Prügelstrafe wieder einführen?

25.11.2004 | Manfred Göbels

In den letzten Monaten kann man bisweilen den Eindruck gewinnen, die Arbeitgeber wollten mit einer Zeitmaschine diverse soziale Errungenschaften und Arbeitnehmerrechte der vergangenen Jahrzehnte rückgängig machen.

Arbeitszeit: Am besten auf 50 bis 60 Stunden erhöhen. Paritätische Kofinanzierung der Sozialsysteme durch die Arbeitgeber: abschaffen; am liebsten wäre der Arbeitgeberseite der völlige Ausstieg aus der Finanzierung. Mitbestimmung auf Unternehmensebene, im Aufsichtsrat beispielsweise: Teufelszeug! Entweder völlig abschaffen oder doch zumindest erheblich beschneiden. Betriebsräte: Alles Bremser und Blockierer. Die Finanzierung der gesetzlichen Unfallversicherung durch die Arbeitgeber? Ein weiterer Pflock, um den Gulliver Deutschland am Boden zu halten.

Das so gepflegte Bild von den Beziehungen zwischen Unternehmer und Mitarbeitern erinnert mich an Schilderungen aus der Frühzeit der Industrialisierung: Es ist das Bild des klugen und gütigen "Patrons" der, ließe man ihn unbelastet von Mitspracherechten der Arbeitnehmer und anderen lästigen Pflichten, ausnahmslos kluge unternehmerische Entscheidungen träfe.

An dem durch diese Entscheidungen ausgelösten Wohlergehen des Unternehmens dürften dann selbstverständlich "seine" Arbeitnehmer teilhaben. Sie hätten dann nämlich einen sicheren, in zwölf bis dreizehn monatlichen Raten gut bezahlten Job.

Und alle wären glücklich und zufrieden? Wohl kaum.

Wohlgemerkt: Der Reformbedarf in den oben genannten Bereichen ist unbestreitbar und dringend.

Mit ihren Forderungen erreichen die Arbeitgeber aber nur, dass die Arbeitnehmer irgendwann sagen: "So nicht!". Es mag ja sinnvoll sein, eine Revolution im Denken anzustreben. Bei der Umsetzung ist mir dann allerdings allemal die Evolution lieber. Das haben mir nicht zuletzt meine 35 Jahre beim Automobilbauer mit dem Stern gezeigt.

Es ist im Moment aber auch zu verlockend, die Mitbestimmung sturmreif zu schießen: Die Wirtschaft liegt am Boden; eine sozialdemokratisch geführte Bundesregierung setzt vergleichsweise radikale Reformen durch; die Gewerkschaften sind durch Mitgliederschwund, interne Auseinandersetzungen und nicht vorhandenes Change Management so verunsichert wie nie zuvor in ihrer Nachkriegsgeschichte.

Die Rolle rückwärts hin zu patriarchalischen Strukturen kann trotzdem keine Lösung sein. Wenn man schon will, dass die Frösche freiwillig ihren eigenen Teich trockenlegen, dann sollte man nicht gleichzeitig mit den schönsten Rezepten für Froschschenkel herumwedeln.

Deshalb mein Appell an die Arbeitgeber: Lassen Sie die Kirche im Dorf! Gestehen Sie erst sich und dann in der Öffentlichkeit ein, dass richtig praktizierte Mitbestimmung und eine für beide Seiten vernünftige Sozialpartnerschaft keine Standortnachteile, sondern im Gegenteil massive Vorteile des Standorts sind.

Sonst lesen wir irgendwann in der Zeitung, dass zu der Zeit, als es noch die Prügelstrafe für unbotmäßige Arbeitnehmer gab, sowieso alles besser gewesen sei...

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