Neue Wege zum Glück

27.08.2005 | Gregor Simon

"Die Glücksstatistik des Statistischen Bundesamts ist im vergangenen Monat erneut gesunken.", sagt die Nachrichtensprecherin. Eine Utopie? Täglich erreichen uns über die Medien neue Statistiken, die den Erfolg oder den Misserfolg von Politik bescheinigen sollen. Arbeitslosigkeit, Geburtenquote, Verkehrsunfälle, Preissteigerungen. Doch woran kann und woran sollte man den Erfolg von Politik festmachen?

Der Lebensstandard in Deutschland hat sich in den letzten 50 Jahren enorm erhöht. Wir sind eine der reichsten Nationen der Welt und dennoch beklagen wir uns über jede schlechte Meldung, die wir den Medien entnehmen. "Bad news are good news", denn sie bestätigen die gefühlte Situation und erleichtern es allgemeine Probleme für das eigene Unglück verantwortlich zu machen. Doch warum sind die Deutschen so unglücklich?

Es zeigt sich, dass der "Glücksindex" in Entwicklungsländern mit dem Einkommen steigt. In den Industrieländern spielt das Einkommen für das Wohlbefinden jedoch eine wesentlich geringere Rolle. Daher müssen wir uns fragen, weshalb sich die Politik so sehr auf ökonomische Themen konzentriert und die psychischen Bedürfnisse der Menschen nicht berücksichtigt. Es ist doch kein Wunder, dass wir nicht glücklich werden, wenn man uns verspricht, dass sich nur mit einer besseren ökonomischen Entwicklung auch unser Leben verschönert. Unzufriedenheit lässt sich über die Differenz zwischen einem Ist-Zustand und einem Soll-Zustand definieren. Beschreibt eine Gesellschaft einen Soll-Zustand als wünschenswert, der sich mit dem Ist-Zustand vieler Menschen nicht deckt, ist Unzufriedenheit die natürliche Folge.

Vorfahrt für Arbeit, Schluss mit der Arbeitslosigkeit - so tönt es aus den Kanälen der Republik. Wir leben in einer Erwerbsgesellschaft in der die Erwerbstätigkeit schon fast zum Selbstzweck geworden ist. Arbeitslose sind in den Augen der Politik unerwünscht. Jede Steigerung in der Arbeitslosenstatistik ist ein Stich für die amtierende Regierung. Seit Jahren werden Arbeitslose in arbeitspolitischen Maßnahmen geparkt, um die Statistik zu schönen und erst die Hartz-Reformen haben die verdeckte Arbeitslosigkeit in der Sozialhilfe aufgedeckt. Meist stehen nicht die Gefühle der Menschen, sondern der äußere Schein der Statistik im Mittelpunkt von Regierung und Opposition. Unzähligen Trash-Talkshows outen Arbeitslose als faule Schmarotzer, so dass die Medien zusätzlich zu einem negativen Bild der Arbeitslosigkeit beitragen. In einem Land in dem die Massenarbeitslosigkeit zu einem alltäglichen Phänomen geworden ist, setzt dies dem Selbstbild der Betroffenen zusätzlich zu. Klassische Geschlechterrollen, die den Mann als Ernährer sehen, der sich über seine Erwerbstätigkeit definiert, werden zu einer Belastung für arbeitslose Männer. Dass die Würde des Menschen auch für Arbeitslose unantastbar bleibt und das Menschenbild der Verfassung Bürger nicht nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen bewertet, bleibt vielen großen Köpfen der Gesellschaft verborgen. Menschen sind nicht nur arbeitslos. Sie sind Freundinnen und Freunde, Vereinsmitglieder, Verwandte und für manche die Liebe ihres Lebens.

Die Politik darf keine falschen Erwartungen versprechen. Sie muss das langfristige Glück von Menschen im Auge behalten. Man muss spüren, dass man auch ohne Erwerbsmöglichkeit geschätzt wird. Die Gesellschaft muss sich darauf einrichten, dass Erwerbsarbeit im Zeitalter der Massenproduktion und der Globalisierung keine Selbstverständlichkeit sein wird. Neue Wege müssen Alternativen aufzeigen anstatt in dem Bild der einstigen Erwerbsarbeitsgesellschaft zu verharren. Wenn sich Politiker am Glück der Menschen anstatt an der Arbeitslosigkeit messen lassen würden, wäre bereits viel gewonnen.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Arbeitspolitik | Gregor Simon | weiterempfehlen →