Quo vadis?

24.04.2013 | Norbert Rost

Wenn man Meldungen liest, auf europäischer Ebene diskutiere man darüber, nur noch bürokratisch vorgegebenes Saatgut nutzen zu dürfen, fragt man sich: Wohin sind wir eigentlich unterwegs? Essen muss jeder. Essen wächst nicht in Supermärkten. Sicher? Wenn ich nur noch Samen ausbringen darf, der auf irgendeiner Liste steht, stellt sich die Frage: Wozu dient diese Liste? Soll sie genetisch veränderte Samen verhindern? Oder soll sie nur noch solche Samen ermöglichen, auf die irgendein Saatgut-Konzern Lizenzen vergeben kann?

"Abseitige" Geister sprachen Anfang der Jahrtausendwende von "Privatisierung". Als Schimpfwort. Da ging es um den Verkauf von kommunalem Eigentum, Verkauf von lokalen und regionalen Grundversorgungssystemen. "Anfassbare Ware". Mit der Besonderheit: Anfassbar aber nicht wegschleppbar. Also im Grunde auch "Lizenzen": Denn ein "Käufer" eines Stadtwerks bringt dieses ja nicht an einen anderen Ort, sondern er erhält das Recht, über die Arbeitsweise des Gekauften zu bestimmen. Lizenzen auf Grundversorgungssysteme. Lizenzen auf Saatgut. Was kommt als nächstes?

Wir wissen um die Schuldenkrise in Europa. Und meist werden dabei die Schulden der Staaten und die Schulden irgendwelcher Banken genannt. Die Schulden der Kommunen interessiert bislang kaum jemanden. Meine Heimatstadt Dresden hat sein großes Wohnungsunternehmen vor einigen Jahren verkauft, hat 1,7 Milliarden Euro dafür bekommen. Eine davon ist zur Tilgung der städtischen Kredite draufgegangen und 700 Millionen hat man wohl in den letzten Jahren ordentlich ausgegeben. Neue Schulden in Sicht, weil Kontostand gen Null. Was verkaufen wir als nächstes? Und was tauschen eigentlich all die anderen Kommunen gegen ihre Schuldenfreiheit künftig ein? Und noch viel wichtiger: Wem gehören dann eigentlich unsere Städte?

Niko Paech betont in seinen gutbesuchten Vorträgen die "Fremdversorgungswirtschaft" in die wir uns hineingewachsen haben. Noch vor wenigen Jahrzehnten lebte ein großer Teil der Bevölkerung in und von der Landwirtschaft. Die regionale Landwirtschaft war bis dahin der Versorger der regionalen Bevölkerung. Heute sterben die ländlichen Regionen aus, weil alle in der Stadt leben (wollen?). Uns versorgt eine globale Landwirtschaft und nur noch ein Bruchteil der Menschen ist in dieser Branche beschäftigt. Die Ketten (http://www.youtube.com/watch?v=1TfmocIXeLE), aus denen unser Essen letztlich verarbeitet, verpackt und vermarktet zu uns kommt, werden immer länger. Ich will mir gar nicht vorstellen was passiert, wenn diese Ketten irgendwann mal reißen. Beispielsweise weil wieder irgendein Virus irgendeinen globalen Ölversorger lahmgelegt hat. Was werden wir dann essen?

Mit Lebensmitteln verkaufen wird man offenbar reicher, als mit Lebensmitteln anbauen. Siehe Aldi. "Die Reichsten Deutschen." Von Uli Hoeneß war letztens zu lesen, er hätte hunderte Millionen Euro irgendwo gebunkert. Ich finde es bereits merkwürdig, dass wir alle, die so wahnsinnig weit weg sind von hunderten Millionen Euro, dies überhaupt für akzeptabel halten: Dass ein Einzelner soviel Kohle haben darf. Aber natürlich ist auch die Frage spannend, wie jemand, der seinen Alltag mit Fußballspielen verbringt, einer Gesellschaft soviel geldwert sein kann. Natürlich: Aus ökonomischer Sicht gilt: "Angebot & Nachfrage!" So lautet der eher schwache Erklärungsversuch, der manchmal eher nach einer Entschuldigung dafür klingt dass man keine bessere Erklärung zur Hand hat. Der Akt der Steuerhinterziehung ist im Vergleich doch eine eher unspannende Frage! Wer genügend Geld hat kann sich die passenden Berater kaufen und es gilt das Opportunitätskostenprinzip: Wenn die Kosten für den Trupp an Rechts- und Steuerberatern geringer sind als die eingesparte Steuerlast, fällt die Wahl nicht schwer. Es darf vermutet werden: Kreative Steuersparmodelle sind auf Ebene Hoeneß, Aldi & Co. eher Standard als die Ausnahme.

Hundert Millionen Euro entspricht 2000 Mannjahren, wenn jedem Mann für jedes Jahr 50.000 Euro gezahlt werden. Das entspricht 20 Menschen, die ihren Käufer 100 Jahre lang begleiten. Oder, falls dieser erst mit 20 Millionär geworden ist und mit 70 die Bühne verläßt: 40 Menschen über 50 Jahre. Man sagt, die Sklaverei wäre abgeschafft, aber es führt nicht zu gesellschaftlichen Debatten, dass jeder mit Geld über die Lebenszeit anderer relativ frei verfügen kann - insbesondere ab gewissen Vermögenshöhen. Geld kauft Menschenzeit. Da kein Mensch in einem Fremdversorgungssystem auskommt, ohne seine Lebenszeit an andere Spezialisten innerhalb des Fremdversorgungssystems zu verkaufen, liegt so etwas wie "relative Sklaverei" vor, wenn eine bestimmte Vermögenskonzentration erreicht ist. Dann kaufen Plutokraten die Lebenszeit aller anderen. Und richten sie auf ihre Ziele aus.

Dabei wächst der Anspruch auf anderer Menschen Lebenszeit mit der Höhe der Vermögen weiter an. Sogenannte "Kapitalerträge", gewonnen aus Käufen von Stadtwerken und Wohnungsunternehmen und bezahlt von den Mietern und Kunden dieser Grundversorgungssysteme, sorgen für einen beständigen Zufluss von Geld zu den Vermögen. Die Oligarchen unserer Zeit müssen ihr Vermögen also nicht einmal ausgeben, die Spielregeln der Eigentumsstrukturen spülen ihnen ständig neue Lebenszeitansprüche aufs Konto. Und versteckt hinter Bankgeheimnissen und Stiftungen müssen sie ihren Sklaven nicht einmal in die Augen sehen, wenn sie übere deren Lebenszeit verfügen.

Pflanzensamen nur noch mit Lizenz, Fremdversorgungswirtschaft mit Fallhöhe, Städte gehören nicht ihren Bewohnern, Fußballspieler als gesellschaftliche Spitze, Steuersparmodellsport, monetäre Sklaverei: Wohin gehen wir eigentlich?

Oft wird an dieser Stelle ja eher eine andere Frage im Kopf aufgerufen: "Wer ist schuld?" Oder neudeutsch: Cui bono? Die Frage, wem es nützt, führt irr. Weil sie so offensichtlich ist: Natürlich profitieren vor allem jene, die viel haben. Der noch aus dem Kindergarten stammende Lösungsreflex auf diese Erkenntnis wäre "Meine!" und eine zugreifende Hand: Wegnehmen! Doch vielleicht wollen wir ja vom Menschen genetisch verändertes Samenmaterial auf den Äckern rund um unsere Städte, Fußballspieler als modernen Adel, Trinkwasser vom umsorgenden Investment-Bruder, klare Führung durch die Geldspur und ein für jedermann erstrebenswertes Menschenbild, den smarten Homo Aurum? Wer jetzt vorschnell "Nein!" schreit, der sei erinnert: Aber genau in diese Richtung hat sich unsere Gesellschaft aus der Vergangenheit kommend entwickelt! Wer "Nein!" ruft muss Antworten geben: Was wollen wir denn dann? Und wer ist überhaupt "wir"? Der Ruf nach der "D-Mark" als deutsches Heilmittel klingt von heute aus betrachtet ungefähr so naiv wie der Ruf nach Honnis Reich. Als hätte es unter Kohl keine Korruption gegeben und unter Honnecker nur umweltfreundliche Produktion. Als wäre Technisierungsfimmel, Bürokratie und Kochtopfbomben mit einer Währungsumstellung behebbar. Oder das Fernsehprogramm.

Wer kein Ziel hat, weiß nicht, wohin er seinen nächsten Schritt setzen soll. Gesellschaftlich sind wir schon deshalb bankrott, weil unser einzig offen benanntes Ziel die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts ist. Damit die Lebenszeitumverteilung störungsfrei weitergeht. Das ist armselig. Und zwar weltweit. Unsere Zukunftsbilder beschränken sich auf die Rente mit 65, iClocks und stadtnahe Häuschen mit gutem Anschluss. Ob dies angesichts klimatischer Schwankungen, Schulden- und Psychokrise ausreicht, darf bezweifelt werden.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Gesellschaftspolitik | Norbert Rost | weiterempfehlen →