen zum Regiogeld sind zu ersehen über die Website des Bundesverbandes der Regiogeldinitiativen: www.regiogeld.de

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Finanzpolitik | Jens Mannheim | weiterempfehlen →