Politisches Handeln in christlicher Verantwortung

30.07.2007 | Jürgen Gansäuer

"Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied! Dankt Gott mit jedem Morgen, dass Ihr nicht braucht fürs Röm'sche Reich zu sorgen! Ich halt es wenigstens für reichlichen Gewinn, dass ich nicht Kaiser oder Kanzler bin ..."

Nun Kaiser oder Kanzler ist Johann Wolfgang von Goethe, der diese Sätze im "Faust" formuliert hat, nie gewesen, aber Minister, mithin Politiker, im Herzogtum Sachsen-Weimar war er etwa 10 Jahre lang.

Ich möchte mit Ihnen über etwas Wichtiges nachdenken, nämlich darüber, wie wir als Christen unsere Welt gestalten wollen. Welche Maßstäbe es dabei geben sollte und was uns ganz bestimmt nicht leiten darf.

Politik ein garstig Lied? Sie können sich - bei aller Verehrenswürdigkeit unseres großen Goethe - denken, dass ich als Christ und Politiker entschieden widerspreche, denn nicht Politik verdirbt den Charakter, sondern schlechte Charaktere verderben die Politik.

Für Christen sind die Dinge eindeutig und nicht verhandelbar. In der Genesis ist unmissverständlich klargestellt: Gott hat uns die Erde anvertraut, damit wir sie in seinem Sinne gestalten. Die Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose berichtet von dem Auftrag Gottes an die Menschen, mit der von ihm geschaffenen Welt "fürsorglich" umzugehen und uns in ihr zu bewähren. Und diese Fürsorge bedeutet erheblich mehr, als intelligent zu jammern, sich geistreich zu empören oder nicht zur Wahl zu gehen. Wenn Gott eine andere Welt gewollt hätte, hätte er eine andere Welt geschaffen. Er hat es nicht getan und wir tun gut daran, seine Welt anzunehmen, selbst dann, wenn es uns manchmal schwerfällt.

Christen haben im Gegensatz zu Kommunisten und Nationalsozialisten immer gewusst, dass es den Himmel auf Erden nicht gibt. Immer dann, wenn Politiker behaupten, sie hätten ein Rezept, mit dem eine dem Himmel ähnliche, neue und gerechte Ordnung geschaffen werden könne, endete dieses Unterfangen bekanntermaßen in einer fürchterlichen Katastrophe. Die Namen Hitler und Stalin stehen für viele, die man in diesem Zusammenhang nennen müsste.

Der politische Schriftsteller Stanislav Lec hat es einmal auf den Punkt gebracht, indem er sagte: "Wer den Himmel auf Erden sucht, hat in der Schule in Erdkunde gefehlt."

Aber diese simple und einleuchtende Feststellung bedeutet nichts anderes, als dass wir uns auf diese Welt einlassen müssen und zwar so, wie sie ist und nicht so, wie wir sie gerne hätten. Und deshalb müssen wir beispielsweise bereit sein, einer allein erziehenden Mutter zu helfen, einen Asylsuchenden zu schützen, für einen Demenzkranken da zu sein und einem Sterbenden die Hand zu halten. Christlicher Glaube ist also nicht abstrakt oder gar virtuell, christlicher Glaube bewährt sich immer zuerst am Menschen selbst. Dietrich Bonhoeffer hat dies in seiner "Ethik" einmal so formuliert: "Es ist eine Verleugnung der Offenbarung Gottes 'christlich' sein zu wollen ohne 'weltlich' zu sein, oder 'weltlich' sein zu wollen, ohne die Welt in Christus zu sehen."

Er hat Recht, Gottesliebe ohne Menschenliebe gibt es nicht, entweder beides oder keines von beiden, dazwischen ist nichts möglich und deshalb dürfen unsere Kirchen auch keine christlich verbrämten faradayschen Käfige sein, die von der übrigen Welt gleichsam luftdicht abgeschottet sind. Der Aufenthaltsort für Christen ist mitten im Leben und nirgendwo anders, denn dort werden sie auch am meisten gebraucht.

Der moralische Eiffelturm ist jedenfalls kein Aufenthaltsort für Christen, auch wenn sich in ihm viele ausgesprochen wohl fühlen und sich in ihm oft genug gemütlich eingerichtet haben. Christlich fundierte Moral und Ethik ist nicht passiv, sie ist keine religionswissenschaftliche Trockenübung ohne jeden realen Bezug zum eigenen und anderer Menschen Leben. Im Gegenteil: Christliche Moral und Ethik verlieren ihren Sinn, wenn sie nicht als aktiver Handlungsauftrag begriffen werden. Oder anders und ganz einfach ausgedrückt: Die Maßstäbe christlicher Überzeugung erlangen ihre Glaubwürdigkeit erst dann, wenn sie nicht nur theoretisch begründet, sondern auch praktisch gelebt werden.

Es gibt ein englisches Sprichwort, das lautet: "Ein Schiff, das im Hafen liegt, ist sicher. Aber dafür werden Schiffe nicht gebaut."

In Abwandlung dieses Sprichworts sage ich: "Ein Christ, der nur im stillen Kämmerlein betet, ist ein gläubiger Christ, aber dafür allein ist Christus nicht am Kreuz gestorben."

Dietrich Bonhoeffer hat dies einmal so formuliert: "Das Gute verlangt nach dem Ganzen, nicht nur nach der ganzen Gesinnung, sondern auch nach dem ganzen Werk."

Spätestens seit der Bergpredigt ist uns jedenfalls ins Stammbuch geschrieben: Christlicher Glaube ist ohne tätige Lebensfolge nicht überzeugend. Die Gebete in unseren Gottesdiensten degenerieren jedenfalls zu leeren Floskeln, wenn ihnen nicht die nutzbringende Konsequenz außerhalb der Gottesdienste folgt.

Für Christen in politischer Verantwortung ist es im politischen Entscheidungsprozess oftmals nicht leicht, mit dieser wichtigen Schlussfolgerung umzugehen. Sie stehen täglich im Spannungsfeld gesellschaftlicher Gegensätze, die noch nie so groß waren wie heute, denn je wohlhabender die Deutschen wurden, umso verbissener wurde der Verteilungskampf geführt. Und nichts deutet darauf hin, dass dies anders wird, im Gegenteil, in unserer "Geiz ist geil" - Gesellschaft müssen wir Christen darauf achten, dass die Schwachen nicht unter die Räder kommen.

Prägend ist für mich in diesem Zusammenhang ein freiwilliges Diakonisches Jahr in den Rotenburger Werken gewesen. Ein Jahr lang habe ich dort körperlich und geistig schwerstbehinderte Menschen gepflegt. Ich wurde oft gefragt, warum mich dieses eine Jahr bis heute geprägt hat? Die Antwort ist einfach: Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass wir als Politiker zuallererst nicht auf jeden hören dürfen, die laut protestieren, Pressekonferenzen einberufen und Busfahrten zu Demonstrationen organisieren können. Ich habe gelernt, dass wir zuallererst an jede denken müssen, die dies alles nicht mehr können, denn wirkliches Leid kommt in unserem Land nicht mit Paukenschlägen daher, sondern wirkliches Leid spielt sich zumeist im Stillen ab und wird nicht von dröhnenden Lautsprechern übertragen. Die Humanität in unserem Land bemisst sich zuerst nämlich nicht an jenen, die sich effektvoll wehren und protestieren können, so berechtigt dies im Einzelfall auch sein mag, sondern sie bemisst sich vor allem an jenen, die dies alles nicht mehr können, wie z.B. an unseren Alten, Kranken und Behinderten.

Nun, die Lehre, die wir aus alledem ziehen können, ist einfach: Wo Gott ausfällt, gleichgültig ob in unserem Staat, unserer Gesellschaft, in unseren Familien oder in anderen sozialen Bindungsgemeinschaften, wird zwangsläufig von der Welt und anderen zu viel erwartet. Wo Gott ausfällt, setzt sich der Mensch selbst unter eine Art "Gottwerdungsdruck", dem er auf Dauer weder standhalten noch etwa gerecht werden kann, denn auch seine Ersatzgötter funktionieren nicht. Und die Folge ist oft genug, dass er neurotisch wird und an seiner Endlichkeit zweifelt.

Aber auch die, die nicht an Gott glauben, sollen sich nicht täuschen: Eine Welt ohne Gott wird allemal inhumaner sein, als eine Welt mit Gott, an dessen Maßstäben wir uns ausrichten können.

Als Christen sollte uns immer bewusst sein, dass diese Welt nur das Vorletzte ist und deshalb sollten wir auch nicht alle Hoffnungen und Erwartungen auf sie setzen. Als Christen sollten wir auch nicht so wahnsinnig verzweifelt sein, wenn es einmal anders kommt, als wir es erwartet haben, denn es gibt eine diese Welt übersteigende Perspektive. Das könnte und sollte uns eigentlich etwas frustrationsunanfälliger - vielleicht sollte man auch sagen, etwas weniger verbissen und verkniffen machen. Vielleicht könnte man das auch eine christliche Relativitätstheorie nennen. Sie sollte die Erkenntnis beinhalten, dass wir die Dinge dieser Welt und vor allem jene, die über sie hinausgehen, nie vollständig und restlos erklären und definieren können. Der Grund liegt u.a. darin, dass wir als Christen ja nicht nur an das glauben, was wir sehen und anfassen können, sondern vor allem an das glauben, was wir nicht sehen und nicht anfassen können. Die Konsequenz sollte für uns deshalb darin bestehen, dass wir uns nicht vollständig und umfassend von den Dingen dieser Welt bestimmen und vereinnahmen lassen.

Eine realistische Wahrnehmung der Welt mit ihren Grenzen und Möglichkeiten gehört zum christlichen Glauben ebenso dazu, wie ein realistisches Menschenbild. Als Christen wissen wir, dass der Mensch nicht perfekt ist, aber als Christen wissen wir auch, dass wir bei der Bewältigung unserer weltlichen Probleme immer wieder Hoffnung haben dürfen. Pessimismus jedenfalls ist das Gegenteil dessen, was Christen auszeichnen sollte.

In diesem Zusammenhang wundere ich mich manchmal über besonders "eruptive" Reaktionen von Christen über das vermeintliche oder tatsächliche Versagen von Politikern. Abgesehen davon, dass nur noch eine kleine Zahl von ihnen aktive Christen sind, sollten wir nicht vergessen, dass gleich auf den ersten Seiten der Bibel davon berichtet wird, dass Adam und Eva sich nicht an Gottes Gebot halten, dass Kain seinen Bruder Abel tötet und dass die Menschen in Babel einen Turm bauen, mit dem sie sich Gott gleich machen wollen. Dies soll und kann beileibe keine Erklärung oder gar Entschuldigung für politisches Fehlverhalten sein. Diese Beispiele machen uns aber darauf aufmerksam, dass die Bibel von Beginn an ein außerordentlich realistisches Bild vom Versagen des Menschen hatte. Und dies ist mit Politikern nicht anders. Auch sie bringen - wie alle anderen Menschen - ihre Stärken und Schwächen in ihre Arbeit mit ein. Richtig ist natürlich, dass an die Träger politischer Mandate höhere Anforderungen gestellt werden müssen, als an die Bürger allgemein, dennoch, ihre Ämter befreien sie nicht von der generellen Fehlbarkeit des Menschen, was wir im politischen Alltag ja auch ganz gut besichtigen können. Die Menschen sind nach biblischer Darstellung keine determinierten Schachfiguren, sondern Gott hat ihnen die Freiheit gegeben, sich für das Gute und das Böse zu entscheiden und für beides - so glauben wir - müssen wir uns eines Tages vor ihm verantworten. Und wenn Jesus sagt: "Ihr seid das Licht der Welt" (Mt 5,14), dann bringt er damit zum Ausdruck, dass es auf dieser Welt dunkel ist und Christen sie mit ihrem Glauben und vor allem mit ihren Taten ein Stück weit heller machen sollen.

Tatsache ist, dass die Zahl der Politikerinnen und Politiker, die ihr politisches Wirken aus christlichen Grundüberzeugungen herleiten, in den letzten Jahrzehnten immer weiter gesunken ist. Welche Schwierigkeiten dies auswirft, erleben wir z.B. in den aktuellen Diskussionen über die Gentechnik, die Biotechnologie oder zum Beispiel in den Debatten darüber, was an den Grenzen des Lebens erlaubt sein soll.

Es liegt auf der Hand, dass ein Christ, der von der Einmaligkeit und Unverfügbarkeit eines gottesebenbildlichen Menschen ausgeht, hier anders denkt als jemand, der die mit diesen Themen zusammenhängenden Fragen ausschließlich unter Aspekten des wirtschaftlichen Wachstums und des technologischen Fortschritts betrachtet. Glauben darf nicht zur Entmachtung der Vernunft führen, das ist wahr. Vernunft bedarf aber auch in der Wissenschaft einer ethischen Fundierung, wenn sie nicht Gefahr laufen soll, seelenlos und damit unmenschlich zu werden.

Und ähnlich verhält es sich mit der Frage der aktiven Sterbehilfe, die mit dem christlichen Glauben schlechterdings nicht vereinbar ist. Je stärker der Anteil der Christen in unserer Gesellschaft schwindet, desto wichtiger wird es, dass wir uns klar und deutlich in den politischen Meinungsbildungsprozess mit einbringen: Sterbende begleiten, mit ihnen beten, ihre Schmerzen lindern, sie nicht zum Sterben in eine Besenkammer abschieben, sondern dem Sterben einen würdigen Ort geben, das sind Elemente des christlichen Umgangs mit Sterben und Tod. Eine Stärkung der Palliativmedizin, der Aufbau von Hospizen und christliche Patientenverfügungen sind politische Konsequenzen aus dem christlichen Menschenbild. Eine Freiheit zum Tode gibt es aus christlicher Sicht nicht, wohl aber eine Befreiung vor der Todesangst. Denn zum christlichen Glauben gehört die österliche Hoffnung, dass Gottes Macht stärker ist als der Tod. Bundespräsident Köhler hat es sehr prägend auf den Punkt gebracht, welche Verantwortung sich aus dieser Hoffnung ergibt. Er sagte, es dürfe nicht darum gehen, durch die Hand eines anderen zu sterben, sondern an der Hand eines anderen Menschen.

Aber wir Christen sind aktuell auch gefordert, wenn es zum Beispiel um die Frage des Sonn- und des Feiertagsschutzes geht. Schon die erste Geschichte der Bibel, die Schöpfungsgeschichte, kennt den Rhythmus der siebe Tage. Gott selbst schaffte die Welt und ruht am siebten, ohne das die Welt dadurch zusammenbrechen würde. Dieser Wechsel von Arbeit und Muße, der über Jahrhunderte unser Zeitempfinden prägt, betrifft ja nicht nur diejenigen, die sonntags in den Gottesdienst gehen. Er prägt den Gesamtrhythmus unserer Gesellschaft. Die Kirche handelt ihrem Auftrag gemäß, wenn sie daran erinnert, dass wir ohne Sonntage nur noch Werktage haben. Wenn es nun um Ladenöffnungszeiten geht, so gibt es keine christlichen Gründe, warum ein Geschäft um 18, um 20 oder um 22 Uhr schließen sollte. Es gibt aber entscheidende Gründe dafür, dass nicht jede Tätigkeit am Sonntag zulässig sein sollte. Erst recht gilt dies für Ostern und Pfingsten, die im christlichen Festjahr ja weitaus bedeutsamer sind als zum Beispiel das Weihnachtsfest.

Politisches Handeln in christlicher Verantwortung ist manchmal schwer und anspruchsvoll und erfordert vor allem Zivilcourage, aber es ist zugleich auch notwendiger und wichtiger denn je, denn bei der Gestaltung einer menschlichen Gesellschaft sind Christen besonders gefordert. Darüber hinaus hat es unsere Demokratie verdient, unterstützt und weiterentwickelt zu werden. Sie ist entstanden aus einer leidvollen Geschichte, zu der zwei der schlimmsten Kriege gehören, die es je auf diesem Globus gab und die maßgeblich - Gott sei es geklagt - maßgeblich von Deutschland ausgegangen sind. Wir Deutschen haben viel zu verlieren und deshalb sollten wir bei allem Ärger und Verdruss nicht vergessen, dass noch keine Generation vor uns eine so lange Friedensphase erleben durfte wie wir. Manchmal wünsche ich mir, dass wir die Kraft aufbrächten, dafür ein Stück weit dankbarer zu sein als wir es offensichtlich vermögen, denn wer nicht mehr dankbar sein kann, läuft immer Gefahr, alle Maßstäbe zu verlieren.

Im Zusammenhang mit der 60-Jahrfeier unseres Landes Niedersachsen stieß ich kürzlich auf einen Zeitungsartikel aus dem Jahre 1955. In ihm wird berichtet, dass Adenauer mit großen Geschick seinen Besuch in Moskau beendet hatte. Ihm war es gelungen, die letzten 10.000 Kriegsgefangenen frei zu bekommen. Als die ersten von ihnen in Friedland ankamen, ausgehungert und ausgemergelt, z.T. noch in ihren alten, völlig verschliessenen Uniformen, versammelten sich diese Männer, die fast sieben Jahre Krieg und anschließend zehn Jahre Sibirien hinter sich hatten, auf dem großen Platz des Lagers. Gemeinsam mit dem Hannoverschen Landesbischof Lilije sprachen sie das Vaterunser. Völlig unprogrammgemäß und nicht vorhergelant, fassten sie sich sodann an die Hände und sangen mit ihren rauen Stimmen das Lied: "Nun danket alle Gott, mit Herzen Mund und Händen ..." Diese Männer haben noch gewusst, wofür sie dankbar sein konnten.

Ja, es gibt in unserem Land Probleme, die wir aufarbeiten müssen, aber wenn wir uns hin und wieder daran erinnern, wo wir hergekommen sind, lässt sich das noch Unvollkommene leichter ertragen. Die meisten Menschen auf der Welt würden jedenfalls sehr gerne mit uns tauschen.

Nun, ich weiß als Christ und Politiker, dass ich mich noch so sehr bemühen kann, meinen Glaubensüberzeugungen gemäß zu handeln, ich werde trotz allem Fehler machen und nach christlichem Verständnis darf ich sie auch machen, denn ich lebe in der Gewissheit, dass sie mir vergeben werden. Wie geradezu grandios die christliche Botschaft insbesondere in diesem Zusammenhang ist, wurde mir einmal mehr vor einigen Tagen deutlich. Ich blätterte im Matthäus-Evangelium und las eigentlich mehr zufällig Kapitel 16 Vers 18 in welchem Jesus zu Petrus sagt: "Du bist Petrus, auf diesen Feld will ich meine Gemeinde bauen." Ich blätterte weiter und geriet an die Stelle im 26. Kapitel als Petrus Jesus dreimal verleugnete und das noch mit den Worten: "Gott soll mich strafen, wenn ich lüge! Ich kenne den Mann nicht!" Das Faszinierende am Zusammenhang dieser Bibelstellen ist, dass wir getrost davon ausgehen dürfen, dass Jesus auch unser Versagen kennt, genauso wie er das von Petrus gekannt hat, und so wie er trotzdem auf Petrus baute, so baut er auch, davon bin ich überzeugt, auf jeden Einzelnen von uns.

Abschließend möchte ich Ihnen noch eine kleine Geschichte erzählen, die in treffender Weise deutlich macht, was ich meine. Sie handelt von einem armen ostpreußischen Bauern, der vom preußischen Staat ein Stück Brachland geschenkt bekommen hat. Dieser Bauer arbeitet im Schweiße seines Angesichts an dem kargen Stück Land. Er jätet Unkraut, pflügt und streut Mist. Nach einigen Jahren schlimmer Schufterei ist er dabei, die erste Ernte einzubringen, als just in diesem Moment der Ortspfarrer an seinem Acker vorbeikommt. Der Pfarrer bleibt stehen, schaut dem Bauer einen Augenblick interessiert zu und ruft zu ihm hinüber: "Karl, du weißt aber doch, dass du diese Ernte dem Herrgott zu verdanken hast?" Der Bauer unterbricht seine Arbeit, überlegt einen Augenblick und ruft zurück: "Jawohl, Herr Pfarrer, das weiß ich wohl, aber sie hätten vor Jahren einmal das hohe Unkraut sehen soll, als der Herrgott diesen Acker noch alleine bewirtschaftet hat." Dieser arme Bauer zeigt uns auf beeindruckende Art und Weise das Problem unserer Zeit auf. Es gibt keinen Acker, auf dem das Unkraut nicht immer wieder versucht zu wachsen. Beseitigt wird es aber nicht durch aktives, zuweilen auch geistreiches Jammern, sondern nur dadurch, dass vor allem wir Christen im Großen wie im Kleinen selber Hand anlegen.

Politisch Lied? Ein garstig Lied? Das hört sich gut an und ist heute noch populär, dennoch ist es falsch, auch wenn es Goethe war, der diese Behauptung Brander in Auerbachs Keller aussprechen ließ.

Ich wünsche uns bei der Arbeit, die uns unser Herrgott aufgetragen hat, seinen Segen.

Predigt von Jürgen Gansäuser, Präsident des Niedersächsischen Landtages, gehalten am 03.03.2007 beim Bersenbrücker Forum.

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