Populismus in den Mediendemokratien

09.04.2006 | Wolf Schneider

Immer häufiger lese und höre ich über Politiker sie seien Populisten". In Lateinameria soll es zur Zeit viele von dieser Sorte geben, aber auch bei uns in Europa und überall auf der Welt. Das Wort klingt ein bisschen abschätzig, nach "Volksverführer". Es kommt mir vor wie die moderne, etwas mildere Variante des anklagenden "Demagoge", das man früher gerne gebrauchte, um politische Gegner zu diffamieren, deren Charisma man sich unterlegen fühlte.

Schlagworte und Emotionen

Die Wikipedia nennt den Populismus "eine Bezeichnung für eine opportunistische Politik, die sich vor allem nach dem Willen der Masse richtet. Der Begriff unterstellt die Ersetzung konkreter Lösungsvorschläge durch Schlagworte, die Emotionen in der Bevölkerung aufgreifen."

Genau in diese Richtung aber bewegen sich die Demokratien im heutigen Medienzeitalter. Wer durch Schlagworte Emotionen in der Bevölkerung aufgreifen kann, hat in diesen Gesellschaften Chancen Wahlen zu gewinnen, andernfalls nicht.

Begabte Ver/Führer

Dabei sind gerade Schlagworte unter den Worten die wirkungsvollsten. Und Wirkung, das will man doch. Außerdem haben Politiker, die keine Emotionen wecken können, nirgendwo eine Chance, ebenso wie Künstler und sonstige Führer, Vermittler und Multiplikatoren aller Art.

Der Begriff "Populist" als Vorwurf gegen die begabten Ver/Führer in den Mediendemokratien kommt mir so hilflos vor: "Irgendwie" mögen wir diese Leute nicht, aber wir wissen nicht so genau warum. Dabei födert die moderne Demokratie den Populismus, sie gebiert ihn geradezu.

Sehnsucht nach Authentizität

Erst wenn Menschen mit einer starken Sensibilität für ihre eigene innere Wahrhaftigkeit in unserer Kultur eine Chance bekommen, kann das den Trend zum Populismus überwinden. Aber dafür sehe ich zur Zeit keine Anzeichen.

Solange die Sehnsucht nach Echtheit – modischer gesprochen "Authentizität" – noch so leicht von mittelmäßgen Authentizitätsdarstellern befriedigt werden kann, wird der Populismus weiter dominieren.

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