Politiker, wollt ihr ewig leben? - oder: Das ist alles Psychologie!

24.02.2006 | Stephan Meyer

"Das ist alles Psychologie!" sagt ein Börsenmakler, wenn er das Gefühl hat, die Kontrolle über die Ereignisse zu verlieren. Allem Anschein nach haben derzeit viele Deutsche das Gefühl, über die Geschehnisse um sie herum die Kontrolle zu verlieren. Schuld sind natürlich die Politiker, die die offensichtlichen Probleme nicht lösen. Aber sind sie wirklich schuld? Ich frage aus der psychologischen Perspektive: "Warum wählen wir denn immer wieder Politiker, wenn sie allseits bekannte Probleme nicht lösen?" Dazu biete ich drei Antworten an:

1) Wir lieben es, belogen zu werden.
2) Wir wählen die falschen Kandidaten.
3) Wir haben in Wirklichkeit gar keine Wahl.

Oder zusammengefasst: Das ist alles Psychologie!

1) Wir lieben es, belogen zu werden.

Es kommt wie immer auf die Sichtweise an: Außenpolitisch betrachtet ist die Bundesrepublik Deutschland eine Erfolgsgeschichte - ihr Ansehen stieg, aus Kriegen hielt sie sich meistens heraus. Die Entwicklung der öffentlichen Finanzen dagegen ist eine Katastrophe. Gerüchten zufolge soll Konrad Adenauer noch ein schlechtes Gewissen gehabt haben, als er Wahlversprechen machte, die er nicht finanzieren konnte. Schon Willy Brandt quälten keine Bedenken mehr. Er verkündete: "Die Ausgaben des Staates können sich nicht an seinen Einnahmen ausrichten, sondern an den Bedürfnissen der Bevölkerung." Von da an gab es kein Halten mehr. Die Verschuldung der BRD wuchs von Jahr zu Jahr; der Handlungsspielraum schrumpfte und schrumpfte. Heute muss selbst die Bundeskanzlerin zugeben: "Deutschland ist de facto bankrott." Ein guter Familienvorstand weiß natürlich: Man kann nur das ausgeben, was man hat. Ein Unternehmensvorstand, der seine Finanzierung nicht im Griff hat, wird früher oder später seinen Hut nehmen müssen. Ein Eigentümer-Unternehmer muss sogar für die Finanzierungslücken selber aufkommen. Bei Politikern sind wir nicht so streng. "Die Renten sind ein Musterbeispiel an Verlässlichkeit und Berechenbarkeit," so Norbert Blüm. Der Zeitungsausschnitt mit diesem Zitat liegt gerade vor meiner Nase. Er ist ein Schmuckstück in meiner Sammlung der Edelsteine verzerrter Wahrnehmung. Nicht überraschend, sondern nur menschlich, dass die Bevölkerung diese Form groben Unfugs mit Dankbarkeit quittierte: Die warme Lüge ist willkommener als die kalte Wahrheit. Wer die bunteren Illusionen malt, gewinnt. Im Vergleich zum deutschen Bundestag liefert Hollywood einfältiges Bauerntheater. Und das ist alles Psychologie!

Ist die Wahrheitsliebe eines Volkes messbar? Kann man sagen: Je niedriger die Staatsverschuldung, desto wahrheitsliebender ist der Bürger, desto weniger belohnt er Politiker, die ihm etwas vorgaukeln, desto realistischer ist der Staatshaushalt gestaltet? Wenn es so ist, dann sind in Europa die Luxemburger eines der führenden Völker in Sachen Wahrheitsliebe. Nach Zahlen von 2004 ist die Staatsverschuldung Luxemburgs mit rund 8% des BIP sensationell niedrig. Mit deutlichem Abstand, aber immer noch in einer der vorderen Positionen folgt das Vereinigte Königreich mit rund 42%. Deutschland rangiert bei der Wahrheitsliebe mit rund 66% im hinteren Mittelfeld, nein eher am vorderen Hinterteil. Am wenigsten genau mit der Wahrheit nehmen es in der EU die Italiener (rund 106%) und die Griechen (rund 111%). Im weltweiten Vergleich gibt es ein Volk, das die Unwahrheit geradezu anzubeten scheint. Das sind die Japaner mit rund 164%. Aber vielleicht hat die Staatsverschuldung ja gar nichts mit der Wahrheitsliebe zu tun, sondern eher mit der Handlungsfreiheit. Je größer die Schulden, je größer die Zinslast, desto kleiner der Handlungsspielraum eines Landes. Wer also mehr verjubelt, als er erwirtschaftet, der verhökert die Freiheit stückchenweise. Wenn Sie sich jetzt beruhigt zurücklehnen und jubilieren, dass Deutschland in der Liste nicht ganz hinten liegt, Obacht! Deutschland bietet in dieser Hitliste weniger Handlungsfreiheit als Länder wie z.B. Burkina Faso, Bolivien, Uganda und Senegal. Immer noch zu abstrakt? Die Pro-Kopf-Verschuldung Deutschlands liegt laut offiziellen Zahlen knapp unter 20.000 Euro, mit wachsender Tendenz. Ohne Finanzkosmetik und nach Berechnungen von Professor Bernd Raffelhüschen, denen ich eher zu glauben geneigt bin, liegt sie bei rund 90.000 Euro. 90.000 Euro, die früher oder später jeder von uns einmal wird zurückzahlen müssen - und der Betrag wächst täglich. Wir reden uns ein, die wirtschaftliche Inkompetenz unserer politischen Kaste habe mit uns persönlich nichts zu tun. Wir wählen lieber die warme Lüge. Warum? Das ist alles Psychologie!

2) Wir wählen die falschen Kandidaten.

Wer eine Gemeinschaft verwaltet und sich ihr verbunden fühlt, der wird es sich nicht in einem Parallelkosmos bequem machen. Er wird nach den gleichen Spielregeln spielen, wie alle anderen auch. Andernfalls entgeht ihm vielleicht das Wesentliche.

Und jetzt schauen wir uns das Rentensystem an - das für Politiker und das für Normalverbraucher. Erinnern Sie sich an Hans Eichel? Der frühere Bundesfinanzminister könnte jetzt ein angenehmes Rentnerdasein genießen. Seine Rente ist nämlich sicher. Um eine Rente in gleicher Höhe wie Hans Eichel zu erwirtschaften, so eine Statistik vom Bund der Steuerzahler, müsste ein "normaler" Angestellter den Höchstsatz in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen über einen Zeitraum von - halten Sie sich fest - 210 Jahren. So lange lebt kein Mensch? Ein normaler Mensch vielleicht nicht, ein Politiker schon. Andere prominente Politiker leben ähnlich lang. Spitzenreiter ist Helmut Kohl mit 233 Jahren Beitragszeit.

Damit erklärt sich zumindest, warum deutsche Politiker jahrzehntelang das gesetzliche Rentensystem haben verkommen lassen: Sie waren nicht Teil dieses Systems, nicht persönlich betroffen. "Was schert mich die gesetzliche Rente? Meine Rente ist sicher!" In der Psychologie nennt man dies den "Falschen Konsensus-Effekt". Man handelt nach dem Motto: "Was für andere gilt, gilt nicht für mich. Wenn ich in die Staatskasse greife, ist es normal; wenn andere es tun, ist es abnorm." Sie sehen, auch bei der Rente gilt: Das ist alles Psychologie!

3) Wir haben in Wirklichkeit gar keine Wahl.

Stellen Sie sich vor, Sie kaufen Ihre Brötchen regelmäßig beim Bäcker um die Ecke. Irgendwann einmal schmecken Ihnen die Brötchen nicht mehr. Das Preis-Leistungs-Verhältnis scheint nicht mehr angemessen. Das ist aber kein Problem, denn der nächste Bäcker betreibt seinen Laden nur einen Häuserblock weiter. Bei ihm stimmen Preis und Leistung. Dummerweise verklagt Sie nun ihr ehemaliger Bäcker: Weil er der Bäcker ist, der ihrem Wohnort am nächsten liegt, will er Sie zwingen, beim ihm zu kaufen, andernfalls will er Sie ins Gefängnis bringen. Das Gericht gibt ihm Recht. Absurd? Mitnichten. Die Verwaltung einer Gemeinschaft ist auch eine Dienstleistung, die Sie auf dem freien Markt einkaufen können. Viele Unternehmen verdienen damit Geld. Die Verwaltung einer Kommune, eines Bundeslandes oder einer Nation können wir dagegen nicht auf dem freien Markt einkaufen. Wir schließen keinen Vertrag mit transparenten Konditionen ab, sondern werden als Abonnenten eines nebulösen Leistungspakets, das nicht auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist, zwangsbeglückt. Wer seine Dienste den Menschen derart aufzwingt, der glaubt wohl kaum an die Qualität der Leistung. Vielleicht zu recht. Wir mögen vielleicht demokratische Wahlen haben, aber haben wir wirklich eine Wahl? Ist nicht vielmehr ein politischer Wahlkampf ein kulturelles Zeremoniell mit dem Zweck, uns die Illusion einer freien Wahl vorzugaukeln? Ist das alles Psychologie?

4) Und die Auflösung?

Nun, dieser Artikel soll nicht auf Politiker einprügeln. Wir brauchen ja Menschen, die eine Gemeinschaft verwalten. Es fragt sich nur, wie sie das tun und was sie dafür tun. Was der Politiker tut, erscheint ihm sinnvoll innerhalb seines Denksystems, innerhalb seiner Spielregeln. Er hat sich in seiner Partei über lange Jahre nach oben gekämpft, ist also nach den Spielregeln der Parteipolitik durchaus erfolgreich. Nur haben diese Spielregeln wenig mit den Anforderungen der Wirklichkeit, mit den Spielregeln der Bürger zu tun. Ob seine Spielregeln als Ganzes sinnvoll sind, ob sie ihren Zweck erfüllen, hinterfragt er nicht. Spielregeln des menschlichen Miteinander sind nicht naturgegeben. Wir haben sie selbst geschaffen. Und sollten sie einmal nicht mehr den Anforderungen der Gegenwart gewachsen sein, liegt es in unserer Hand, sie zu optimieren. Wir können auch bei der Verwaltung einer Gesellschaft das Design verbessern. Wenn wir nur wollen. Wollen wir? Das ist alles Psychologie!

Wie sieht die Alternative aus? Die Wahrheit ist, es gibt nicht nur eine, es gibt viele Alternativen, die alle bereits lebhaft diskutiert werden. Was können Sie jetzt schon tun? Sie können sich bei jeder politischen Wahl bewusst entscheiden zwischen der warmen Lüge und der kalten Wahrheit. Haben Sie den Mut zur Veränderung und bekennen Sie sich zum erfahrenen Entscheider mit nachweislichem Erfolg im Problemlösen? Auch wenn der vielleicht gar nicht aus der Politik kommt? Auch wenn er - oder sie - vielleicht vorher in der Wirtschaft tätig war?

Bleibt die Möglichkeit, dass keine der Parteien einen akzeptablen Kandidaten anbietet. Dann wählen Sie die Guerilla-Taktik. Lesen Sie "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" von Henry David Thoreau. [Thoreau (1817-1862) war mit dem Finanzhaushalt seiner Nation nicht einverstanden. Er zahlte seine Steuer nicht, wurde für einen Tag ins Gefängnis gesteckt und schrieb daraufhin diesen Klassiker der Weltliteratur.] Bestehen Sie auch in der Politik auf einem fairen Vertrag mit transparenten Konditionen und freier Dienstleisterwahl. Sie sind der Architekt dieser Demokratie! Sie bestimmen mit, nach welchen Spielregeln gespielt wird. Wie sieht für Sie eine lebenswerte Zukunft in diesem Land aus? Denken Sie darüber nach - aber vergessen Sie nicht: Das ist alles Psychologie!

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