Ökonomie und ihre mediale Wahrnehmung

26.05.2006 | Rudolf Homann

(Teils) Ironische Anmerkungen zur Talk-Show-Realität

"Je häufiger eine Dummheit wiederholt wird,
desto mehr bekommt sie den Anschein der Klugheit."

Voltaire

Zu den Dummheiten, die sich durch häufiges Wiederholen den Anschein der Klugheit verschaffen wollen, gehört die von interessierter Seite gebetsmühlenartig vorgetragene Behauptung, die deutsche Wirtschaft sei nicht mehr wettbewerbsfähig und der Sozialstaat nicht finanzierbar. Da nun viele der medialen Akteure gerne zu den Klugen gehören möchte, ohne sich gleich selber gedanklich Zusammenhänge erschließen zu wollen, wird diese These in den Rang der Erkenntnis erhoben und für sakrosankt erklärt.

Die Okkupation der Gesellschaft durch die "ökonomische Rationalität des Kapitalismus" nimmt ihren Lauf. "Die Marktwirtschaft schreitet zur Marktgesellschaft voran", wie es Johano Strasser formuliert. ("Leben oder Überleben - Wider die Zurichtung des Menschen zu einem Element des Marktes") Das Glaubensbekenntnis dieser Rationalität gilt seither als Eintrittskarte in den Club der neoliberalen Zauberlehrlinge der deutschen Talk-Show-Realität. Gesine Schwans Warnung: "Es ist eine uralte Einsicht, dass die kapitalistische Logik die Werte der Demokratie unterminiert", beeindruckt selbst viele Sozialdemokraten, die sich sonst gerne mit den Werten der Aufklärung schmücken, nicht im Geringsten.

Von keinerlei Sachkenntnis getrübt, werden die ewig gleichen Gemeinplätze von der Globalisierung und den Grenzen nationalstaatlicher Politik in die Mikrofone und Kameras gehaucht, gleichzeitig jedoch die Auflösung eines angeblichen Reformstaus in der deutschen Politik angemahnt, als handle es sich dabei nicht um nationalstaatliche Politik. Kurt Tucholskys satirische Erkenntnis, "was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten", feiert fröhliche Urstände. Die "Megaphilosophie der Ökonmie" (Joachim Koch) schwingt sich zur umfassenden Deutungs-, Definitions- und Handlungsmacht auf und reduziert den Menschen auf seine ökonomische Funktion als Produzent oder Käufer von Waren und Dienstleistungen.

Eine verschworene Gemeinschaft von Universaldilettanten aus Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft, die sich zu Kohls Zeiten Generalisten nannte, schickt sich an, uns die metaphysischen Urgründe dieser Welt zu erklären und den Verzicht auf irdische Güter schmackhaft zu machen. Jedenfalls denen unter uns, die mit eben diesen Gütern nicht übermäßig gesegnet sind. Da gerät es schon fast zur Groteske, dass sich ausgerechnet eine Gruppe "wohlhabender Nestbeschmutzer" um den Reeder Peter Krämer angesprochen fühlt und den Staat auffordert, ihnen höhere Steuern abzuverlangen.

In dieser realitätsfernen Subkultur werden innerhalb des durch die Ökonomie vorgegeben Rahmens Probleme geboren, die uns "als wichtige Fragen präsentiert werden" und doch nur das Ziel haben, dass sich die Beteiligten, und sei es in Nuancen, voneinander unterscheiden können. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu beschreibt diese Realität so: "In diesem Spiel, an dem natürlich die Politiker, die Abgeordneten usw. teilnehmen, aber auch Journalisten, politische Kommentatoren, Meinungsforscher usw., werden Interessen definiert, die unabhängig sind von den Interessen der einfachen Wähler." ("Das politische Feld - Zur Kritik der politischen Vernunft")

Sollte sich tatsächlich wider Erwarten jemand mit einer falschen Eintrittskarte in diesen Club verirrt haben und schüchtern einwenden, dass doch die deutsche Wirtschaft gerade zum x-ten Male Exportweltmeister geworden und der Sozialstaat konstitutives Element unserer demokratischen Gesellschaft sei, gilt dieser Einwand allenfalls als Beleg für praktizierte Meinungsfreiheit. Im übrigen wird der "impertinente Mensch" sogleich als "sozialromantischer" Anhänger der Aufklärung oder gar "linker Konservativer" enttarnt, was bedeutet, dass man sich mit seinen Argumenten nicht weiter auseinandersetzen muss. Da wird wohl Mark Twain mit seiner Ansicht richtig liegen: "Tatsachen muss man erkennen, bevor man sie verdrehen kann."

Unter diesen Vorzeichen gerät der als brutalst mögliche Sprachkreation konstruierte Begriff des "linken Konservatismus" geradezu zur Ehrenbezeichnung. Dem Deutschen Michel bleibt da nichts übrig, als sich an Heinrich Heines Ermunterung zu furchtlosem Leben im Diesseits zu halten, ganz ohne metaphysischen Schnickschnack.

Erleuchtung

Michel! Fallen dir die Schuppen
Von den Augen, merkst du itzt,
Dass man dir die besten Suppen
Vor den Augen wegstibitzt?

Als Ersatz ward dir versprochen
Reinverklärte Himmelsfreud,
Droben wo die Engel kochen,
Ohne Fleisch die Seligkeit!

Michel! Wird dein Glaube schwächer
Oder stärker dein Apptit?
Du ergreifst den Lebensbecher
Und du singst ein Heidenlied!

Michel! Fürchte nichts und labe
Schon hienieden deinen Wanst,
Später liegen wir im Grabe,
wo du still verdauen kannst!

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