Moralisches Missverständnis: Politisch korrekt ist auch ethisch korrekt

30.03.2011 | Ulf D. Posé

Klar: „Krüppel“ zu sagen ist politisch nicht korrekt, denn das hieße, Menschen mit Behinderung herabzuwürdigen. Menschen dürfen nicht diskriminiert werden, sei es aufgrund ihrer Rasse, ihres Geschlechts, ihrer sozialen, körperlichen und geistigen Verfassung oder ihrer sexuellen Neigung. Aus dem selben Grund ist der „Neger“ im Sprachgebrauch zum Schwarzen oder Deutsch-Afrikaner geworden, der Ausländer zum Menschen mit Migrationshintergrund. Das alles ist politisch korrekt –ethisch ist es deswegen noch nicht.

Die entscheidende Frage ist, ob diese Umbenennungen auch zu einem anderen Verhalten führen. Sonst sind sie nur eine Art semantische Täuschung. Oder schlicht Betrug. Denn wenn nicht mehr danach gefragt wird, was in einer bestimmten Situation richtig ist, sondern einfach festgelegt wird, was politisch korrekt ist, entsteht eine Pseudo-Moral. Eine Fassade. Hinter politischer Korrektheit kann sich unethische Verlogenheit besonders gut verstecken.

Zum Beispiel ist es politisch korrekt, die schlechtere Bezahlung von Zeitarbeit zu geißeln. Gleiches Geld für gleiche Arbeit – ob die Forderung so moralisch ist wie sie klingt, hängt aber allein von dem dahinterstehenden Motiv ab. Wenn etwa Festangestellte oder Betriebsräte mehr Geld für Zeitarbeiter fordern, geht es ihnen vielleicht weniger um die Würde von Zeitarbeitern als um puren Eigennutz: Denn wenn Zeitarbeiter nicht billiger sind, bedrohen sie auch keine festen Arbeitsplätze. So gesehen heißt sie zu unterstützen, sie zu bekämpfen. Ein mieses Motiv hinter vordergründiger Uneigennützigkeit.

Politisch korrekt ist derzeit auch, Unternehmen politisch unkorrekt zu finden. So ist die Empörung immer wieder groß, wenn Arbeitsplätze in Niedriglohnländer verlagert werden. Dummerweise macht Ethik vor Staatsgrenzen nicht halt. Es mag unpatriotisch sein, Arbeitsplätze zu verlagern, unethisch ist es deshalb nicht. Ein Unternehmer, der für zwei in Deutschland entlassene Mitarbeiter vier oder sechs im Ausland einstellt, handelt aus einer globalen Sicht vielleicht sogar besonders ethisch, schließlich ermöglicht er mehr Menschen, ihre Existenz zu sichern. Ist es etwa ethisch, dass in Mexiko keine neuen Arbeitsplätze entstehen, weil die ungleich teureren Arbeitsplätze in Deutschland erhalten werden müssen – obwohl die mexikanischen Mitarbeiter vielleicht sogar mehr zur Wertschöpfung beitragen? Erklären Sie das mal den betroffenen Mexikanern.

Während wir, politisch korrekt, die Maßnahmen zur Senkung von Arbeitskosten gerne – und oft auch zurecht – als Dumping anprangern, haben wir komischerweise kein Problem damit, überall Niedrigstpreise zu erwarten. Die Supermarktkette behandelt ihre Mitarbeiter schlecht? Schlimmschlimm, aber der Metzger auf der Ecke ist ja soo teuer. Wer lässt sich beim Kauf einer Hi-Fi-Anlage nicht gerne vom Fachhändler beraten – und kauft das Gerät anschließend im billigen Elektronikmarkt. Wir sind nicht bereit, mehr zu bezahlen als unbedingt notwendig. Für Beratung und Service wollen wir kein Geld ausgeben. Doch dass wir selbst durch dieses Verhalten die Unternehmen zwingen, ihre Produktionskosten zu senken, bedenken wir nicht, wenn wir über ihre „Ausbeutermentalität“ schimpfen.

Wir regen uns auf über Korruption, Arbeitsplatzverlagerung und Steuerhinterziehung, beschäftigen aber gleichzeitig unsere Putzfrau, ohne Steuern zu bezahlen, und verhandeln mit dem Handwerker, ob die Reparatur unserer Wasserleitung nicht auch ohne Mehrwertsteuer bezahlt werden kann. Das ethische Prinzip „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ gilt scheinbar nur für andere, nicht für uns. Es lohnt sich also zu fragen, ob das politisch Korrekte auch durch Handlungen gedeckt wird. Handlungen, die beim persönlichen Nutzen oder der eigenen Ideologie nicht haltmachen. Die auch an Staatsgrenzen nicht haltmachen. Und die nicht mit zweierlei Maß messen, wenn das gleiche Maß gefragt ist. Prüfen Sie selbst. Viel Spaß dabei.

Die Kolumne ist auch auf ManagerSeminare erschienen.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Gesellschaftspolitik | Ulf D. Posé | weiterempfehlen →