Psychotherapeut gesucht!

12.01.2006 | Thomas Koudela

Resozialisierungsgedanken für den Konzernkapitalismus

Im Jahre 2004 wurde in Kanada eine Dokumentation über den Kapitalismus mit dem Titel "The Corporation" veröffentlicht. Eigentlich nichts Ungewöhnliches: Die üblichen Verdächtigen in Sachen Kapitalismuskritik, wie Michael Moore und Noam Chomsky, haben Gastauftritte.

Es wird an einem Beispiel gezeigt, wie auf Druck der Industrie absichtlich falsche Informationen über die Medien gestreut und Forschungsergebnisse unterdrückt werden, obwohl Menschenleben auf dem Spiel stehen. Es werden mal wieder ein paar abscheuliche Dinge in Zusammenhang mit dem globalen Kapitalismus und den Drittweltländern gebracht. Es werden dutzende bekannte Konzerne, die Gesetze gebrochen haben und rechtskräftig verurteilt wurden, aufgezählt. Alles Dinge, die für keinen wirklich neu sein dürften. Und doch hat der Film mich nachhaltig beeindruckt. Warum? Er beleuchtet Altbekanntes in neuem Licht. Einen besonders faszinierenden Gedanken möchte ich hier aufgreifen.

Dem einen oder anderen wird bekannt sein, dass Konzerne als juristische Personen gelten, die ebenso Pflichten und Rechten unterliegen wie natürliche Personen. Die Filmemacher sind deswegen auf die Idee gekommen, das Analysewerkzeug der Psychologie auf Konzerne anzuwenden. Dabei bedienen sie sich den Standartkatalogen für psychologische Krankheiten DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, der American Psychiatric Association) und ICD-10 (International Classification of Diseases and Related Health Problems, der Weltgesundheitsorganisation). Folgende Krankheitssymptome werden dabei für Konzerne nachgewiesen (in Klammern die Formulierung der deutschen Standardkataloge):

ICD-10

  • Callous unconcern for the feelings of others (herzloses Unbeteiligtsein gegenüber den Gefühlen anderer)
  • Incapacity to maintain enduring relationsships (Unfähigkeit zur Aufrechterhaltung dauerhafter Beziehungen, obwohl keine Schwierigkeit besteht, sie einzugehen)
  • Incapacity to experience guilt (fehlendes Schuldbewusstsein oder Unfähigkeit, aus negativer Erfahrung, insbesondere Bestrafung, zu lernen)
  • Failure to conform to sozial norms with respect to lawful behaviours (deutliche und andauernde verantwortungslose Haltung und Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen)

DSM-IV

  • Reckless disregard for the safety of others (rücksichtslose Missachtung der eigenen Sicherheit bzw. der Sicherheit anderer)
  • Deceitfullness: repeated lying and cunning others for profit (Falschheit, die sich in wiederholtem Lügen, dem Gebrauch von Decknamen oder dem Betrügen anderer zum persönlichen Vorteil oder Vergnügen äußert)

Wären Konzerne natürliche Personen, so wäre damit eine dissoziale Persönlichkeitsstörung nachgewiesen. Umgangssprachlich können wir daher von Psychopathen (die alte Bezeichnung für Personen mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung) sprechen!

Der Dokumentarfilm lässt dies als Fakt stehen und fährt mit anderen Dingen fort. Dennoch lohnt es sich gerade hier einmal innezuhalten und weiterzudenken. Wenn Konzerne Verhaltensweisen an den Tag legen, die wir bei natürlichen Personen nicht (ohne Einweisung oder zumindest ambulante Therapie) tolerieren würden, müssen wir dann nicht auch die Konzerne therapieren? Und vor allem: Wie können die Konzerne überhaupt therapiert werden?

Die Beantwortung der letzten Frage ist nicht gerade einfach. Einsperren lässt sich eine juristische Person nicht, höchstens bestrafen oder auflösen. Das Bestrafen ist sinnlos, da für Konzerne eine Strafe eine Kostenposition darstellt, die gegen ihre Ertragsvorteile aufgerechnet wird. Lohnt es sich bilanztechnisch für einen Konzern zu betrügen, so wird er es deshalb tun. Nicht umsonst wurde eine Unfähigkeit, aus negativer Erfahrung, insbesondere Bestrafung, zu lernen, diagnostiziert. Das Auflösen des Konzerns ist jedoch auch keine Alternative, weil davon ausgegangen werden muss, dass die Psychose systemimmanent ist, wir jedoch in unserer heutigen komplexen Welt nicht auf solch juristische Personen verzichten können.

Da es anscheinend keine offensichtliche Lösung gibt, möchte ich zunächst eine systemanalytische Frage stellen: Wodurch wird das psychopathische Fehlverhalten bedingt?

Juristische Personen handeln niemals selbst, sondern durch ihre Organe. Ihre Organe bestehen dabei aus natürlichen Personen. Der Vorstand ist beispielsweise solch ein Organ, aber auch die Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft. Unsere Frage stellt sich uns also wie folgt: Wodurch wird das Verhalten der natürlichen Personen, die im Namen der juristischen Person handeln und so das Verhalten der juristischen Person verursachen, in psychopathische Bahnen gelenkt? Im Film findet sich, wenn auch in anderem Kontext, folgende Antwort: Jeder, der für einen Konzern arbeitet, arbeitet im Auftrag und für das Wohlergehen der Eigentümer des Konzerns.

Dies ist eine kleine, aber sehr bedeutsame Wahrheit. Denn gleichzeitig sagt sie folgendes aus:

  1. Jeder, der für einen Konzern arbeitet, arbeitet nicht in seinem eigenen Auftrag oder für sein eigenes Wohlergehen.
  2. Jeder, der für einen Konzern arbeitet, arbeitet nicht im Auftrag oder für das Wohlergehen der Gesellschaft.
  3. Jeder, der für einen Konzern arbeitet, arbeitet nicht im Auftrag oder für das Wohlergehen der Umwelt.
  4. Jeder, der für einen Konzern arbeitet, arbeitet nicht im Auftrag oder für das Wohlergehen der Kunden.

Im Börsendeutsch nennt man diesen Umstand kurz "Shareholder-Value".

Nun wird die Psychose verständlich:

Wessen vorrangiges Ziel es ist, aus Geld noch mehr Geld zu machen, um das Eigentum der Eigentümer zu mehren, wird jede Chance nutzen eben dies zu tun. Er wird außerdem...

  • sich herzlos und unbeteiligt anderen gegenüber verhalten, denn das Ziel, sich um das Wohlergehen anderer zu kümmern, ist nachrangig.
  • Beziehungen mit anderen schließen, wann immer es seinem vorrangigen Ziel nützt, aber ebenso schnell die Beziehung wieder kündigen, denn das Ziel, soziale Funktionen wahrzunehmen, ist nachrangig.
  • kein Schuldbewusstsein haben, denn er ist zu jeder Zeit seiner eigenen Ethik, dem Shareholder-Value, treu.
  • nicht aus negativen Erfahrungen lernen, denn für ihn existieren Strafen lediglich in der Form von Kosten, die mit bestimmter Wahrscheinlichkeit auftreten. Negative Erfahrungen sind also einkalkuliert und nichts worüber man sich Gedanken machen sollte, denn das Funktionieren des Rechtsstaates und das Wohlergehen der Gesellschaft sind nachrangig.
  • eine deutliche und andauernde verantwortungslose Haltung und Missachtung von sozialen Normen, Regeln und Verpflichtungen zeigen, denn das Wohlergehen von Gesellschaft und Umwelt ist nachrangig.
  • die Sicherheit anderer auf rücksichtslose Weise missachten, denn das Wohlergehen anderer ist nachrangig.
  • wiederholt falsches Zeugnis ablegen, den das Beachten sozialer Normen und das Wohlergehen der Gesellschaft ist nachrangig.

Wollten wir jetzt tiefer in die Kapitalismuskritik einsteigen, könnten wir anfügen: Der einzige Grund, warum es dennoch manchmal vorkommt, dass ein Konzern seinem Kunden gute Qualität zu vernünftigen Preisen bietet, ist die Konkurrenz, denn das Wohlergehen des Kunden ist nachrangig. Oder ein, zwei Schritte weitergedacht: Das schädliche ist nicht der Markt, sondern das Eigentum.

Deshalb jedoch das Eigentum, als solches, zu verteufeln wäre a) keine Lösung und b) nicht mehrheitsfähig. Was also tun?

Lassen wir uns doch einfach mal von unserer im Sterben liegenden Vergangenheit inspirieren: Dem sogenannten rheinischen Kapitalismus. Dieser rheinische Kapitalismus kennt etwas, das dem Manchesterkapitalismus fremd ist: Ein Aufsichtsrat, in welchem Arbeitnehmer vertreten sind. Die Gegenwart zeigt zwar, dass dies nur ein Placebo gegen die Psychose des Shareholder-Value ist, aber der dahinter liegende Gedanke ist genial: Wir beschneiden den Einfluss des Eigentums, indem wir den sonst nachrangigen Arbeitern eine Stimme verleihen.

Leider ist der Gedanke nicht konsequent zu Ende gedacht worden, sonst wäre die Stimme des Arbeiters nicht in einem Kontrollorgan, sondern in einem weisungsbefugten Organ untergebracht worden. Denn nur so kann gesichert werden, dass der Arbeiter nicht nachrangig nach dem Kapital behandelt wird.

Schon in unserem Grundgesetz ist mit Artikel 14 Artikel II "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen", der Grundstein für einen besseren, weniger zur Psychose neigenden Aufbau von Konzernen gelegt. Wenn Eigentum zum Wohle der Allgemeinheit dienen soll, so muss nämlich die Allgemeinheit in der Verkörperung des Eigentums, dem Konzern, weisungsbefugt sein. Denn in der freien Wirtschaft gilt: "Wessen Knecht ich bin, dessen Lied ich sing." (*) Nur wenn die Allgemeinheit weisungsbefugt ist, kann gesichert werden, dass das Allgemeinwohl von den Beschäftigten im Konzern nicht nachrangig behandelt wird.

Darauf aufbauend möchte ich hier folgenden Vorschlag in die politische Diskussion einbringen: Wir bereiten einen riesigen Schritt in eine menschenwürdigere Gesellschaft einfach dadurch vor, dass die EU-Kommission eine Gesetzesinitiative in das EU-Parlament einbringt, in der für alle Konzerne, die in Europa tätig sind, beschlossen wird: Jede Partei, die in Beziehung zu einem Konzern steht, darf zu gleichen Teilen den Vorstand bestellen. (Ausländische Konzerne, denen dieser Schritt zu weit geht, dürfen für ihre Europageschäfte Tochtergesellschaften bilden.)

Konkret bedeutet das:

  • 25% des Vorstandes wird von den Eigentümern gewählt.
  • 25% des Vorstandes wird von den Arbeitern gewählt.
  • 25% des Vorstandes wird von den Kunden gewählt.
  • 25% des Vorstandes wird von jenen gewählt, die im Einflussbereich und in der Nachbarschaft von Konzernniederlassungen leben, d.h. von Gesellschaft und Umwelt.

Damit könnte erreicht werden, dass...

  • jeder, der für einen Konzern arbeitet, im Auftrag und für das Wohlergehen der Eigentümer arbeitet.
  • jeder, der für einen Konzern arbeitet, im Auftrag und für das Wohlergehen der Arbeiter (und damit auch für sich selbst) arbeitet.
  • jeder, der für einen Konzern arbeitet, im Auftrag und für das Wohlergehen der Kunden arbeitet.
  • jeder, der für einen Konzern arbeitet, im Auftrag und für das Wohlergehen von Gesellschaft und Umwelt arbeitet.

Der Psychopath wäre damit geheilt und wieder gesellschaftsfähig. (**)

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* Ich sah mich hier gezwungen die alte Weisheit "Wessen Brot ich eß, dessen Lied ich sing", umzuformulieren, da im Kapitalismus der Arbeiter in den meisten Fällen das Brot des Kunden isst (außer der Konzern nimmt Schulden auf, um den Arbeiter zu bezahlen), aber der Arbeiter dennoch die Bedürfnisse des Kunden nachrangig zu den Bedürfnissen des Eigentums behandeln muss, wenn er seinen Arbeitsplatz behalten will.

** Überdies wäre damit auch die akute Gefährdung unserer Demokratie gebannt, aber dies ist eine andere Geschichte.

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