Raum für eigene Entwicklungen

10.02.2011 | Christine Ax

Ägypten, Tunesien, Jordanien ... Ja, die Menschen auf den Straßen dort haben Recht: Die Politik des Westens ist abgrundtief verlogen. Unliebsame Diktatoren werden niedergebombt. Gefügige Diktatoren, die den Zielen des Westens nützen, werden auch gegen den Willen des Volkes an der Regierung gehalten und mit Waffen versorgt.

Staunend können wir im Fernsehen beobachten, wie auch die angeblich unwissend gehaltenen und unterdrückten Moslems – Männer und Frauen – sich erheben und für Demokratie und ein besseres Leben kämpfen. Marokkaner, Ägypter, Tunesier und Algerier wollen eine Zukunft und ich frage mich mit Ihnen, wie kann sie aussehen? Und wie kann eine demokratisch gewählte Regierung diese Probleme lösen? In welchem Zeitraum?

Die Rahmenbedingungen, unter denen nachholende wirtschaftliche Entwicklungen heute möglich sind, sind nicht mehr zu vergleichen mit den 70er oder 80er Jahren. Das Fell des Bären ist verteilt. Exportstarke Nationen wie Deutschland, Japan, China haben die Weltmärkte unter sich aufgeteilt. Es gibt kaum etwas, das China nicht billiger und Deutschland oder Japan nicht besser könnten. Ohne dass sich in Westeuropa etwas ändert, kann das Leben für die meisten Menschen in Afrika nicht dauerhaft besser werden. Es sei denn, wir bekommen das Finanzkapital in den Griff und stellen diesen Ländern die Ressourcen und das Know-how zu Verfügung, dass sie für eine nachhaltige Entwicklung brauchen.

Denn solange unser Wirtschaftsmodell darauf basiert, dass wir auf Kosten anderer Regionen dieser Erde und – wegen des übergroßen ökologischen Fußabdrucks – auf Kosten der Zukunft leben, sind wir Teil des ägyptischen und tunesischen Problems, sind wir mitverantwortlich für Armut und Hoffnungslosigkeit in diesen Regionen.

Das schlimmste daran ist: Es wird noch schlimmer kommen. Wie viele Experten glaube auch ich nicht daran, dass wir das zwei-Grad Ziel für die Klimaerwärmung einhalten können. Drei Grad? Vielleicht. Was das bedeutet, davon können die Menschen in Pakistan und Australien im Moment ein Lied singen. Und ich glaube auch nicht daran, dass die Entkoppelung des Wirtschaftswachstums von Ressourcen gelingt. Wir sollten uns von dem Kinderglauben verabschieden, in Zukunft würde immer alles besser. Realistischer ist, dass viele Regionen unserer Erde den Kampf gegen die losgetretenen Kräfte der Natur gar nicht gewinnen können oder vielleicht schon verloren haben (Pakistan).

Eine faire Antwort auf die Rufe der Menschen in Ägypten wäre eine friedliche Revolution hier in Deutschland und Europa mit dem Ziel, gesellschaftliche Verhältnisse herzustellen, die wir für ein gutes Leben – jenseits des alten Wachstumsmodells – brauchen: Mehr Gleichheit, Arbeitszeitverkürzungen in Verbindung mit einem bedingungslosen Grundeinkommen und eine Suffizienzrevolution, die unseren Lebensstil zukunftsfähig macht und auch anderen Regionen diese Erde Raum lässt für ihre eigene Entwicklung.

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