Random-Demokratie

21.11.2008 | Wilfried Giard

Die Random-Demokratie (random englisch für zufällig) ist eine Herrschaftsform, in der Entscheidungen durch jeweils speziell gebildete Gremien getroffen werden. Die Mitglieder eines solchen Gremiums werden nach verschiedenen Kriterien per Computer aus der Gemeinschaft ausgewählt. Alle Vorgänge in dem Zusammenhang werden durch speziell dafür zuständige Angestellte betreut.

Im Folgenden wird das System für einen Staat orientiert am Werdegang eines Antrags beschrieben. Es ist aber auch auf andere Bereiche übertragbar.

Ich beschreibe hier das Prinzip und Merkmale, die ich für wesentlich halte. Selbstverständlich bedarf es detaillierterer Regelungen, die teilweise auch erst anhand von Erfahrungen mit einem solchen System aufgestellt werden können.

Begriffsübersicht

Randomee – Entscheider

Randomeenrat - Entscheidungsgremium

Perduktor – Betreuer (lateinisch perductor – Fremdenführer)

Perduktorium – Behörde zur Bearbeitung von Anträgen

Perduktorium und Randomeenräte

Zuständigkeit eines Randomeenrats

Das Perduktorium mit den Randomeenräten ersetzt die Parlamente und Gemeindevertretungen.

Beispielsweise für folgende Entscheidungen wird jeweils ein Randomeenrat gebildet:

  • Verabschiedung eines Gesetzes
  • Wahl in ein öffentliches Amt oder Abwahl davon (Minister, Bürgermeister, Richter usw.)
  • Bestätigung oder Zurückweisung einer Verwaltungsentscheidung

Das bedeutet, dass in der Demokratie typischerweise als politische Entscheidungen angesehene Fragen (z.B. Haushaltspläne) zunächst von der zuständigen Verwaltung vorentschieden werden. Danach kann in einer Einspruchsfrist durch einen Antrag ein Randomeenverfahren in Gang gesetzt werden. Wenn dies nicht geschieht, werden sie wirksam. Ein Randomeenverfahren hat also aufschiebende Wirkung.

Es können zwar beliebig danach noch Anträge gestellt werden, in der Behandlung sind dann aber zwischenzeitlich eingetretene Wirkungen zu berücksichtigen.

Transparenz

Fast alle Unterlagen im staatlichen Bereich sind über das Internet allen Bürgern zugänglich. Außer von einzelnen Bürgern und Zusammenschlüssen von Bürgern werden die Behörden auch von staatlichen und ehrenamtlichen Einrichtungen kontrolliert.

Antragstellung

Jeder kann jederzeit schriftlich Anträge an das Perduktorium stellen. Darüber hinaus ist das Perduktorium generell als Mittler zu Behörden tätig.

Antragseingang

Im Perduktorium werden eingehende Anträge durch Perduktoren bearbeitet. Er prüft als erstes, ob der Antrag klar formuliert ist. Gegebenenfalls muss er sich mit dem Antragsteller in Verbindung setzen und ihn bei der Formulierung unterstützen.

Oft sind die Eingaben nur, ggf. mit einer Terminsetzung, an eine zuständige Einrichtung zur Bearbeitung bzw. zu einer Stellungnahme weiterzuleiten oder der Antrag wird einem spezialisierten Perduktor übergeben.

Auch der Verweis des Antragstellers an ein Gericht ist möglich.

Ablehnung von Anträgen

Hält der Perduktor einen Antrag für aussichtslos, muss er dies dem Antragsteller darlegen mit der Empfehlung, den Antrag zurückzuziehen. Er kann auch Vorschläge zur Abänderung des Antrages unterbreiten. Bleibt alles erfolglos oder sieht er den Antrag als unsachlich an, so kann er ihn ablehnen.

Gegen die Ablehnung kann der Antragsteller Widerspruch einlegen, über den dann ein Oberperduktor entscheidet. Lehnt dieser ihn ebenfalls ab, so kann der Antrag noch zur Unterstützungssammlung ins Internet gestellt werden. Die Anzahl der notwendigen Unterstützungsstimmen ist gesetzlich festgelegt.

Wird hier die notwendige Unterstützung erreicht, muss ein Randomeenverfahren eingeleitet werden.

Ein wichtiger Ablehnungsgrund ist eine bereits durch einen Randomeenrat getroffenen Entscheidung, wenn keine neuen Gesichtspunkte zu deren Entscheidungsbasis hinzugekommen sind.

Bedeutung eines Antrags

Der Perduktor muss einen Antrag nach seiner Bedeutung einstufen. Dafür muss er schätzen, wie viele Menschen von den Auswirkungen betroffen sind und mit welcher Schwere ein Einzelner durchschnittlich betroffen ist.

Randomeenrat

Anträge werden von einem Randomeenrat entschieden. Für jeden Antrag wird eigens ein Randomeenrat zusammengestellt. Die Anzahl der Randomeen wird vom Perduktor festgelegt. Für einige Vorgänge, z.B. die Verabschiedung von Gesetzen ist eine Mindestanzahl vorgegeben. Das Optimum für ein Randomeenverfahren mit möglichst geringem Gesamtaufwand muss er dafür abschätzen.

Auswahl der Randomeen

Ein Randomeenrat wird per Computer zusammengestellt. Die Auswahl wird nur über die vorgegebenen Kriterien gesteuert. Das heißt, von Menschen kann nicht direkt eine Person für einen bestimmten Randomeenrat gewählt werden werden.

Nach erfolgreichem Abschluss der zehnten Klasse wird automatisch jeder Bürger gefragt, ob er bereit ist, als Randomee tätig zu werden. Mit seinem Einverständnis muss er einen oder mehrere Entscheidungsbereiche angeben, für die er tätig sein möchte. Diese Antworten kann er jederzeit ändern.

Aus den Kandidaten werden die Randomeen vom Computer so ausgewählt, dass sie möglichst gut folgenden Kriterien entsprechen:

  • Es wird eine möglichst gleiche Belastung in der Randomeetätigkeit angestrebt.
  • Der Kandidat muss seine Bereitschaft erklärt haben.
  • Der Entscheidungsbereich soll passen.
  • Der Kandidat soll der Vorgabe Betroffener/nicht Betroffener entsprechen.
  • Beispielsweise werden bei Geschmacksfragen zur Gestaltung eines Wohngebiets Betroffene herangezogen, ansonsten aber meist möglichst nicht Betroffene.
  • Der Bedeutung der Entscheidung soll entsprechen, inwieweit sich der Kandidat bereits bewährt hat.
  • Anfänger werden für Anträge von lokaler oder begrenzter Bedeutung herangezogen, die bewährtesten Randomeen für Gesetze und andere wichtige Entscheidungen.
  • Es wird eine möglichst gleiche Belastung in der Randomeetätigkeit angestrebt.
  • Im Rahmen der Eingrenzung, kommt eine Zufallsauswahl zum Tragen.

Arbeitsweise des Randomeenrats

Das gesamte Entscheidungsverfahren wird über das Internet geführt. Es ist für jedermann einsehbar; es kann sich jeder an der Diskussion beteiligen. Normalerweise gibt es nur schriftliche Darlegungen. Bei Eilentscheidungen kann es auch eine Konferenzschaltung geben.

Ein oder mehrere Perduktoren betreuen das Entscheidungsverfahren. Insbesondere ordnen sie alle Unterlagen und verfassen Zusammenfassungen der eingehenden Diskussionsbeiträge.

Über den Perduktor können die Randomeen Stellungnahmen von Experten anfordern.

Die Randomeen sind verpflichtet, alle Entscheidungsunterlagen und mindestens die Zusammenfassung der Diskussionsbeiträge zu lesen.

Zwischenabstimmungen zu Antragsteilen, Formulierungen und den Ablauf des Verfahrens sind jederzeit möglich.

Abstimmungen

Es wird immer offen und namentlich abgestimmt. Auf Anfrage muss ein Randomee sein Abstimmverhalten schriftlich begründen.

Bei Eilentscheidungen und zum Verfahrensablauf wird mit einfacher Mehrheit entschieden.

Ansonsten gilt die Zehnerregel. Das bedeutet, dass zur Annahme eines Antrags mindestens zehn Stimmen mehr dafür als dagegen abgegeben werden müssen. Ein Antrag ist nur dann abgelehnt, wenn mindestens zehn Stimmen mehr dagegen als dafür sind. Damit soll der Zufallseinfluss gering gehalten werden.

Unentschiedene Abstimmung

Gibt es keine Zehnermehrheit für oder gegen den Antrag, entscheidet der Perduktor, der das Verfahren betreut, über das weitere Vorgehen.

Er hat folgende Möglichkeiten:

  • Die Diskussionsphase wird wieder eröffnet, meist mit Anforderung von Gutachten oder nach Modifikation des Antrags in Abstimmung mit dem Antragsteller. Der Antragsteller kann seinen Antrag natürlich auch schon früher modifizieren.
  • Die Entscheidung wird verschoben. In der Zwischenzeit kann der Perduktor Untersuchungen zur Verbesserung der Entscheidungsgrundlage in Auftrag geben oder selbst durchführen.
  • Der Randomeenrat wird vergrößert. Dabei werden bewährte Randomeen hinzugezogen. Bei einer erneuten Abstimmung können die bisherigen Randomeen unabhängig von ihrer vorigen Entscheidung abstimmen.

Perduktoren

Wie alle Verwaltungsentscheidungen können auch die Entscheidungen der Perduktoren per Antrag an das Perduktorium beanstandet werden.

Leistungsprinzip

Es gilt grundsätzlich das Leistungsprinzip. Die Tätigkeiten werden anhand ihrer Auswirkungen in angemessenem zeitlichem Abstand bewertet, sofern dies sinnvoll möglich ist. Der Perduktor legt für eine Randomeenratsentscheidung einen Überprüfungstermin fest, an dem sie bewertet wird oder ein neuer Termin festgelegt wird.

Für die Bewertung gibt es ein Institut, das sowohl Bewertungen organisiert als auch wissenschaftlich forscht und Methoden entwickelt.

Insbesondere die Tätigkeit in öffentlichen Ämtern, die der Randomeen und der Perduktoren werden bewertet.

So gehört es auch zur Randomeetätigkeit am Ende des Verfahrens die Betreuung durch den Perduktor zu bewerten.

Die Bewertungen schlagen sich im Entgelt nieder. Das leistungsabhängige Entgelt kommt also erst zeitlich verzögert zum Tragen.

Bei den Randomeen werden die Bewertungen als Maß ihrer Bewährung für die Auswahl bei künftigen Einsätzen berücksichtigt.

Anträge, die einen deutlichen Nutzen für die Allgemeinheit zur Folge haben, werden ebenfalls bewertet und prämiert.

Staatsapparat

Der Staatsapparat ist wie im Prinzip allgemein üblich territorial und fachlich hierarchisch gegliedert. Die Verwaltungen sind der entsprechenden nächst höheren Ebene unterstellt. An der Spitze der territorialen Unterstellungen steht ein Strukturministerium, das vom Regierungschef geleitet wird. An der Spitze der fachlichen Unterstellungen steht das zuständige Ministerium.

Bis auf die Verabschiedung von Gesetzen und die Besetzung von Leitungsfunktionen entscheidet die Verwaltung selbstständig und ist somit voll handlungsfähig.

Anstelle der gewählten Volksvertretungen gibt es ehrenamtliche Beratungsgremien für die staatliche Leiter unterhalb der Ministerien. Die Mitglieder dieser Beratungsgremien werden von dem entsprechenden Leiter berufen.

Alle Verwaltungsentscheidungen können durch Randomeenratsentscheidungen aufgehoben oder abgeändert werden. Damit auch entsprechende Anträge gestellt werden können, gilt eine weit reichende Transparenz im öffentlichen Dienst über das Internet. Geheimgehalten werden nur Unterlagen, durch deren Veröffentlichung der Zweck wesentlich beeinträchtigt wird (z.B. Aufklärung von Verbrechen) oder ein erheblicher Schaden einträte (z.B. patentwürdige Forschungen). Sobald die Gründe entfallen, sind die Unterlagen natürlich öffentlich zugänglich zu machen.

Wahlen

Für die Wahl in ein öffentliches Amt wird jeweils ein Randomeenrat gebildet. Als Kandidat kann sich jeder bewerben, der die Ausschreibungsbedingungen erfüllt. Er unterwirft sich damit der öffentlichen Erörterung seiner bisherigen beruflichen Tätigkeit im Randomeenverfahren.

Ein Perduktor überprüft die Einhaltung der Ausschreibungsbedingungen. Wenn viele Bewerbungen eingehen, trifft er eine Vorauswahl. Wenn zu wenige Bewerbungen eingehen, wirbt er direkt oder indirekt für weitere Bewerbungen.

Regierung

Die Minister bilden die Regierung. Ein Minister wird durch einen Randomeenrat berufen (siehe Wahlen).

Die Regierung wird durch den Regierungschef geleitet. Der Regierungschef hat koordinierende Befugnisse. Weisungsbefugt ist er in ressortübergreifenden Fragen. Er kann die Zuständigkeit für eine ressortübergreifende Frage einem Minister übertragen.

Es gibt kein Parlament. Statt der Rechenschaftspflicht gegenüber einem Parlament besteht eine Rechenschaftspflicht gegenüber der Bevölkerung. Über die routinemäßigen Berichte hinausgehende Anfragen werden über das Perduktorium koordiniert, gebündelt, sofern ein Ministerium zuständig ist, an dieses weitergeleitet und die Beantwortung kontrolliert.

Gedanken zur Gewaltenteilung

Die Gewaltenteilung geht über das in den realen Demokratien übliche hinaus. Innerhalb eines Ressorts entscheidet jeder Minister eigenverantwortlich. Andererseits ist er Randomeenratsentscheidungen unterworfen. Diese können von jedem Bürger und natürlich auch von jedem Minister initiiert werden. Das gilt auch für Personalentscheidungen.

Die Randomeenräte sind wechselnd zusammengesetzt. Dementsprechend gibt es kein personenbezogenes Entscheidungsmonopol.

Erste Diskussionen

Ideologie

Die Random-Demokratie kombiniert optimal Volksnähe und Effizienz staatlicher Entscheidungen.

Jeder hat die Chance staatliche Entscheidungen zu treffen. Jeder kann sich in die Meinungsbildung für Entscheidungen einbringen. Somit besteht eine besonders breite personelle Basis.

Gleichzeitig besteht auch für die beste Entscheidung die größte Chance, zum Zuge zu kommen.

Die Random-Demokratie ist eine konsequente Umsetzung des Leistungsprinzips zum Wohle des Volkes.

Vergleich mit realen Demokratieformen

Die Demokratie (gemeint sind die realen Demokratieformen) gilt weithin als die bisher beste Herrschaftsform. Wenn ich behaupte, dass die Random-Demokratie besser ist, so ist ein Vergleich mit den realen Demokratien angebracht. Mir ist bewusst, dass ein Vergleich einer realen Form mit einem theoretischen Gebilde problematisch ist. Andererseits glaube ich, dass die wesentlichen Nachteile der realen Demokratien systembedingt sind.

Direkte Demokratie ist nur für kleine Bevölkerungseinheiten oder komprimierte Fragestellungen praktikabel. Diese Einschränkung gilt für die Random-Demokratie nicht. Darüber hinaus sind Entscheidungen in der direkten Demokratie oft zu emotional oder propagandistisch beeinflusst und dann im Ergebnis nicht immer den Interessen der Abstimmenden entsprechend. Dieses Risiko ist bei den Randomeen wie auch bei gewählten Volksvertretern wesentlich geringer.

Gegenüber repräsentativen Demokratieformen sehe ich in der Random-Demokratie, insbesondere gegenüber der in Deutschland herrschenden Parteiendemokratie, deutliche Vorteile.

Ein Hauptvorteil ist sicherlich, dass Entscheidungen weitgehend frei von sachfremden Zwängen getroffen werden, wie Lobbyismus, Fraktionszwang, Machtinteressen der Parteien, Versorgungsmentalität der Parlamentarier.

Außerdem werden die Entscheidungen von denen getroffen, die sich mit dem Sachverhalt beschäftigt haben. Im Parlament besteht immer das Risiko, dass eine Entscheidung anders fällt, als es im Ausschuss herausgearbeitet wurde.

Ferner gibt es noch das Problem der Wahlen selbst, wodurch eben nicht die Geeignetsten und Fähigsten die beste Chance haben, ins Parlament zu kommen. In der Random-Demokratie stehen die Chancen bei der Randomeenauswahl dafür mindestens bezüglich wichtiger Entscheidungen wesentlich besser.

Transparenz

Ist eine Offenlegung von Akten sinnvoll? Sind nicht "geheime" Beratungen besser? Kann es nicht kontraproduktiv sein, wenn eine unausgereifte Idee vorab veröffentlicht wird (z.B. Gesetzgebungsideen)?

Die Bedenken auch zu Vorgängen in Behörden kann ich überhaupt nicht verstehen. Natürlich muss niemand Ideen veröffentlichen. Wenn ein Gesetzentwurf aber zu einem Vorgang in einem Ministerium wird, sollte er öffentlich werden. Ich sehe nicht, was dagegen spricht.

Eine einseitige Transparenz haben wir mit den über einhundert in Ministerien als so genannte Leihbeamte Beschäftigten, das sind von der Wirtschaft bezahlte Lobbyisten. Deren Wissensvorsprung ist eine wirklich schlimme Verletzung demokratischer Grundsätze. Wobei ich die verdeckte Einflussnahme als das eigentliche Problem ansehe.

Anträge

Kann es nicht sein, dass das System durch zu viele Anträge zusammenbricht oder ineffektiv wird?

Ein zuviel befürchte ich nicht. Ehe es zu einem Randomeenrat kommt, müssen auch Hürden genommen werden. Unsinnige Anträge haben geringe Chancen und sinnvolle Anträge sind immer wünschenswert.

Außerdem wird auch ein Randomeenverfahren in einfachen, klaren Fällen sehr schnell ohne wesentliche zeitliche Belastung der Beteiligten abgeschlossen sein.

Ablehnung von Anträgen

Soll einer schriftlichen Ablehnung ein Gespräch des Perduktors mit dem Antragsteller vorausgehen?

Ich habe es so formuliert, dass es offen ist, ob der Perduktor sich mündlich, schriftlich oder gar nicht mit dem Antragsteller vor einer Ablehnung in Verbindung setzt. Da muss man Erfahrung sammeln. Zuerst kann man es auch dem Ermessen des Perduktors anheim stellen.

Vergütung der Randomeen

Eine großzügige Erstattung des Aufwandes bzw. von Verdienstausfall erscheint mir angebracht. Weiteres muss die Erfahrung zeigen.

Voreingenommenheiten der Randomeen

Besteht nicht die Gefahr, dass Leute mit bestimmten Voreingenommenheiten sich bevorzugt für entsprechende Entscheidungsbereiche zur Verfügung stellen und dadurch in den Randomeenräten verschobenen Verteilungen und in der Folge unsinnige Entscheidungen zustande kommen?

Die Bereiche, zwischen denen man wählen kann, können z.B. die Fachgebiete der Ministerien sein. Sie sind also so umfassend, dass vorgefasste Meinungen durch eine Auswahl des Bereiches kaum zum Tragen kommen. Die Bereitschaft für einen Randomeenrat ist freiwillig, auch noch, wenn das Thema bekannt ist. Solange es genügend Kandidaten für eine echte Auswahl gibt, ist eine Ungleichverteilung auf die Entscheidungsbereiche aus meiner Sicht unproblematisch. Wer öfter einbezogen werden möchte, kann dies dadurch beeinflussen, dass er einen Entscheidungsbereich mit relativ wenigen Kandidaten wählt. Darin sehe ich keinen Nachteil.

Manipulation eines Randomeenrats

Eine Manipulation, um die Zusammensetzung des gesamten Randomeenrats zu beeinflussen ist genauso wie eine nicht argumentative Beeinflussung natürlich strafbar. Hier besteht das Kriminalitätsproblem wie in jedem Staat.

Repräsentativität

Auf Grund der einschränkenden Bedingungen für die Auswahl kann diese doch nicht repräsentativ für die Bevölkerung sein.

Dass die Menge der Kandidaten nicht repräsentativ für die Bevölkerung ist, halte ich sogar für erstrebenswert, da ich der Mehrheit der Bevölkerung unterstelle, dass sie sich für eine fundierte Meinung unzureichend mit den politischen Themen befasst.

Meine Hoffnung geht dahin, dass Mitglieder eines Randomeenrats durch Auseinandersetzung mit Argumenten mehrheitlich zu einer vernünftigen Entscheidung kommen. Mindestens denke ich, dass die Chancen für eine vernünftige Entscheidung keinesfalls schlechter sind als jetzt in den Parlamenten und Gemeindevertretungen.

Lobbyismus

Dass Einzelne oder Vertreter von Gruppen ihre Argumente einbringen, ist sinnvoll und erwünscht.

Einen Lobbyismus im Sinne einer reinen Interessenvertretung für andere, insbesondere mit nichtargumentativen Mitteln, sollte man verbieten (nicht nur in der Random-Demokratie). Die Durchsetzung eines solchen Verbots stellt sich wie bei der Kriminalitätsbekämpfung überhaupt dar.

Pflichtlektüre

Es ist klar, dass die Pflicht zum Studium der Unterlagen kaum überprüfbar ist. Trotzdem halte ich sie für sinnvoll, um nachdrücklich darauf hinzuweisen, was von einem Randomee erwartet wird. Ich verspreche mir mindestens eine moralische Wirkung.

Kontinuität politischer Entscheidungen

Wird es nicht durch den ständigen Wechsel der Randomeenräte zu einem Verlust an Kontinuität und zum Fehlen einer übergeordneten Linie kommen?

Einerseits gibt es wie auch jetzt natürlich eine gewisse Kontinuität durch die Bediensteten des Staatsapparates. Andererseits glaube ich nicht, dass die Situation schlimmer wird als zur Zeit. Ein Parteienwechsel in der Regierung reicht doch teilweise bereits für eine völlige Umkehr. Ja selbst ein propagandistischer Coup reicht doch manchmal bereits für ein Umschwenken (z.B. Verlängerung der Bezugsdauer für ältere Arbeitslose). Ich glaube nicht, dass ein zufällig zusammengestellter Randomeenrat auch so zufällig entscheidet. Ich denke, dass da allgemeine Grundüberzeugungen sowohl in der Bevölkerung als auch in Fachkreisen und bei Wissenschaftlern einen regelnden Einfluss haben.

Widersprüchliche Entscheidungen

Kann es nicht geschehen, dass zwei Randomeenräte gleichzeitig Entscheidungen treffen, die sich ausschließen oder in ihrer Wirkung widersprüchlich sind?

Widersprüchliche parallele Entscheidungen durch zwei Randomeenräte halte ich für sehr unwahrscheinlich. Solche Fälle werden durch klare Zuständigkeiten vermieden (Staat, Land, Kreis, Kommune, Fachbereich). Solche Zuständigkeitsbereiche muss es natürlich auch im Perduktorium geben. Ggf. müssen solche Fälle wie auch jetzt im Nachgang bereinigt werden. Durch die Zentralisierung im Perduktorium sind sie sogar eher zu vermeiden, als in den deutschen Behörden mit ihrer völlig unsinnig zersplitterten EDV-Landschaft. Zusätzlich besteht durch die Öffentlichkeit eine größere Chance als jetzt, dass derartige Fälle rechtzeitig bemerkt werden.

Verfassungsänderung

Statt der Zehner- ist eine höhere Differenz zu fordern.

Zehnerregel

Ich gehe von einer großen Grundgesamtheit von Leuten aus, die bereit sind sich gründlich mit einem Thema zu beschäftigen und die ihre Lebenserfahrung einbringen. Die beste Entscheidung würde dann zustande kommen, wenn man alle abstimmen lässt. Um es praktikabel zu gestalten, nimmt man eine Stichprobe. Es ist klar, je näher die Abstimmung in der Grundgesamtheit an 50 % ist, desto größer muss eine repräsentative Stichprobe sein. Die Zehnerregel trägt dem Rechnung und ist gleichzeitig einfach und übersichtlich.

Chancen der Verwirklichung

Die Random-Demokratie sehe ich als eine utopische Vorstellung an. Damit meine ich, dass die Chancen für eine Verwirklichung äußerst gering sind. Zwar bin ich überzeugt davon, dass eine Random-Demokratie mindestens genauso stabil ist, wie die realen Demokratien. Aber ihre Einführung dürfte auf den erbitterten Widerstand aller Herrschenden stoßen. In der repräsentativen Demokratie sind dies die Parteien und die Wirtschaft, die ihre Einflussmöglichkeiten im Wesentlichen verlieren würde. Dies sind auch die Gruppen, die die Ausrichtung der Medien bestimmen. Deren entsprechende Meinungsbildung spielt aus meiner Sicht eine herausragende Rolle in der Verhinderung derartiger grundlegender Veränderungen.

Aber völlig ausgeschlossen ist die Verwirklichung einer Random-Demokratie nicht. Vielleicht entwickelt sich in einem kleinen Land oder in einem Konzern eine Konstellation für eine entsprechende Änderung.

Wenn dort die Gesellschaft mit diesem Herrschaftssystem besonders prosperiert, wird auch eine Ausbreitung wahrscheinlich.

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