Missverständnis Krise

13.05.2009 | Ulf D. Posé

Das Wort Krise leitet sich her von dem altgriechischen Verb krínein, das trennen und (unter)scheiden bedeutet. Eine Krise ist demnach eine Entscheidung oder eine entscheidende Wendung. Sie ist, wie der Duden definiert, eine Situation oder Zeit, „die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt“.

Anders als im verbreiteten Sprachgebrauch ist eine Krise der eigentlichen Wortbedeutung nach weniger ein Zustand, sondern eine Zustandsänderung. Sie beinhaltet immer die Chance zu einer entscheidenden Wendung. Allerdings stellt eine Krise einen Bifurkationspunkt dar. Dieser Begriff aus der Chaostheorie bedeutet, dass es zwei mögliche Ausgänge gibt: Entweder es gelingt, die Krise erfolgreich abzuwenden, oder sie nimmt einen dauerhaft negativen Verlauf. Dann spricht man von einer Katastrophe, was so viel heißt wie Niedergang.

Diese Begriffsklärung ist aufschlussreich, denn offensichtlich verwenden wir den Begriff Krise eher im Sinne von Katastrophe und haben die zweite Möglichkeit einer entscheidenden Wendung zu wenig im Blick. Das heißt: Eine erfolgreiche Abwendung einer Krise ist jederzeit möglich – allerdings nur dann, wenn Kompetenz und Risikobeherrschung das Handeln bestimmen. Sind stattdessen Angst, Panik und Hysterie die handlungsleitenden Motive, verstärkt dies die Tendenz hin zur Katastrophe.

Die Frage ist: Gehen wir diese weltweite Krise mit Kompetenz und Risikobeherrschung an oder mit angst-, panik- und hysteriegesteuerten Aktionen? Sicher beherrschen derzeit Unsicherheit, ein Gefühl der Bedrohung und das Ahnen um die Zukunftsbedeutung unserer Aktionen die meisten Entscheidungen. Aber die heftigen Emotionen, die sie begleiten, lenken unseren Blick fort von den wesentlichen Maßnahmen hin zu Nebenschauplätzen. Um es mit Alfred Herrhausen zu sagen: „Blinde Hektik und leerer Aktionismus sind Kennzeichen unserer Zeit.“ Als ob er es gestern gesagt hätte!

Kernpunkte einer Krisenbewältigung wären nach Meinung von Experten eine weltweit einheitliche Finanzpolitik, die Entsorgung der „toxischen“ Wertanlagen, der Abbau der weltweiten Ungleichgewichte und ein international abgestimmter Umbau der inzwischen sehr komplexen globalen Wirtschaftsstruktur. Womit jedoch beschäftigte sich zum Beispiel der G-20-Gipfel? Er befasste sich mit der Reform der Finanzwelt, nicht mit einer weltweit einheitlichen Finanzpolitik, wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert M. Solow kritisierte. Einzelaktionen stehen im Vordergrund, wo koordiniertes Vorgehen notwendig wäre. China will den Dollar als Leitwährung abgeschafft sehen, die USA wollen zwei Billionen Dollar in die schwächelnde Wirtschaft investieren, und alle gemeinsam streben nach einer Regulierung von Managergehältern. Man gibt vor, international handeln zu wollen, handelt tatsächlich aber national. Man versäumt es, die Komplexität der Krise zu vereinfachen, sondern ersetzt sie durch Kompliziertheit – was wieder notwendig macht, mit einfachen Maßnahmen Handlungsfähigkeit zu beweisen, ganz unabhängig davon, ob diese geeignet sind, ihr Ziel zu erreichen. Wie die Abwrackprämie für Altautos, die einerseits nicht bundesdeutsche Automarken mit deutschen Steuergeldern subventioniert und andererseits den heimischen Gebrauchtwagenmarkt ruiniert. Ähnliches gilt für die mit Geldern aus den Rettungspaketen gesegneten Banken, die die Wirtschaft strangulieren, indem sie ihr Geld beisammenhalten, kaum noch Kredite herausrücken und Kreditlinien aufkündigen.

Die aktuellen Maßnahmen zur Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise sowohl in der Politik wie auch in Teilen der Wirtschaft und Finanzwelt zeigen für mich deutliche Anzeichen eines Krisenkults. Ein Krisenkult ist durch verzweifelte und irrationale Handlungen gekennzeichnet; Beispiele sind der Geistertanz der nordamerikanischen Indianer oder der Boxeraufstand in China. Ein Krisenkult will Hoffnung in hoffnungslosen Zeiten spenden, er will das Unmögliche wieder Realität werden lassen. Voraussetzung dafür ist eine klare Schuldzuweisung, ein stabiles Feindbild. Das derzeitige Feindbild sind die Manager. 80 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung sind dafür, Managergehälter, Sportler- und Künstlerbezüge nach oben zu begrenzen. Diese Stimmung wird von der Politik geschürt. Politiker wie Franz Müntefering haben schon seit Jahren daran mitgewirkt, dieses Feindbild aufzubauen. Müntefering behauptete zum Beispiel, manche Managergehälter würden das Tausendfache eines Durchschnittslohns betragen. Tatsächlich bewegen sich Gehälter in Dax-Unternehmen aber zwischen 26.000 Euro und 80.000 Euro im Jahr, Vorstand und Geschäftsführung einmal ausgenommen. Sollte Müntefering recht haben, dann müsste bei einem durchschnittlichen Belegschaftsgehalt von 40.000 Euro ein durchschnittlicher Dax-Vorstand rund 40 Millionen Euro verdienen. Doch der Spitzenverdiener unter den deutschen Topmanagern, Josef Ackermann, kommt gerade auf 14 Millionen, die beiden nächsten im Ranking liegen schon unter zehn Millionen. So macht man Stimmung.

Die in Deutschland hitzig geführte Debatte um Höhe und Angemessenheit von Managergehältern beschäftigt inzwischen auch die EU. „Es ist nicht mehr hinnehmbar, dass bestimmte Unternehmenschefs von übermäßigen Gehältern und vor allem von goldenen Handschlägen profitieren, die nicht im Zusammenhang mit der Leistung stehen“, sagte Jean-Claude Juncker, Vorsitzender der Eurogruppe und luxemburgischer Ministerpräsident, nach einer Sitzung der Finanzminister der Eurozone. Der G-20-Gipfel hat Managerbezüge zum Thema gemacht, selbst CSU-Chef Seehofer will die steuerliche Absetzfähigkeit von Abfindungen begrenzen, die unter dem Rettungsschirm stehenden Banken zahlen auf politischen Druck hin maximal 500.000 Euro Jahresgehalt an ihre Vorstände, und in den USA sollen Bonuszahlungen im Nachhinein mit 90 Prozent besteuert werden. Da darf Oskar Lafontaine nicht fehlen, der einen neuen Höchstsatz von 80 Prozent Einkommenssteuer empfiehlt. Das tut der Volksseele gut.

Was jedoch fehlt, sind nachvollziehbare ökonomische, rechtsstaatliche oder ethische Begründungen. Wieso 500.000 Euro und nicht mehr oder weniger? Wieso 80 oder 90 Prozent Steuern und nicht mehr oder weniger?

Der öffentliche Umgang mit Managern im Allgemeinen und Managerbezügen im Besonderen zeigt alle Anzeichen von Zorn und Wut, zeigt Anzeichen eines Krisenkults. Oder meinen Sie vielleicht im Ernst, eine irgendwie geartete Begrenzung oder Besteuerung von Bezügen würde uns aus der Krise katapultieren? Ein wenig mehr Sachverstand, ein wenig mehr Kompetenz und etwas weniger Emotionen würden helfen.

Wenn dann irgendwann Panik, Hysterie, Angst und Zorn verflogen und Verzweiflung und totale Verunsicherung uns aus ihrer Umklammerung entlassen haben werden, dann sehen wir vielleicht, dass der zweite Ausgang des Bifurkationspunktes uns nicht mehr offensteht. Sie erinnern sich: Diese zweite Entwicklungsmöglichkeit in einer Krise führt über Kompetenz und Risikobeherrschung.

Was aber bedeutet Kompetenz und Risikobeherrschung? Nun, zunächst einmal sollten wir intelligent handeln. Intelligenz ist die Fähigkeit eines Menschen, sich konzentrieren zu können, Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden und Regelmäßigkeiten erkennen zu können. Wenn Intelligenz fehlt, dann bleibt nur noch der gute Wille. Guter Wille gepaart mit Inkompetenz erzeugt eine ziemlich gefährliche Mischung: Dann baut man nur noch Mist im Bewusstsein, etwas Gutes zu tun. Bestes Beispiel für solche Fehleinschätzungen ist die fehlende europaweite Harmonisierung der Bankenaufsicht. Auch die Versuche, die politische Macht auszuweiten, statt der Krise mit wirksamen Maßnahmen zu begegnen, gehören dazu.

Kompetenz besteht aus drei Dingen: Erstens Kenntnis des Sachverhalts und der theoretischen Anforderungen, zweitens eigenverantwortliches und selbständiges Arbeiten, drittens die Fähigkeit, Zusammenhänge fachspezifischer Fragestellungen zu erkennen und sachgerecht beurteilen zu können. Daneben sollte die Fähigkeit vorliegen, vorhandene Probleme sachlich und technisch einwandfrei und zielgerecht zu lösen. Kompetent sein heißt auch, zu wissen, wovon man spricht. Man sollte sich also auskennen. Das ist derzeit leichter gesagt als getan. Derzeit schwimmen wir auf einem See von Emotionen. Von der Sache selbst, also von ihrem Wesen sprechen wir kaum, wir sprechen von den Gefühlen, die wir haben. Doch geben uns die Gefühle keine rechte Auskunft über die Sache selbst. Wir sollten uns also wieder um das Wesentliche in der Finanz- und Wirtschaftskrise kümmern. Statt populistisch die Emotionen zu bedienen, sollten unsere Politiker diejenigen konsultieren, die von der Sache etwas verstehen. Wirtschaftsexperten gibt es genug, nicht wenige Nobelpreisträger sind darunter. Experten unterscheiden sich von Laien dadurch, dass sie über qualitatives Wissen verfügen. Sie wissen also nicht mehr, sondern besser. Warum beziehen wir dieses Wissen nicht stärker in die Entscheidungsfindung ein?

Entscheidend neben der Kompetenz ist die Risikobeherrschung. Notwendige Voraussetzung hierfür ist ein gutes Risikomanagement: die Fähigkeit, Risiken und deren Steuerung systematisch zu erfassen, zu bewerten und Maßnahmen zur Bewältigung zu steuern. Risikomanagement analysiert ein Gesamtrisiko, schaut, wie sich einzelne Risikofaktoren gegenseitig beeinflussen, und zeigt die Konsequenzen für das Gesamtsystem auf. So wäre zum Beispiel zu prüfen, welche Auswirkungen die Abwrackprämie auf den zukünftigen Automarkt, den Gebrauchtwagenmarkt, die Zulieferer, den Steuerzahler hat. Haben Sie davon gehört, dass diese Einflüsse überprüft worden wären? Notwendig wäre aber eine Bewertung des Gesamtrisikos einzelner Maßnahmen. Dazu gehören die folgenden Schritte:

Risikoabschätzung: Das bedeutet nicht, nur einzelne Risiken zusammenzuzählen, sondern auch deren gegenseitigen Einfluss aufeinander kritisch zu betrachten. Eine solche Risikoabschätzung ist dringend notwendig, will man Risiken vermeiden, vermindern und begrenzen. Dazu sollte Klarheit über das Risiko selbst bestehen. Derzeit tun weltweit Politiker so, als kennten sie das Risiko der Finanz- und Wirtschaftskrise sehr genau. Wirtschafts- und Finanzexperten aus der Welt der Wissenschaft aber sind überwiegend ganz anderer Meinung.

Risikominderung und Risikobegrenzung: Dazu ist es erforderlich, Risikopotenziale realistisch einschätzen zu können, und sie auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

Risikovermeidung: Politik, Finanzwelt und Wirtschaft stehen in der Pflicht, Risiken sorgsam abzuwägen und besonders risikobehaftete Aktivitäten zu unterlassen. Das betrifft Maßnahmen, die den Bestand unserer Gesellschaft gefährden.

Risikoüberwälzung: Risikoüberwälzung bedeutet, sie auf alle Schultern angemessen zu verteilen. So hätte sich der G-20-Gipfel auf eine Risikoverteilung einigen müssen. Nationalstaatliche Interessen behindern dies derzeit.

Risikoakzeptanz: Zur Bewältigung einer Krise gehört nicht zuletzt die Akzeptanz. Wir sollten also etwas erfahren über die Restrisiken aller Entscheidungen.

Voraussetzung für akzeptable Entscheidungen ist ihre begründete Abwägung. Hierbei leistet eine Entscheidungsmatrix gute Dienste, wie ich sie in meinem Beitrag über Handlungskompetenz vorgeschlagen habe:

  • Wähle die Alternative, die einer größeren Anzahl von Menschen nutzt oder voraussichtlich nutzen kann.
  • Wähle die Alternative, die einer geringeren Anzahl von Menschen schadet oder schaden kann.
  • Wähle die Alternative, die voraussichtlich vor allem sozial Schwachen nutzt.
  • Wähle die Alternative, bei der voraussichtlich die Schädigung der Umwelt klein bleibt oder der Schaden nur kurzfristig eintritt.
  • Wähle die Alternative, die den geringsten sozialen, emotionalen und finanziellen Aufwand erfordert.
  • Wähle die Alternative, die die geringsten Reibungsverluste und damit die geringsten Interaktionskosten hervorruft.
  • Wähle die Alternative, die mit dem geringsten Aufwand verständlich gemacht werden kann.
  • Wähle die Alternative, die bei unerwarteten Folgen am leichtesten rückgängig gemacht werden kann.

Die derzeitigen Maßnahmen lassen solche Überlegungen nicht vermuten. Dennoch: Wenn es uns gelingt, nationalstaatliche Interessen globalen Interessen unterzuordnen, Experten noch stärker mit einzubeziehen, Nebenschauplätze endlich zu verlassen, und uns kompetent den wesentlichen Entscheidungen zu widmen, dann ist mir nicht bange um eine erfolgreiche Bewältigung der Krise. Es kann sein, dass wir dabei verlieren. Das aber sollte uns nicht davon abhalten, es wenigstens zu versuchen.

Erschienen auch auf changeX.

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