Multi Kulti - fast ein Nachruf

09.05.2006 | Dietmar Fritze

Mit der S-Bahn unterwegs im Ruhrgebiet fühle ich mich regelrecht verpflichtet, noch einmal die Werbetrommel zu rühren für das ins Wanken geratende Konzept "Multi-Kulti".

Gegenüber nimmt gerade Platz eine junge Russin mit ebenmäßigen Gesichtszügen, blondem Haar, weißer Bluse. Ihr Sitznachbar mit fast rabenschwarzer Hautfarbe verkriecht sich noch verbissener in die Ohrhörer seines mp3-Players, um nur ja nichts von der frisch aufgetauchten kleinen erotischen Sensation neben sich wahrnehmen zu müssen. Ein Abteil weiter lärmen vier Jugendliche im Rütli-Schul-Deutsch herum und amüsieren sich mit einem Display, auf welchem ein kleines Totschieß-Spielchen läuft. Durch den Kopf geht mir die Erzählung einer anderen Reisenden vom Vortag, einer Filmschaffenden (Ines Meyer-Kormes). Sie soll in Brandenburg bei einem Projekt helfen, gewalttätige Jugendliche zu resozialisieren. Sie fragte mich, was ich von dem Wunsch der Jugendlichen halten würde, ein Film-Dokument zu produzieren, in welchem einem Schwein echt die Kehle durchgeschnitten wird. Ich sagte ihr, ich hielte davon überhaupt nichts. Ja aber was man denn mit denen anstellen solle? Ich weiß nicht, vielleicht mal auf einem Bauernhof einem Schwein bei der Geburt eines Ferkels helfen? Hinter mir liest gerade ein Gebirge von 1,90-Mann (wer kennt noch die Märchen-Figur "Rübezahl"?) seiner kleinen 1,56-Frau die Schilder auf den Bahnsteigen vor (scheinbar einer abgearbeiteten polnischen Kolchose-Bäuerin). Die Russin vor mir steigt aus. Der Afrikaner samt mp3-Player hinterher. Er hat ein schwarzes T-Shirt an. Auf dem Rücken lese ich in Fraktur-Schrift: Germany. Ein Pärchen nimmt vor uns Platz, mit dem wir ins Gespräch kommen. Sie ist spanische Gitarristin, er hat gerade einen Lehrgang für die Qualifikation als "Tondesigner" absolviert. Ihr Auto hat gerade den Geist aufgegeben. Trotzdem muss es schnell weitergehen zum nächsten Auftrittstermin. Nebenan klickt sich verbissen eine Architekturstudentin (Rasta-Locken) durch ihre Zeichnungen auf dem Notebook. Ihr gegenüber macht eine junge sehr asiatisch aussehende Dame ihr gelbes Reclam-Büchlein zu. Darauf steht: Platons Gastmahl. "Schöne Grüße an Sokrates", murmele ich der zur Tür Steuernden hinterher. Hört sie nicht. Der Digital-Sound-Designer vor mir erzählt stattdessen laut, er habe vor, in Berlin in einem Loft eine Künstler-WG zu gründen.

Na, ich drück die Daumen.

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